Psychotherapien: Negative Nebenwirkungen kommen nur selten vor
Psychologische Interventionen sind wirksam in der Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) bei Kindern und Jugendlichen. Doch können sie auch unerwünschte Nebenwirkungen haben? Um diese Frage zu beantworten, führte ein internationales Forscherteam rund um Dr. Thole H. Hoppen und Prof. Dr. Nexhmedin Morina vom Institut für Psychologie an der Universität Münster die erste Metaanalyse ihrer Art durch - die Ergebnisse sind jetzt im Journal of Child Psychology and Psychiatry erschienen. Die Wissenschaftler kamen zu einem eindeutigen Ergebnis: Unerwünschte Nebenwirkungen einer Psychotherapie, konkret bei der Behandlung einer PTBS bei Kindern und Jugendlichen, sind selten. „Wir konnten durch die Auswertung zahlreicher Studien zeigen, dass die meisten Kinder und Jugendlichen die Therapie nicht vorzeitig abbrachen, ebenso waren sie keinem erhöhten Risiko von Nebenwirkungen ausgesetzt“, erklärt Thole H. Hoppen, Erstautor der Forschungsarbeit. Demnach berichteten weniger als 0,01 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit PTBS über eine Symptomverschlechterung nach dem Ende der Behandlung. Auch das Auftreten unerwünschter Ereignisse während der Behandlungen war sehr selten (0,29 % der Patienten).
Sie untersuchten dazu potenzielle negative Nebenwirkungen einer psychotherapeutischen Behandlung. Diese umfassten den Abbruch der Behandlung, eine signifikante Verschlechterung der Störung nach Behandlungsende und weitere unerwünschte Folgen wie eine erhöhte Suizidalität während der Behandlungsphase oder die Verschlimmerung von komorbiden (das heißt gleichzeitig erlittenen) Erkrankungen wie einer Depression. „Die Raten an unerwünschten Nebenwirkungen sind verschwindend gering und nicht signifikant häufiger als in Kontrollgruppen. Die Ergebnisse sind ermutigend für die klinische Praxis“, unterstreicht Thole Hoppen. Das gelte vor allem für die sogenannte traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapien, in der die Traumata (etwa sexuelle Gewalt, schwere Verkehrsunfälle, Kriegserfahrungen, schwere körperliche Gewalt, Verletzungen nach schweren Naturkatastrophen) offen besprochen werden.
Gerade traumafokussierte Verfahren werden oft als potenziell schädlich missverstanden, da die Betroffenen befürchten, dass die direkte Konfrontation mit den traumatischen Erinnerungen die Symptome verschlimmern könnte. In der Folge würden manche betroffene Kinder und Jugendliche, aber auch deren Eltern eine psychotherapeutische Behandlung scheuen. „Diese Sorge ist eine ernstzunehmende Barriere, die unter anderem zur Chronifizierung der Störung führen kann“, betont Nexhmedin Morina.
Zum einen würden viele Betroffene wegen solcher Vorbehalte eine Traumabehandlung meiden. Zum anderen hätten auch viele unerfahrene Therapeutinnen und Therapeuten die Sorge, dass die Konfrontation mit den traumatischen Erinnerungen schädlich sein könnte. „Unsere Befunde sollen Betroffene, Angehörige sowie die Behandler darin bestärken, psychotherapeutische Behandlungen, inklusive traumafokussierter Behandlungen, aufzusuchen beziehungsweise anzubieten. Denn der Aufschub oder das Vermeiden einer Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen kann mit negativen Konsequenzen verbunden sein – gerade im Kindes- und Jugendalter“, unterstreicht Thole Hoppen.
Die Autoren stellen alle Daten und Analyseskripte öffentlich zur Verfügung.
Originalveröffentlichung
Hoppen, T.H., Schlüter, S., Placzek, M., Lindemann, A.S., Kip, A., Schlechter, P., Meiser-Stedman, R. and Morina, N. (2026), Incidence and relative risk of negative outcomes of psychological interventions for pediatric posttraumatic stress disorder: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. J Child Psychol Psychiatr. https://doi.org/10.1111/jcpp.70216