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Münster (upm)

Auf den Spuren der Bücher

Ein Rundgang durch den Lesesaal, die Magazine und das DigiLab
Platzsparend: Die Bücher im ersten Untergeschoss der Zentralbibliothek sind nach Größe sortiert. Dadurch passen mehr Regalböden übereinander, als wenn verschiedene Größen nebeneinander stehen würden.© WWU - Peter Grewer
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Sebastian kämpft mit den Büchern. Egal, wie er sie in seinem Rucksack stapelt – es passen nicht alle hinein. "Ich habe demnächst eine mündliche Prüfung und brauche viel Literatur. Ein paar Bücher muss ich wohl hier lassen", meint der Lehramtsstudent. Also nimmt er den Rest und macht sich auf den Weg zur Ausleihtheke im Erdgeschoss der Universitäts- und Landesbibliothek Münster (ULB). Eine Mitarbeiterin nimmt seine Bücher entgegen und scannt sie. Einige Exemplare wandern auf einen Rollwagen. Sie gehören zurück ins Lehrbuchmagazin im Erdgeschoss und lassen sich auf dem Wagen bequem dorthin schieben. Alle übrigen Bücher, die vorgemerkt wurden, in Zweigbibliotheken gehören oder in eine andere Etage müssen, sortiert die Mitarbeiterin in eine graue Plastikkiste.

Auch wenn digitale Medien immer wichtiger werden – Bücher stehen nach wie vor im Mittelpunkt der ULB. Wer glaubt, dass es mit der Ausleihe und dem Zurückstellen in eines von mehreren Regalen getan ist, der irrt. Die mehrere Tausend Quadratmeter große ULB gleicht einer kleinen Stadt mit zig Häusern respektive Räumen und Abteilungen – ein wohl geordneter Mikrokosmos. Wie funktioniert diese hochmoderne Bibliothek? Ich bin für die wissen|leben am Krummen Timpen auf Erkundungstour gegangen: Ich verfolge den denkbaren Weg eines Buches, um auf diese Weise dieses beeindruckende Haus der Bücher kennenzulernen.

Mein Buch liegt also in einer Kiste, mein erster Weg führt mich in den Raum hinter der Ausleihe. Dorthin fahren die vollen Plastikkisten automatisch auf einer Transportbahn mit Rollen. "Wir schauen sie durch und sortieren nach Zielorten. Außerdem überprüfen wir, ob die Vormerkzettel stimmen, die in den Büchern stecken", erklärt Burkard Rosenberger, Leiter des Dezernats Benutzung der ULB. An den Kisten sind kleine Drehschalter mit einem Barcode. "Wenn ich den auf das erste Untergeschoss stelle, erkennt unser Bücheraufzug automatisch, wohin die Reise geht." Denn die Transportbahn mündet in einer Klappe in der Wand, hinter der sich ein Aufzug versteckt. Burkard Rosenberger dreht den Schalter und schickt die Kiste per Knopfdruck ins erste Untergeschoss. "Maximal 50 Kilogramm können mit dem hauseigenen Bücherfahrstuhl verschickt werden. Schauen wir doch mal, ob die Kiste schon unten angekommen ist", meint er und drückt den Knopf am Fahrstuhl für Personen.

Die ruhigen Arbeitsplätze im Lesesaal sind sehr beliebt

Tatsache, die Kiste ist im Magazin des ersten Untergeschosses angekommen. Eine Mitarbeiterin sortiert die Bücher bereits in dafür vorgesehene Regale grob nach Signaturen. "Dann geht das Einstellen am richtigen Platz schneller, weil man alles auf einen Wagen packen und dort fein sortieren kann", erklärt Burkard Rosenberger. Hier unten stehen schier endlose Regalreihen, auf denen die Bücher nach Größe sortiert sind. "Die Signatur ist nicht systematisch. Theologiebücher stehen beispielsweise neben Jurapublikationen", erläutert der Fachmann. Insgesamt 600.000 Bücher gibt es im Freihandbereich der Zentralbibliothek. Ohne vorherige Recherche lässt sich hier kaum etwas finden.

Wer Hilfe beim Suchen braucht, geht am besten zur Infotheke im Erdgeschoss. Dort hat Angelika Kachel gerade Dienst, als eine Studentin sie anspricht: "Ich suche ein Wörterbuch für Englisch und Deutsch." "Haben Sie denn schon in Disco geschaut?", fragt die Mitarbeiterin und meint damit natürlich keinen Nachtclub, sondern eines der Online-Suchportale der ULB. Die Studentin verneint, und Angelika Kachel zeigt ihr, wie die Suche nach dem Wörterbuch funktioniert. Wenige Minuten später hat sich die Studentin die Signatur notiert und macht sich auf den Weg zum Standort.

