Psychotherapien: Negative Nebenwirkungen kommen nur selten vor
Psychologische Interventionen sind wirksam in der Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) bei Kindern und Jugendlichen. Doch können sie auch unerwünschte Nebenwirkungen haben? Um diese Frage zu beantworten, führte ein internationales Forscherteam rund um Dr. Thole H. Hoppen und Prof. Dr. Nexhmedin Morina vom Institut für Psychologie an der Universität Münster die erste Metaanalyse ihrer Art durch - die Ergebnisse sind jetzt im Journal of Child Psychology and Psychiatry erschienen. Die Wissenschaftler kamen zu einem eindeutigen Ergebnis: Unerwünschte Nebenwirkungen einer Psychotherapie, konkret bei der Behandlung einer PTBS bei Kindern und Jugendlichen, sind selten. „Wir konnten durch die Auswertung zahlreicher Studien zeigen, dass die meisten Kinder und Jugendlichen die Therapie nicht vorzeitig abbrachen, ebenso waren sie keinem erhöhten Risiko von Nebenwirkungen ausgesetzt“, erklärt Thole H. Hoppen, Erstautor der Forschungsarbeit. Demnach berichteten weniger als 0,01 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit PTBS über eine Symptomverschlechterung nach dem Ende der Behandlung. Auch das Auftreten unerwünschter Ereignisse während der Behandlungen war sehr selten (0,29 % der Patienten).
Für ihre Analyse werteten die Forscher in Zusammenarbeit mit Arbeitsgruppen der Universität Freiburg, der britischen Universitäten King’s College London und Norwich 71 Studien aus, die sich mit möglichen Risiken einer psychotherapeutischen Behandlung beschäftigten. Dieser Ansatz war neu. Denn wenngleich es bei Medikamenten wie Psychopharmaka stets einen Hinweis auf potenzielle Risiken und Nebenwirkungen gibt, wurden mögliche negative Auswirkungen einer Psychotherapie in der Forschung lange vernachlässigt. „Die Wirksamkeit von psychologischen Behandlungen bei der PTBS ist gut belegt, das Sicherheitsprofil allerdings weniger“, berichtet Nexhmedin Morina. Zwar habe die entsprechende Forschung zugenommen, doch gab es bisher keine Metaanalyse, die diese Studien systematisch zusammenfasst. Durch eine breit angelegte Suche in Gesundheitsdatenbanken griffen die Forscher auf Daten von insgesamt mehr als 5.600 Kindern und Jugendlichen zurück.
Sie untersuchten dazu potenzielle negative Nebenwirkungen einer psychotherapeutischen Behandlung. Diese umfassten den Abbruch der Behandlung, eine signifikante Verschlechterung der Störung nach Behandlungsende und weitere unerwünschte Folgen wie eine erhöhte Suizidalität während der Behandlungsphase oder die Verschlimmerung von komorbiden (das heißt gleichzeitig erlittenen) Erkrankungen wie einer Depression. „Die Raten an unerwünschten Nebenwirkungen sind verschwindend gering und nicht signifikant häufiger als in Kontrollgruppen. Die Ergebnisse sind ermutigend für die klinische Praxis“, unterstreicht Thole Hoppen. Das gelte vor allem für die sogenannte traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapien, in der die Traumata (etwa sexuelle Gewalt, schwere Verkehrsunfälle, Kriegserfahrungen, schwere körperliche Gewalt, Verletzungen nach schweren Naturkatastrophen) offen besprochen werden.
Gerade traumafokussierte Verfahren werden oft als potenziell schädlich missverstanden, da die Betroffenen befürchten, dass die direkte Konfrontation mit den traumatischen Erinnerungen die Symptome verschlimmern könnte. In der Folge würden manche betroffene Kinder und Jugendliche, aber auch deren Eltern eine psychotherapeutische Behandlung scheuen. „Diese Sorge ist eine ernstzunehmende Barriere, die unter anderem zur Chronifizierung der Störung führen kann“, betont Nexhmedin Morina.
Zum einen würden viele Betroffene wegen solcher Vorbehalte eine Traumabehandlung meiden. Zum anderen hätten auch viele unerfahrene Therapeutinnen und Therapeuten die Sorge, dass die Konfrontation mit den traumatischen Erinnerungen schädlich sein könnte. „Unsere Befunde sollen Betroffene, Angehörige sowie die Behandler darin bestärken, psychotherapeutische Behandlungen, inklusive traumafokussierter Behandlungen, aufzusuchen beziehungsweise anzubieten. Denn der Aufschub oder das Vermeiden einer Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen kann mit negativen Konsequenzen verbunden sein – gerade im Kindes- und Jugendalter“, unterstreicht Thole Hoppen.
Die Autoren stellen alle Daten und Analyseskripte öffentlich zur Verfügung.
Originalveröffentlichung
Hoppen, T.H., Schlüter, S., Placzek, M., Lindemann, A.S., Kip, A., Schlechter, P., Meiser-Stedman, R. and Morina, N. (2026), Incidence and relative risk of negative outcomes of psychological interventions for pediatric posttraumatic stress disorder: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. J Child Psychol Psychiatr. https://doi.org/10.1111/jcpp.70216