|
Münster (upm/nor).
Das Bild zeigt den Rektor beim Arbeiten am Laptop in seinem Dienstwagen.<address>© Uni MS - Linus Peikenkamp</address>
Keine Zeit, um aus dem Fenster zu schauen: Auch vermeintlich entspannte Zeiten im Dienstwagen nutzt Prof. Dr. Johannes Wessels für Dienstgeschäfte. Anfangs fiel es ihm schwer, im Auto oder Zug konzentriert zu arbeiten.
© Uni MS - Linus Peikenkamp

Dankbar für zehn Jahre mit faszinierenden Einblicken

Am 30. September endet die Amtszeit von Rektor Johannes Wessels – ein Abschiedsporträt

Dass man auch als Wissenschaftler und Rektor einer Hochschule jeden Tag sein Wissen erweitert und hinzulernt – das ist natürlich auch für Prof. Dr. Johannes Wessels keine Neuigkeit. In den vergangenen Jahren gab es jedoch drei Erfahrungen, die den Physiker dann doch überraschten, nachdem er im Oktober 2016 die Leitung der Universität Münster übernommen hatte. Erstens, sagt er, sei er früher mit einem kleinen Taschenfaltkalender gut klargekommen, um all seine Termine einzutragen. Mit dem Einzug ins Rektorenbüro war es damit vorbei. „Ich musste schnell lernen, die Selbstbestimmung über meinen Kalender aufzugeben.“ Zweitens habe er sich über die zehn Amtsjahre hinweg etwas angeeignet, was ihm einst als ein Ding der Unmöglichkeit vorkam. „Ich bin mittlerweile in der Lage, im Auto oder Zug konzentriert zu arbeiten.“ Und, drittens, was mit Blick auf die zahlreichen Reisen und das tägliche Hin und Her schließlich vielleicht noch wichtiger ist: „Ich schaffe es dann und wann, unterwegs eine Stunde Schlaf nachzuholen.“

Drei Personen stehen um einen Boxsack und tun so, als ob sie auf den Sack boxen würden.<address>© Uni MS - Peter Grewer</address>
„Schlagabtausch“ am Boxsack: Zu Beginn seiner Amtszeit im Oktober 2016 eröffnete Johannes Wessels (r.) mit Kanzler Matthias Schwarte (l.) und dem damaligen Hochschulsportleiter Jörg Verhoeven das neue Sportzentrum am Horstmarer Landweg.
© Uni MS - Peter Grewer
Wie hilfreich die beiden letztgenannten und neu erworbenen Eigenschaften sind, lässt sich mit einer zugegebenermaßen eher groben Rechnung zumindest erahnen. Wenn der 64-Jährige am 1. Oktober seiner Nachfolgerin Prof. Dr. Susanne Menzel-Riedl seinen Büroschlüssel übergeben wird, liegen 3.652 Tage als Magnifizenz hinter ihm. Geht man von rund 250 Arbeitstagen pro Jahr und durchschnittlich sechs Terminen pro Tag aus, dürfte Johannes Wessels somit etwa 15.000 Termine als Rektor absolviert haben. Hat er sich mit Blick auf diese Beanspruchung nicht oft und voller Wehmut an seine Zeit als „normaler Wissenschaftler“ erinnert? „Nur an schlechten Tagen“, betont er, „aber davon gab es glücklicherweise nicht so viele.“

Stattdessen denkt er viel öfter über die „Privilegien“ nach, die er Woche um Woche als Rektor genießen durfte. Beispielsweise an die Einblicke in die zahlreichen, ihm vorher weitgehend unbekannten Institute; an die Rundgänge durch „faszinierende Neubauten“ wie das Center for Soft Nanoscience, das Philosophikum, die LIMETTE, das PAN-Zentrum oder durch die oberste Schloss-Etage bis hinauf zum Glockenturm; an viele inspirierende Gespräche mit altgedienten Beschäftigten, neu berufenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern oder Persönlichkeiten wie Ex-Außenminister Sigmar Gabriel und dem ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Apropos interessante Orte an der Uni Münster, fügt er lächelnd hinzu: „Das schönste Institut ist natürlich das Institut für Kernphysik.“ Einmal Physiker, immer Physiker ...