Nicht jedes Buch kann mitgenommen werden. "Ich brauchte für meine Dissertation eine historische Quelle, und die gab es nur auf Mikrofilm. Also saß ich stundenlang im DigiLab der ULB und habe den Film eingescannt", berichtet Geschichtsstudentin Alissa. Im Erdgeschoss können Nutzer im DigiLab kostenlos Medien digitalisieren. "Die Anleitungen liegen auf dem Tisch. Wenn jemand Fragen hat, gibt es ein Sorgentelefon und wir helfen gerne weiter", erzählt Hartmut Tombrock, der in der Abteilung Digitale Dienste arbeitet.

Die Bücher aus den Lesesälen im ersten Obergeschoss müssen ebenfalls in der ULB bleiben. "Damit die Nutzer in Ruhe lesen können, haben wir rechts neben der Tür des Hauptlesesaals einen Automaten mit Ohrstöpseln aufgestellt", berichtet Elke Kock, die Gruppenleiterin für Dokumentenlieferdienste und Lesesaal ist. Die ruhigen Arbeitsplätze im Lesesaal sind sehr beliebt. Lehramtsstudent Sebastian schätzt vor allem die Atmosphäre der Zentralbibliothek. "Das klingt vielleicht etwas komisch, aber wenn ich hier lerne, fühle ich mich als Teil eines großen Ganzen. Außerdem lenke ich mich nicht so leicht wie zuhause ab." Acht Stunden hat er heute gelernt. "Natürlich mit Pausen. Allerdings sollten die nicht zu lange dauern, denn dann ist der Platz weg." Für kurze Pausen gibt es rote "Parkscheiben", auf denen die Nutzer den Beginn ihrer Pause einstellen können. 30 Minuten Pause sind erlaubt. Zwischen 12 und 14 Uhr ist eine volle Stunde garantiert, danach darf der nächste Interessent den Platz nutzen.

Auf dem Tisch von Gruppenleiterin Elke Kock stapeln sich polnische Bücher, die sie aus dem Lesesaal aussortiert hat. "Ab und zu machen wir Revision und schauen, was nicht so oft genutzt wird und in andere Magazine kann." Weniger Bücher werden es trotzdem nicht, denn für Nachschub im Lesesaal und den Magazinen sorgen die Fachreferenten der ULB. Dr. Viola Voß ist für den Fachbereich Philologie der Universität Münster zuständig. "Ich schaue beispielsweise Verlagsprospekte durch oder sehe mir an, was die deutsche Nationalbibliothek für Publikationen kauft." Außerdem können Nutzer ihr Werke vorschlagen. "Wenn ich mich für ein Buch entscheide, schicke ich die Bestellung an die Kollegen der Medienbearbeitung."

Die Bestellungen landen zum Beispiel im E-Mail-Postfach von Gabriele Kemper. Sie und ihre Kolleginnen arbeiten in der Medienbearbeitung in der dritten Etage, wo normalerweise kein Nutzer hinkommt. "In unserem Bestellsystem suche ich nach dem Titel und erzeuge einen neuen Titeldatensatz, damit das Buch in den Katalog aufgenommen wird", erklärt sie. Nach vielen Klicks wählt sie einen Lieferanten aus, und das Buch ist bestellt. "Normalerweise ist es innerhalb von ein paar Tagen bei uns und kann ausgeliehen werden." Bevor es so weit ist, kümmern sich Kollegen der Schlussstelle einen Raum weiter um die letzten Schritte. "Wir bereiten Bücher und andere Medien für die Ausleihe vor. Sie müssen beispielsweise noch mit Signaturen versehen und mit Sicherungsstreifen beklebt werden", erzählt Heike Hayden aus der Schlussstelle. Falls noch Schlagwörter für den Onlinekatalog fehlen, fügt der Fachreferent sie hinzu. Jetzt liegen die Bücher in der Ausleihe bereit.

FRIEDERIKE STECKLUM

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 5, 20. Juli 2016. Weitere Einblicke hinter die Kulissen der Universitäts- und Landesbibliothek Münster sind dort auf den Seiten vier und fünf zu finden.

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