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Münster (upm/kk).
Ein Jugendlicher mit dunklen Locken und rotbraunem T-Shirt schreibt mit einem schwarzen Stift an ein Whiteboard. Um ihn herum stehen mehrere Mitschülerinnen und Mitschüler in einem hellen, modernen Klassenzimmer und verfolgen konzentriert, was er schreibt. Im Hintergrund sind Fenster und mit Aushängen bedeckte Wände zu erkennen.<address>© stock.adobe.com - Rido</address>
Aktiver Matheunterricht: In einer modernen Lernumgebung lösen Jugendliche gemeinsam eine Aufgabe am Whiteboard.
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„Die Rückmeldungen aus der Praxis sind unser wichtigstes Korrektiv“

Gilbert Greefrath und Mareike Kristin Nagel über das Forschungsprogramm „QuaMath“ und den Weg in den Mathematikunterricht

Für viele Schülerinnen und Schüler ist Mathematik ein schwieriges Fach, manche entwickeln sogar Angst davor. Wie guter Mathematikunterricht gelingt und wie aktuelle Forschungsergebnisse in Schulen umgesetzt werden können, damit befasst sich das bundesweite Programm QuaMath, das für „Unterrichts- und Fortbildungs-Qualität in Mathematik entwickeln“ steht. Die auf zehn Jahre angelegte und von der Kultusministerkonferenz geförderte Initiative soll rund 10.000 Schulen bundesweit erreichen – von der Grundschule bis zur Oberstufe. Einen zentralen Meilenstein bildet die fünfte QuaMath-Bundestagung, die vom 17. bis 19. September an der Universität Münster stattfinden wird. Kathrin Kottke sprach mit Prof. Dr. Gilbert Greefrath vom Institut für Didaktik der Mathematik und der Informatik sowie mit Mareike Kristin Nagel, Mitarbeiterin und Doktorandin im Projekt QuaMath, über guten Mathematikunterricht und darüber, wie Forschung und schulische Praxis zusammenfinden.

Was sagt die Forschung dazu, wie man Mathematik nachhaltig versteht?

Gilbert Grefrath: Wir wissen genau, welche Stellschrauben greifen müssen. Darauf baut auch unser Programm QuaMath auf. Nachhaltiges Lernen entsteht nicht durch das Auswendiglernen von Formeln, sondern durch das Verstehen der Konzepte dahinter. Der Unterricht muss seinen Schwerpunkt verlagern: weg vom reinen Rechnen, hin zum Begreifen. Dann bleibt das Wissen auch Jahre später anschlussfähig.

Prof. Dr. Gilbert Greefrath und Mareike Kristin Nagel<address>© QuaMath</address>
Prof. Dr. Gilbert Greefrath und Mareike Kristin Nagel
© QuaMath
Viele dieser Erkenntnisse sind seit Langem bekannt. Warum ist es so schwer, sie in den Unterricht zu integrieren?

Greefrath: Unterrichtsmuster sind tief verankerte Routinen, die sich nur schwer aufbrechen lassen. Ein anregender Unterricht ist anspruchsvoller als frontales Erklären. Im Alltag greifen Lehrerinnen und Lehrer deshalb auf Vertrautes zurück. Hinzu kommt der Druck durch zentrale Prüfungen, bei denen mechanische Fertigkeiten oft wichtiger sind als echtes Verständnis.

Mareike Kristin Nagel: Einzelne Fortbildungen führen selten zu dauerhaften Veränderungen. Es geht auch nicht darum, den Unterricht neu zu erfinden oder Lehrkräfte mit Handreichungen allein zu lassen. Nötig sind eine kontinuierliche Begleitung und klare fachbezogene Qualitätsmerkmale.

Wo setzt ‚QuaMath‘ an, und wie bereiten Sie Ihre Erkenntnisse auf, damit sie im Unterricht wirklich helfen?

Nagel: Entscheidend ist eine strukturierte Entwicklungs- und Transferarbeit. Dazu bündeln wir den Forschungsstand in verschiedenen fachbezogenen Qualitätsprinzipien. Ein Beispiel ist die kognitive Aktivierung, bei der Kinder darin unterstützt werden, aktiv zu denken, statt Inhalte nur oberflächlich zu lernen. Die sogenannte Verstehensorientierung sorgt dafür, dass Inhalte wirklich verstanden und nicht nur Rechenrezepte angewendet werden. Zudem sollen die Kinder über Mathematik ins Gespräch kommen. Diese Prinzipien übersetzen wir in ausgearbeitete Fortbildungsmodule.

Zum Beispiel?

