Eine Stimme für junge Häftlinge
Kein Handy, kein Laptop, kein Internet: In der Justizvollzugsanstalt (JVA) Herford verbüßen Jugendliche und junge Erwachsene ihre Haftstrafen nahezu ohne Kontakt zur Außenwelt. Was für Gleichaltrige außerhalb der Mauern normal ist, gibt es im Gefängnis nicht: kein Social Media, kein Scrollen durch die neuesten Posts und Nachrichten dieser Welt. Und dennoch entsteht genau hier dreimal im Jahr eine moderne Zeitschrift für junge Menschen. Sie trägt den Namen „Popshop“ und bietet eine bunte Mischung aus Themen von Sport über Tiktok-Trends bis hin zu Rezepten. Möglich macht es eine Kooperation der JVA mit der Georg-Müller-Schule in Bielefeld, die bereits seit 2008 besteht. Neuer Projektpartner ist die Universität Münster: Studierende des Instituts für Kommunikationswissenschaft gestalten seit dem Wintersemester 2024/25 das Layout des Magazins. Dafür bietet das Institut eine Arbeitsgruppe an.
„Die Zeitschrift gibt den Gefangenen eine Stimme. Es ist toll, dass wir dieses Projekt unterstützen und uns dabei gleichzeitig kreativ ausleben können“, sagt Mary Ehlebracht. Als studentische Hilfskraft koordiniert sie die Layoutgruppe mit dem Leiter des Kompetenzzentrums Medienpraxis, Dr. Stephan Völlmicke, und steht den Studierenden während der wöchentlichen Treffen als Ansprechpartnerin zur Verfügung. Zehn Plätze bietet die AG, in diesem Sommer sind sieben Studierende dabei. Für ihre Mitarbeit erhalten sie am Semesterende ein Zertifikat. „Im zweiten Bachelor-Semester habe ich noch nicht viele Praxiserfahrungen gesammelt. Hier lerne ich viel über Gestaltung und kann berufliche Perspektiven ausloten“, sagt Lilian Söbbeke. „Es ist ein schönes Gefühl, wenn man hinterher das fertige Produkt in den Händen hält“, findet Leonie Mut.
Liegen die ersten Beiträge vor, beginnt die Arbeit für die Studierenden. „Die AG startet mit einem Workshop zum Layout-Programm InDesign. Außerdem lernen die Teilnehmenden Grundlagen in der Magazingestaltung“, erklärt Mary Ehlebracht. Vor ihrem Studium hat die 26-Jährige eine Ausbildung zur Mediengestalterin absolviert und deshalb viele Tipps und Tricks parat. Das Magazin solle ansprechend für die jüngere Zielgruppe aussehen und die Texte müssten gut lesbar sein, betont sie. Über ein Kommunikationstool suchen sich die Studierenden einzelne Themen aus und überlegen sich, wie die Seite im Layout aussehen kann. Vier Farben und eine Schriftart ziehen sich durch das gesamte Magazin, das mit einem bildstarken Design aufwartet.
Das „Popshop“-Projekt ist deutschlandweit das einzige dieser Art. Die Zusammenarbeit wurde 2020 und 2021 beim Bundeswettbewerb „Demokratisch Handeln“ ausgezeichnet und 2021 für den Deutschen Engagementpreis nominiert. Bisher entstand das Layout ebenfalls an der Schule, die Beteiligten konnten dies jedoch nicht mehr leisten – über Umwege und Kontakte kam schließlich die Universität Münster ins Boot. Derzeit erscheint das Magazin mit einer Auflage von 600 bis 650 Exemplaren, die innerhalb der JVA, an der Bielefelder Schule, an der Uni und an Interessierte verteilt werden.
Für die Studierenden endet die Arbeit des Semesters bereits zum zweiten Mal mit einer besonderen Exkursion: Bei einem Besuch in der JVA Herford treffen sie demnächst die Gefangenen, die am Magazin mitgearbeitet haben. „Das sind beeindruckende Einblicke hinter die Kulissen eines Gefängnisses“, berichtet Jonathan Albers, der schon einmal dabei war. „Und es ist natürlich schön, dass wir die Menschen kennenlernen, mit deren Texten wir uns so lange beschäftigt haben.“
Autorin: Julia Harth
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 5, 22. Juli 2026.