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Münster (upm/ch)

"Können wir Wikipedia trauen?"

Wikipedia-Artikel über Katastrophen suggerieren Vorhersehbarkeit / Forscher berichten bei Abschluss des Programms "Wissenschaft und Öffentlichkeit"
Menschen neigen dazu, Katastrophen im Nachhinein unbewusst als vorhersehbar wahrzunehmen.<address>© Symbolfoto: Colourbox.de/PetraD</address>
Menschen neigen dazu, Katastrophen im Nachhinein unbewusst als vorhersehbar wahrzunehmen.
© Symbolfoto: Colourbox.de/PetraD

Die frei zugängliche und mehrsprachige Online-Enzyklopädie Wikipedia hat fast jeder Internetnutzer schon einmal in Anspruch genommen. Aber bilden die Artikel das Wissen immer korrekt und neutral ab? Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Wissensmedien in Tübingen und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) haben im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Schwerpunktprogramms "Wissenschaft und Öffentlichkeit" untersucht, ob bei Wikipedia-Artikeln der sogenannte Rückschau-Effekt auftritt. Dieser führt dazu, dass Menschen Ereignisse im Nachhinein unbewusst als vorhersehbar und oft auch als unvermeidbar wahrnehmen. Bei Wikipedia, so das Fazit der Forscher, taucht dieser Effekt bei einem Teil der Artikel auf.

Die Wissenschaftler untersuchten mehr als 30 Wikipedia-Artikel über unterschiedliche Ereignisse in verschiedenen Kategorien, beispielsweise Katastrophen, Wahlen und wissenschaftliche Entdeckungen. Sie verglichen jeweils die letzte Artikel-Version vor dem Ereignis mit Versionen, die nachher entstanden. Das Ergebnis: Die späteren Artikelversionen suggerierten teils deutlich stärker, dass es zu dem Ereignis kommen musste. Allerdings trat dieser Effekt nur bei Texten der Kategorie "Katastrophen" auf.

"In der Mehrheit der Wikipedia-Artikel haben wir keine Rückschau-Verzerrungen gefunden", sagt Projektleiterin Dr. Aileen Oeberst vom Leibniz-Institut für Wissensmedien. Aber gerade die Artikel über Katastrophen, bei denen sie häufig auftraten, würden besonders oft gelesen und könnten bei den Lesern den Eindruck verstärken, dass die beschriebene Katastrophe vorhersehbar war. Bei dem Artikel über die Nuklearkatastrophe im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi seien beispielsweise erst in den späteren Versionen ganze Passagen über Risiken und Konstruktionsmängel dieses Kraftwerkstyps aufgetaucht. Dabei habe es diese Informationen schon lange vor der Katastrophe gegeben. Andere Fakten, beispielsweise, dass das Kraftwerk regelmäßig geprüft worden war, seien weggefallen.

Die Verzerrung kann sich einschleichen, selbst wenn jemand einen neutralen Artikel schreiben möchte."
Aileen Oeberst

Auch bei Wikipedia tritt der "Rückschau-Effekt" bei Berichten über Katastrophen auf.<address>© Symbolfoto: Colourbox.de</address>
Auch bei Wikipedia tritt der "Rückschau-Effekt" bei Berichten über Katastrophen auf.
© Symbolfoto: Colourbox.de
Die Autoren der Wikipedia-Beiträge suchten also nach dem Unglück nach Informationen, die erklären, weshalb es zu dem Ereignis kam. "Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine absichtliche Verzerrung", betont Aileen Oeberst. "Sie kann sich einschleichen, selbst wenn jemand einen neutralen Artikel schreiben möchte." So sei gerade der Fukushima-Artikel bei Wikipedia gut recherchiert und fundiert. "Ich würde auch nicht davon ausgehen, dass der Rückschau-Fehler nur bei Wikipedia auftritt. Er wäre vermutlich auch in anderen Quellen nachweisbar, beispielsweise in journalistischen Texten."

Die Wissenschaftler halten Wikipedia für eine gute Quelle, um schnell einen Fachbegriff nachzuschlagen und wissenschaftliche Phänomene kennenzulernen. "Die Nutzer sollten sich aber bewusst sein, dass Wikipedia eine von vielen Menschen gestaltete und genutzte dynamische Enzyklopädie ist, die Fehler der menschlichen Informationsverarbeitung nicht ausschließt", gibt Prof. Dr. Mitja Back zu bedenken, der gemeinsam mit Dr. Steffen Nestler Projektleiter an der WWU Münster ist. "Die Identifikation dieser Fehler und das Wissen darum, wann sie auftreten, könnten helfen, die Wikipedia-Inhalte noch zuverlässiger zu gestalten."