Nagel: Ein Beispiel sind kompetenzorientierte Klassenarbeiten. Hierbei geht es darum, dass eine Klassenarbeit nicht nur bewerten, sondern auch im Diagnoseprozess unterstützen kann, um nachhaltiges Lernen zu fördern. Die Lehrerinnen und Lehrer erproben die Ansätze in der eigenen Klasse und werten die Erfahrungen anschließend gemeinsam aus. So entstehen im Alltag schrittweise Entwicklung und Sicherheit.

Wie sorgen Sie dafür, dass die Inhalte in die Schulen getragen werden?

Greefrath: Durch die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Das sind erfahrene Mathematiklehrkräfte, die unser Team gezielt qualifiziert. Sie bilden das Fundament unseres Transferkonzepts. Neben der fachlichen Tiefe benötigen sie Kompetenzen in Moderation und Beratung. Sie arbeiten immer in Tandems und begleiten regionale Schulnetzwerke über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren. Sie tragen keine fertigen Konzepte vor, sondern begleiten Veränderungen und schlagen die Brücke von der Theorie zur Praxis.

Im September kommen mehr als 400 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren zur Bundestagung nach Münster. Warum ist diese Vernetzung so wichtig?

Greefrath: Münster ist ein sehr großer QuaMath-Standort, deshalb sind wir Gastgeber der fünften Bundestagung. Wenn über 400 engagierte Menschen aus Deutschland zusammenkommen, ist das ein Meilenstein für die mathematische Bildung. Alle bringen unterschiedliche Erfahrungen mit, und der Austausch bündelt Ressourcen und schafft Motivation.

Nagel: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durchlaufen an den drei Tagen intensive Qualifizierungsmodule. Sie erproben die Fortbildungen, die sie später moderieren werden, und überlegen, wie sie die Schulteams am besten begleiten können.

Ist der Austausch eine Einbahnstraße, oder lernen die Forscherinnen und Forscher von den Lehrkräften?

Greefrath: Das ist ein zentraler Punkt, denn QuaMath ist kein reines Top-down-Programm. Der Austausch ist eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Die Lehrerinnen und Lehrer zeigen uns, welche Konzepte in realen, oft heterogenen Klassen funktionieren und an welchen Hürden sie scheitern. Daraus entstehen für uns neue Forschungsfragen.

Nagel: Die Rückmeldungen aus der Praxis sind unser wichtigstes Korrektiv. In meiner Promotion untersuche ich die Werte, Überzeugungen und Maßstäbe, die das Handeln von Lehrerinnen und Lehrern steuern. So erkennen wir, wo unsere Ansprüche schon mit der Praxis übereinstimmen und wo Zielkonflikte entstehen - beispielsweise zwischen dem Anspruch auf Verständnis und dem Zeitdruck im Lehrplan.

QuaMath soll etwa 10.000 Schulen erreichen. Was muss geschehen, damit die Veränderung langfristig wirkt?

Greefrath: Wir bieten keine einzelnen Impulse, sondern ein neues System. Wir binden Fachschaften ein, stellen passende Materialien bereit und begleiten die Kollegien über Jahre hinweg. So entstehen Strukturen für dite Unterrichtsentwicklung.

Nagel: Entscheidend ist eine neue Kultur: weg von der Lehrkraft als Einzelkämpferin oder Einzelkämpfer, hin zur Kooperation im Kollegium. Wenn Fachschaften gemeinsam Unterricht vorbereiten und neue Kollegen selbstverständlich in diese Praxis eingeführt werden, wird aus einem Projekt ein tragfähiger Standard.

Blicken wir zehn Jahre voraus. Wie werden Schülerinnen und Schüler dann über Mathematik sprechen?

Nagel: Der Satz ‚Ich kann Mathe einfach nicht‘ sollte dann der Vergangenheit angehören. Mein Wunsch ist, dass Kinder und Jugendliche mit Neugier an mathematische Fragen herangehen und ohne Scheu sagen: ‚Das verstehe ich noch nicht.‘ Fehler gehören zum Lernen dazu. Wenn sie erfahren, dass sich mathematisches Denken durch eigenes Bemühen entwickelt, haben wir eine wichtige Grundlage für Bildungsgerechtigkeit geschaffen.

Woran erkennen Sie, dass sich der Unterricht wirklich verändert hat?

Greefrath: An zwei Dingen. Erstens daran, dass mehr Schülerinnen und Schülern die Zusammenhänge erklären, statt nur Verfahren abzuspulen. Und zweitens an Erhebungen wie dem sogenannten IQB-Bildungstrend, bei dem wir einen deutlichen Rückgang des Anteils der Schülerinnen und Schüler erwarten, die die Mindeststandards nicht erreichen.

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