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Münster (upm/bw/jn)

Bescheidener Mathe-Star

Prof. Emmanuel Breuillard wechselt zum Wintersemester an die WWU
Mathematische Probleme löste Emmanuel Breuillard schon als Kind gerne.<address>© privat</address>
Mathematische Probleme löste Emmanuel Breuillard schon als Kind gerne.
© privat

Als mathematischen "Superstar" möchte Emmanuel Breuillard sich nicht bezeichnen, das will er auch gar nicht sein. "Berühmt? Nein, berühmt bin ich ganz sicher nicht", winkt der Mathematiker bescheiden ab. Eine ziemlich große Untertreibung, hat er doch vom Europäischen Forschungsrat (European Research Council, ERC) gleich zwei ERC-Grants (2008 und 2014) verliehen bekommen und ist so mit zwei der begehrtesten europäischen Förderungen ausgezeichnet. Diese Art der Bescheidenheit ist jedoch typisch für den ruhigen, sehr besonnen auftretenden Professor. Etwas anders klingt da seine neue Kollegin Katrin Tent, Professorin für Mathematik und Mathematische Logik: "Emmanuel Breuillard ist ein großer Star, dazu noch nett, zuverlässig und genau. Wir sind sehr froh, dass er hierher kommt, es könnte für uns gar nicht besser passen."

Forschungsgebiet der Gruppentheorie, Geometrie und Modelltheorie

Ab dem kommenden Semester wird Emmanuel Breuillard ein wöchentliches Seminar zu seinem Forschungsgebiet der Gruppentheorie, Geometrie und Modelltheorie an der WWU anbieten. Zusammen mit den Studierenden will er sich unter anderem mit "approximate groups" (genäherte Gruppen) beschäftigen. Ein interessanter Punkt ist dabei das Wachstum von Gruppen. Was passiert, wenn man Element a mit Element b mehrere Male multipliziert? Wie oft lassen sie sich miteinander kombinieren, und welche neuen Objekte entstehen daraus? "Besonders spannend wird es, wenn a und b zueinander in Beziehung stehen, also a mal b mal a zum Beispiel gleich b mal a mal a ist", erklärt Emmanuel Breuillard. Traditionell erstrecken sich solche Überlegungen auf das Gebiet der Geometrie, in jüngster Zeit mache jedoch eine Verbindung der Gruppentheorie mit Kombinatorik und Logik Schule.

Diese ungewöhnliche Mischung unterschiedlicher Methoden der Lie-Theorie, Modell- und Gruppentheorie war es auch, die Emmanuel Breuillard 2012 den EMS-Preis der European Mathematical Society und internationale Anerkennung einbrachte. Mit teils modelltheoretischen Methoden betrachtete er Teilmengen von Gruppen, bei denen beim Multiplizieren der Elemente nicht zu viele neue Elemente entstehen, sondern welche, die nicht bereits in der Teilmenge liegen. Emmanuel Breuillard zeigte zusammen mit Ben Green und dem Fields-Medaillisten Terence Tao, dass eine solche Teilmenge fast schon selbst eine Gruppe ist und sehr spezielle Eigenschaften besitzt.

Wir lieben es, uns mit anderen über unsere Forschung auszutauschen, so entstehen oft die besten Ideen
Prof. Emmanuel Breuillard

Nach seinem Mathematikstudium an der l’Ecole Normale Supérieure in Paris promovierte der Franzose in Yale beim russischen Fields-Medaillisten Gregori Alexandrowitsch Margulis über "Equidistribution of Random Walks on Nilpotent Lie Groups and Homogeneous Spaces". "Die Jahre in Yale waren für mich sehr spannend", sagt Emmanuel Breuillard. Die Atmosphäre sei eine ganz andere als in Paris, wo er bis vor kurzem an der l’Université Paris Sud als Professor arbeitete. "Das gesamte Leben spielt sich auf dem Campus ab, alle sind ganz auf ihre Arbeit fixiert, und es gibt kaum Ablenkung." Ein Zustand, der gerade Mathematikern sehr entgegenkomme. "Wir lieben es, uns mit anderen über unsere Forschung auszutauschen, so entstehen oft die besten Ideen", legt der 38-Jährige dar. Genau das wünscht er sich auch für seine Arbeit in Münster, während der er seinem neuen Interessensgebiet der Logik nachgehen will. "Das ist eigentlich nicht mein Fachgebiet, aber Katrin Tent und ihre Kollegen sind sehr kompetent, da kann ich eine Menge lernen." Emmanuel Breuillard will neugierig bleiben und über den eigenen fachlichen Tellerrand hinaus schauen. Ein Problem nur im Kopf durchzudenken und dadurch zu lösen, faszinierte ihn schon als Kind.

Auf Münster fiel seine Wahl auch aus privaten Gründen. Emmanuel Breuillards Ehefrau nimmt einen neuen Job bei der Richemont Gruppe in Hamburg an, er wiederum suchte einen Ort, der "mathematisch gut" für ihn ist – und gab Münster den Vorzug. "Natürlich hat auch Hamburg eine gute Universität, aber die sind nicht auf mein Gebiet spezialisiert", berichtet Emmanuel Breuillard.

Zwei Mal die Woche nach Münster pendeln

Demnächst steht der große Umzug an. Sobald sich die Familie mit den drei- und fünfjährigen Kindern in ihrem Haus mit Garten an der Elbe eingerichtet hat, wird Emmanuel Breuillard ein bis zwei Mal die Woche nach Münster pendeln. Den Rest der Zeit will er mit seinen Kindern verbringen und sich in der neuen Stadt zurechtfinden. Auf das Leben in Deutschland freut sich der Familienvater. "Meine Kinder werden es lieben, im Garten spielen zu können." In Shanghai, wo die Familie ein Jahr lang lebte, sei es zwar sehr interessant gewesen, aber die Stadt sei nicht grün. "Das war eher wie auf einem anderen Planeten", meint er. Der Kauf des obligatorischen Fahrrads steht ganz oben auf der Prioritätenliste. "Meine Frau wollte schon Räder in Paris kaufen, aber ich habe ihr geraten, das zu verschieben, weil die deutschen Fahrräder die bessere Qualität haben", erläutert er verschmitzt lächelnd.

Seine Kinder sind sein eigentlicher Fulltime-Job, sagt er. Mit ihnen beschäftige er sich am liebsten, wenn er nicht gerade ein mathematisches Problem löse. "Ich bin gerne an der frischen Luft, das war in Paris nur selten möglich, weil es dort weniger Grünflächen gibt", erzählt Emmanuel Breuillard. Da er jedoch in Poitiers aufgewachsen ist, weiß er das Leben auf dem Land oder in einer kleinen Stadt zu schätzen.

Zwar fangen seine Kinder erst zu zählen an, die Zahlenfolge ist ihnen noch unbekannt. Aber wenn sie alt genug sind, um zu entdecken, welch interessantes Gebiet ihr Vater bearbeitet, wird er sicherlich ihr persönlicher Superstar sein. Eine Rolle, die Emmanuel Breuillard weitaus lieber spielen wird als die des Mathe-Stars.

Dieser Artikel ist in der Juli-Ausgabe der Uni-Zeitung wissen|leben erschienen. Autorin: Bernadette Winter

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