Dankbar für zehn Jahre mit faszinierenden Einblicken
Dass man auch als Wissenschaftler und Rektor einer Hochschule jeden Tag sein Wissen erweitert und hinzulernt – das ist natürlich auch für Prof. Dr. Johannes Wessels keine Neuigkeit. In den vergangenen Jahren gab es jedoch drei Erfahrungen, die den Physiker dann doch überraschten, nachdem er im Oktober 2016 die Leitung der Universität Münster übernommen hatte. Erstens, sagt er, sei er früher mit einem kleinen Taschenfaltkalender gut klargekommen, um all seine Termine einzutragen. Mit dem Einzug ins Rektorenbüro war es damit vorbei. „Ich musste schnell lernen, die Selbstbestimmung über meinen Kalender aufzugeben.“ Zweitens habe er sich über die zehn Amtsjahre hinweg etwas angeeignet, was ihm einst als ein Ding der Unmöglichkeit vorkam. „Ich bin mittlerweile in der Lage, im Auto oder Zug konzentriert zu arbeiten.“ Und, drittens, was mit Blick auf die zahlreichen Reisen und das tägliche Hin und Her schließlich vielleicht noch wichtiger ist: „Ich schaffe es dann und wann, unterwegs eine Stunde Schlaf nachzuholen.“
Stattdessen denkt er viel öfter über die „Privilegien“ nach, die er Woche um Woche als Rektor genießen durfte. Beispielsweise an die Einblicke in die zahlreichen, ihm vorher weitgehend unbekannten Institute; an die Rundgänge durch „faszinierende Neubauten“ wie das Center for Soft Nanoscience, das Philosophikum, die LIMETTE, das PAN-Zentrum oder durch die oberste Schloss-Etage bis hinauf zum Glockenturm; an viele inspirierende Gespräche mit altgedienten Beschäftigten, neu berufenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern oder Persönlichkeiten wie Ex-Außenminister Sigmar Gabriel und dem ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Apropos interessante Orte an der Uni Münster, fügt er lächelnd hinzu: „Das schönste Institut ist natürlich das Institut für Kernphysik.“ Einmal Physiker, immer Physiker ...
Auf diesen Zusammenhalt kam es in besonderem Maße in den Jahren an, die nach Johannes Wessels’ Überzeugung die Universität bis heute verändert haben – die rund drei Jahre andauernde Covid-19-Pandemie ab Januar 2020. Es war eine beispiellose, fordernde und hektische Zeit, in der man sich an wenig bis nichts aus der Vergangenheit orientieren konnte, in der das Rektorat nahezu jeden Tag weitreichende Entscheidungen fällen musste. „Wir waren schnell und effektiv“, betont Johannes Wessels, „und wir lagen mit den meisten Entscheidungen richtig. Diese schwierige Zeit haben wir als Team gut gemeistert.“ Seitdem nutzen beispielsweise Tausende Beschäftigte fast täglich den Videokonferenzdienst Zoom, Debatten über alte und neue Prüfungsformen sind mehr denn je präsent, Gleiches gilt für die Grundsatzfrage über den Sinn des Präsenzstudiums. „Viele technische Neuerungen sind gute Hilfsmittel und Ergänzungen, das gilt insbesondere für die künstliche Intelligenz“, sagt der Rektor. „Aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Lernen vor allem ein sozialer Prozess ist, dass die Debatten und Begegnungen in den Hörsälen und Seminaren einen großen Wert haben.“
Johannes Wessels wird auch weiterhin an der Universität von morgen mitwirken. Nicht in Fernost, aber die Himmelsrichtung stimmt. 160 Kilometer östlich vom münsterschen Schloss wird er das Präsidentenamt der Universität Göttingen übernehmen. Er freut sich auf die neue Aufgabe an dieser traditionsreichen niedersächsischen Universität. Nicht zuletzt, weil dort einst der erste deutsche Professor für Experimentalphysik, Georg Christoph Lichtenberg, lehrte, den Johannes Wessels sehr schätzt. Und der nicht nur für seine Forschung, sondern auch für seine pointierten Aphorismen und seinen scharfen Witz bekannt war. Es gebe Leute, schrieb er beispielsweise in seinen „Sudelbüchern“, die glaubten, „alles wäre vernünftig, wenn man es nur mit einem ernsthaften Gesicht tut.“
Nur eines, das ahnt der passionierte Segler, Tänzer und Radfahrer Johannes Wessels jetzt schon, wird ihm häufig fehlen: „Ich genieße jedes Mal die 30 Minuten, die ich mit dem Fahrrad von zu Hause aus am Zoo entlang zum Schloss fahre.“
Autor: Norbert Robers
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 5, 22. Juli 2026.