Das Bild zeigt den Rektor mit dem früheren Bundespräsidenten beim Empfang im Rektoratsbüro.<address>© Uni MS - Peter Leßmann</address>
Hochrangiger Besuch: Johannes Wessels empfing zahlreiche Gäste an der Universität Münster, darunter den ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck, der im Dezember 2017 die Ehrenpromotion der Evangelisch-Theologischen Fakultät erhielt.
© Uni MS - Peter Leßmann
Als Rektor musste er gleichwohl die Universität insgesamt, das große Ganze im Blick haben. Welche Prinzipien waren und sind ihm bei der Leitung der Hochschule besonders wichtig? Die Größe und Komplexität der Universität könnten schnell dazu führen, den Kontakt mit der Basis zu verlieren, unterstreicht der gebürtige Bremer. „Deswegen war es mir immer ein Anliegen, nicht über, sondern mit den Leuten zu sprechen.“ Das gelte auch für die mit Abstand größte Gruppe, die der Studierenden. Die Universität könne sich glücklich schätzen, dass es viele engagierte Fachschaften gebe, dass sich viele Studierende in die Gremienarbeit einbrächten. „Sie alle wissen, dass die Uni nur funktioniert, wenn möglichst viele mitmachen.“

Auf diesen Zusammenhalt kam es in besonderem Maße in den Jahren an, die nach Johannes Wessels’ Überzeugung die Universität bis heute verändert haben – die rund drei Jahre andauernde Covid-19-Pandemie ab Januar 2020. Es war eine beispiellose, fordernde und hektische Zeit, in der man sich an wenig bis nichts aus der Vergangenheit orientieren konnte, in der das Rektorat nahezu jeden Tag weitreichende Entscheidungen fällen musste. „Wir waren schnell und effektiv“, betont Johannes Wessels, „und wir lagen mit den meisten Entscheidungen richtig. Diese schwierige Zeit haben wir als Team gut gemeistert.“ Seitdem nutzen beispielsweise Tausende Beschäftigte fast täglich den Videokonferenzdienst Zoom, Debatten über alte und neue Prüfungsformen sind mehr denn je präsent, Gleiches gilt für die Grundsatzfrage über den Sinn des Präsenzstudiums. „Viele technische Neuerungen sind gute Hilfsmittel und Ergänzungen, das gilt insbesondere für die künstliche Intelligenz“, sagt der Rektor. „Aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Lernen vor allem ein sozialer Prozess ist, dass die Debatten und Begegnungen in den Hörsälen und Seminaren einen großen Wert haben.“

Rektor Johannes Wessels sitzt auf dem Pult im Hörsaal im Schloss und blickt in die Kamera: Hinter ihm ist der Hörsaal leer.<address>© Uni MS - Peter Leßmann</address>
Der Rektor allein im Schloss: Die COVID-19-Pandemie stellte die Universität Münster ab Januar 2020 vor große Herausforderungen. Sie wechselte in einen „eingeschränkten Betrieb“, Hörsäle und Gebäude blieben über viele Monate menschenleer.
© Uni MS - Peter Leßmann
Gleichwohl wird sich seiner Überzeugung nach das Studium weiter verändern – und verändern müssen. Er habe Zweifel daran, dass Universitäten schnell genug auf gesellschaftlichen Wandel reagieren. So gehe es mit Blick auf die rund 20.000 Studiengänge in Deutschland oft „zu kleinteilig“ zu. „Natürlich brauchen wir auch in Zukunft Absolventinnen und Absolventen mit hochspezialisiertem Wissen, aber wir brauchen in gleichem Maß Generalisten, die den Überblick behalten. Wie so oft kommt es auf die Mischung an.“ Gleichzeitig mache China vor, dass man auch anders verfahren könne: Studieninteressierte haben dort die Möglichkeit, mithilfe von künstlicher Intelligenz ihre Persönlichkeiten, Fähigkeiten und Interessen analysieren zu lassen und sich einen individuellen Studiengang konzipieren zu lassen.

Johannes Wessels wird auch weiterhin an der Universität von morgen mitwirken. Nicht in Fernost, aber die Himmelsrichtung stimmt. 160 Kilometer östlich vom münsterschen Schloss wird er das Präsidentenamt der Universität Göttingen übernehmen. Er freut sich auf die neue Aufgabe an dieser traditionsreichen niedersächsischen Universität. Nicht zuletzt, weil dort einst der erste deutsche Professor für Experimentalphysik, Georg Christoph Lichtenberg, lehrte, den Johannes Wessels sehr schätzt. Und der nicht nur für seine Forschung, sondern auch für seine pointierten Aphorismen und seinen scharfen Witz bekannt war. Es gebe Leute, schrieb er beispielsweise in seinen „Sudelbüchern“, die glaubten, „alles wäre vernünftig, wenn man es nur mit einem ernsthaften Gesicht tut.“

Nur eines, das ahnt der passionierte Segler, Tänzer und Radfahrer Johannes Wessels jetzt schon, wird ihm häufig fehlen: „Ich genieße jedes Mal die 30 Minuten, die ich mit dem Fahrrad von zu Hause aus am Zoo entlang zum Schloss fahre.“

Autor: Norbert Robers

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 5, 22. Juli 2026.

Links zu dieser Meldung