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Münster (upm)

"Lass die Hose ruhig an, Maximilian!"

Psychologin Prof. Dr. Regina Jucks berichtet über Möglichkeiten und Herausforderungen des Elterndaseins an der WWU
Prof. Dr. Regina Jucks<address>© WWU - Benedikt Weischer</address>
Prof. Dr. Regina Jucks
© WWU - Benedikt Weischer

"Maximilian, lass die Hose ruhig an!" Hab' ich das gerade wirklich laut ins Telefon gesagt? Während ich unseren Sohn Erik und seinen Freund zum Fußballtraining (draußen) gebracht habe, kam der Anruf eines Kollegen. Wir diskutierten über eine anstehende Datenerhebung, und die Kinder liefen schon zu ihrer Mannschaft. Dann fiel mir auf, dass es zu kalt war für das kurze Sportleroutfit, und ich muss wohl diesen Satz ins Telefon gesprochen haben. Mein Kollege meinte nur ganz cool: "Wenn es Dir gerade nicht passt, telefonieren wir später weiter."

Das Zusammentreffen der Familien- und Arbeitswelt gehört für mich zum Alltag. Einer meiner Lieblingssprüche in diesem Zusammenhang ist: "Die Kinder sind auch noch da, wenn man sie gerade nicht sieht!" Diesen schönen! Umstand organisieren Elternteile ganz unterschiedlich und in der Regel für die Arbeitswelt geräuschlos. Ich bin auf jeden Fall oft erstaunt, wie wenig wir im Arbeitskontext von der Familienwelt mitbekommen; wie unauffällig die familiären Aufgaben und Anlässe um die Arbeit herum organisiert werden. Ist das wünschenswert? Ja und nein! Forschung und Lehre benötigen Zeit und Aufmerksamkeit. Ach ja, die Familie auch. Und damit entstehen unausweichlich individuelle und strukturelle Konflikte um unsere wertvollste Ressource: die Zeit. Ich weiß nicht, wie viel "gute" Forschung zum Beispiel beim Wickeln geplant wird. Ich behaupte aber, dass ein wertschätzender Umgang mit der eigenen Zeit und der Zeit anderer beiden Bereichen zugute kommt.

Die Möglichkeit, Vollzeit zu arbeiten, bedeutet für mich, die Abendstunden und auch Wochenendzeiten einzubeziehen. Ich möchte das nicht als wünschenswertes Modell darstellen. Es ist bei mir einfach so, dass meine Arbeit auch mein Hobby ist und ich meine Arbeit (zumindest meistens) nicht als "den Preis, den man als berufstätige Mutter zahlen muss", erlebe. Es bedeutet auch, dass sich Familienleben und Arbeitsleben gegenseitig zur Kenntnis nehmen und aufeinander Rücksicht nehmen müssen. Gut ist, wenn – wie bei mir – der Partner/die Partnerin dies mitträgt und im Rahmen der Möglichkeiten unterstützt. Wissenschaft als Beruf ist durchaus gut geeignet für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wenn die beteiligten Akteure dies offen und vertrauensvoll diskutieren und aushandeln. Ich sehe hier vor allem bei den Beschäftigten in Verwaltung und Technik Handlungsbedarf, denn dort ist die Ressource Zeit oft weniger flexibel zu gestalten als im wissenschaftlichen Bereich.

Wichtig ist, ein Netzwerk an Unterstützung aufzubauen, das für die Kinder gut funktioniert.
Prof. Dr. Regina Jucks


Als Hochschullehrerin bin ich in der komfortablen Situation, viele Termine selbst legen zu können, und dennoch ist das Jonglieren mit den verschiedenen Aufgaben und Erwartungen durchaus anspruchsvoll. Ich habe unsere Kinder erst mit 35 und 37 Jahren bekommen, als ich schon habilitiert war, sodass die Qualifikationsphasen ohne das Jonglieren zwischen Beruf und Familie liefen. Mit dem Wechsel auf die erste Professur (da waren wir in Frankfurt am Main) hat mein Mann ein halbes Jahr Elternzeit genommen und wir haben uns danach die Betreuungsaufgaben geteilt. Die Kinder haben beide einen Platz in der Campus Kita bekommen, und das ging genauso gut (und manchmal auch schlecht), wie es wohl gehen kann. Jetzt sind unsere Kinder beide in der Schule und die persönlichen Herausforderungen des Familienmanagements werden überschaubarer, wenn ein Kind zum Beispiel krank ist oder ein wichtiger familiärer Termin parallel zu einem dienstlichen Termin liegt. Wichtig ist, ein Netzwerk an Unterstützung aufzubauen, das für die Kinder gut funktioniert. Bei uns sind das – an den Randzeiten nach der regulären Betreuung – vor allem die Großeltern.

Es ist mir ein Anliegen, eine Diskussions- und Ermöglichungskultur für das Eltern-Sein an der WWU mitzugestalten und nach individuellen und strukturellen Lösungen zu suchen. Gegenseitiges Interesse und Verständnis für die persönlichen Lebensumstände – mit und ohne Kind – sind ein guter Anfang. Also: Lass die Hose ruhig an, Maximilian!

Regina Jucks ist Professorin für Sozialpsychologische Grundlagen von Erziehung und Unterricht am Institut für Psychologie in Bildung und Erziehung der WWU. Zugleich ist sie wissenschaftliche Leiterin des Zentrums für Hochschullehre und Vorsitzende der Gleichstellungskommission des Senats.

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 2, 26. April 2017.

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