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Münster (upm/ja)

"Social Media macht Propaganda im Netz immer einfacher"

Wissenschaftler wollen verdeckte Stimmungsmache im Internet entlarven / Drei Millionen Euro für Studie
Im Internet geht es oft laut und ruppig zu.<address>© WWU - Wirtschaftsinformatik</address>
Im Internet geht es oft laut und ruppig zu.
© WWU - Wirtschaftsinformatik

Seit die Welt das Internet kennt und ständig neue Kanäle und Foren in den sozialen Medien hinzukommen, gerät die Welt im Netz – positiv wie negativ – aus den Fugen: Jeder kann jeden auf unterschiedlichen Wegen mit Neuigkeiten, mit Werbung und mit seiner Meinung erreichen. Mal ist es seriös und fundiert, mal ein blöder Kommentar, nicht selten offener Hass, manchmal auch sehr subtile und koordinierte Propaganda. Wie man erkennt, ob sich hinter scheinbar ernsthaften Netz-Angeboten im Internet nicht doch manipulierte Meinungsmache verbirgt, wollen Wissenschaftler der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) interdisziplinär ergründen. Das Forschungsprojekt "Erkennung, Nachweis und Bekämpfung verdeckter Propaganda-Angriffe über neue Online-Medien" wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit rund drei Millionen Euro gefördert.

In erster Linie geht es um verdeckte Propaganda über Online-Medien, die auch journalistische Formate  angreifen und so die Öffentlichkeit verzerrt darstellen, wenn nicht gar manipulieren. "Es muss offengelegt werden, wie Akteure im Netz unterwegs sind, um ihre angebliche Wahrheit zu verbreiten", sagt der Wirtschaftsinformatiker Dr. Christian Grimme, der das Verbundprojekt koordiniert. Das Problem quasi automatisierter Propagandaangriffe auf Online-Medien sei auch, dass massenhaft tendenziöse Posts ein Meinungsbild suggerierten, das dann von "traditionellen" und oft als glaubwürdiger betrachteten Medien aufgegriffen werde. "Dadurch wird es letztlich erst validiert", erklärt  der Verbund-Koordinator.

In dem Projekt kommt erstmals ein Team aus Kommunikationswissenschaftlern, IT-Sicherheitsforschern, Statistikern, Journalisten sowie Unternehmen für IT-Sicherheit und Datenschutz zusammen. Ihr Ziel: Die Entwicklung von echtzeitfähigen Analyseverfahren, um zu einer automatischen Propaganda-bezogenen Beurteilung von Inhalten der Online-Medien beizutragen und damit die Abwehr von verdeckten Propagandaangriffen auf die öffentliche Meinung zu unterstützen.

Neben WWU-Wissenschaftlern der beiden Fachgebiete Kommunikationswissenschaft (Prof. Dr. Thorsten Quandt) sowie Wirtschaftsinformatik und Statistik (Prof. Dr. Heike Trautmann) sind Sicherheitsforscher der TU Braunschweig mit dabei. Medienunternehmen sind durch die Süddeutsche Zeitung und "Spiegel Online" vertreten, die beratend aktiv werden und den Wissenschaftlern Einblicke in ihre Online-Nachrichten-Kanäle und Meinungsforen gewähren.

Dass soziale Medien frei, dezentral und anonym genutzt werden, eröffnet nach Worten der Wissenschaftler zugleich die Möglichkeit zur massiv gesteuerten Manipulation des tatsächlichen Meinungsbildes. "Oft als Propaganda-Bots oder Social-Bots bezeichnete halb- bis vollautomatische Systeme nutzen dabei den leichten Zugang zur technischen Infrastruktur sozialer Medien, um konkrete Meinungsbilder verdeckt zu verbreiten", erläutert Thorsten Quandt. "Erst Social Media hat die Propaganda im Netz immer einfacher gemacht."
 

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