Die Studie ist Teil des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Schwerpunktprogramms "Wissenschaft und Öffentlichkeit". Bei diesem Programm wurden insgesamt 29 Projekte sechs Jahre lang unterstützt; Sprecher ist der Psychologe Prof. Dr. Rainer Bromme von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Das Schwerpunktprogramm endet mit einer Tagung vom 29. bis 30. September in Münster. Dabei werden schlaglichtartig einige Forschungsergebnisse, darunter die Studie zum Rückschau-Effekt (Vortragstitel: "Können wir Wikipedia trauen?"), vorgestellt.
 

 

Weitere Forschungsergebnisse aus dem Schwerpunktprogramm:

Sollte man sich in der Wissenschaftskommunikation immer möglichst einfach ausdrücken?

Viele Menschen lesen gerne Berichte über Wissenschaftsthemen. Aber sind sich die Bürger, die ja meistens keine Fachleute sind, der Grenzen ihrer eigenen Urteilsfähigkeit bei der Bewertung wissenschaftlicher Aussagen bewusst? Forscher aus dem Schwerpunktprogramm "Wissenschaft und Öffentlichkeit" haben herausgefunden: Laien glauben Aussagen eher, wenn sie in einfachen Texten, die keine Fachbegriffe enthalten, berichtet werden, als wenn sie in eher schwierigen Texten mit vielen Fachbegriffen verpackt werden. Sie sind sich bei ihrer Entscheidung sicherer und weniger bereit, weitere Experten zu befragen. Bei vergleichsweise einfachen Darstellungen sind Menschen also geneigt, ihre eigene Entscheidungsfähigkeit zu überschätzen und sich bei der Bewertung wissenschaftlicher Aussagen zu stark auf sich selbst zu verlassen. Dieser Effekt kann beispielsweise dadurch vermieden werden, dass der Text einen ausdrücklichen Hinweis auf die Komplexität des Themas enthält oder darauf, dass es in Fachkreisen Kontroversen über das Thema gibt. Die Forscher empfehlen Journalisten daher: einfache Sprache ja, aber mit Verweis auf die Komplexität des Themas.

Ansprechpartner: Prof. Dr. Rainer Bromme (Universität Münster)

 

Stimmt das, was Wissenschaftsjournalisten berichten?

Glaubt man den Schlagzeilen, dann lauern überall im Alltag Gefahren für die menschliche Gesundheit: "Lärm macht krank", "Schichtarbeit macht krank" und auch "Kaffee macht krank". Wer aber schon einmal eine wissenschaftliche Studie in der Hand hatte, weiß, dass die Formulierungen dort in der Regel weit weniger eindeutig sind. Keine Studie kommt ohne den Hinweis aus, dass die Ergebnisse unter bestimmten Bedingungen zustande gekommen sind und dass weitere Forschung zu diesem Thema notwendig ist. Bedeutet dies also, dass Journalisten ihre Leser falsch informieren und unsichere wissenschaftliche Erkenntnisse in Tatsachenbehauptungen verwandeln? Forscher des Schwerpunktprogramms "Wissenschaft und Öffentlichkeit" haben gezeigt: Wissenschaftsjournalisten sind sich dieser Unsicherheit sehr wohl bewusst. Sie sehen es jedoch nicht als ihre Aufgabe an, diese Unsicherheiten im Beitrag zu transportieren. Vielmehr ist ihre Entscheidung, über eine Studie zu berichten, eine Entscheidung über deren Wert. Die Entscheidung, zu berichten, hängt von der Beweiskraft ab, die die Journalisten der Studie zuschreiben.

Ansprechpartner: Prof. Dr. Bernd Blöbaum (Universität Münster)

 

Wieso gibt es im Internet manchmal "Shitstorms" gegen bestimmte Forscherinnen und Forscher?

Viele Wissenschaftler nutzen das Internet, um über ihre Forschung zu berichten. Nicht immer werden sie jedoch gelobt und "gelikt". Manchmal haben die Leserkommentare den Charakter eines regelrechten "Shitstorms". Forscher aus dem DFG-Schwerpunktprogramm "Wissenschaft und Öffentlichkeit“ haben dieses Phänomen am Beispiel von Personen untersucht, die ihre Freizeit häufig mit Videospielen verbringen. Einer Hälfte der Versuchspersonen wurde dabei eine Studie beschrieben, die zeigte, dass gewalthaltige Videospiele die Aggressionsneigung des Spielenden erhöhen. Die andere Hälfte der Versuchspersonen erhielt Informationen zu einer Studie, die diesen Effekt nicht belegte. Fazit: Diejenigen, die sich der Gruppe der "Gamer" sehr zugehörig fühlten, neigten eher dazu, einen feindseligen, abwertenden Kommentar zu der beschriebenen Studie und den beteiligten Forschern zu schreiben. Die Feindseligkeit eines Kommentars ist also dann besonders hoch, wenn der Kommentarschreiber die betreffende Forschung als sozial stigmatisierend empfindet und wenn er sich besonders stark mit der Gruppe identifiziert, die er durch die Forschung gebrandmarkt sieht.

Ansprechpartner: Prof. Dr. Mario Gollwitzer (Universität Marburg)

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