|
Münster (upm/jh).
Sieben Studierende sitzen in der Lehrredaktion um einen Tisch herum und schauen in die Kamera. Auf dem Tisch steht ein Laptop und es liegen mehrere Exemplare des Magazins auf dem Tisch.<address>© Uni MS - Julia Harth</address>
In der Lehrredaktion treffen sich die Studierenden wöchentlich, um am Magazin zu arbeiten – am Konferenztisch tauschen sich Lilian Söbbeke, Anna Schmälzger, Leonie Mut, Jonathan Albers, Edith Kellerhoff und Mary Ehlebracht (v. l.) über das Layout aus.
© Uni MS - Julia Harth

Eine Stimme für junge Häftlinge

Studierende gestalten Gefangenenzeitschrift „Popshop“ in Kooperation mit Justizvollzugsanstalt und Schule

Kein Handy, kein Laptop, kein Internet: In der Justizvollzugsanstalt (JVA) Herford verbüßen Jugendliche und junge Erwachsene ihre Haftstrafen nahezu ohne Kontakt zur Außenwelt. Was für Gleichaltrige außerhalb der Mauern normal ist, gibt es im Gefängnis nicht: kein Social Media, kein Scrollen durch die neuesten Posts und Nachrichten dieser Welt. Und dennoch entsteht genau hier dreimal im Jahr eine moderne Zeitschrift für junge Menschen. Sie trägt den Namen „Popshop“ und bietet eine bunte Mischung aus Themen von Sport über Tiktok-Trends bis hin zu Rezepten. Möglich macht es eine Kooperation der JVA mit der Georg-Müller-Schule in Bielefeld, die bereits seit 2008 besteht. Neuer Projektpartner ist die Universität Münster: Studierende des Instituts für Kommunikationswissenschaft gestalten seit dem Wintersemester 2024/25 das Layout des Magazins. Dafür bietet das Institut eine Arbeitsgruppe an.

„Die Zeitschrift gibt den Gefangenen eine Stimme. Es ist toll, dass wir dieses Projekt unterstützen und uns dabei gleichzeitig kreativ ausleben können“, sagt Mary Ehlebracht. Als studentische Hilfskraft koordiniert sie die Layoutgruppe mit dem Leiter des Kompetenzzentrums Medienpraxis, Dr. Stephan Völlmicke, und steht den Studierenden während der wöchentlichen Treffen als Ansprechpartnerin zur Verfügung. Zehn Plätze bietet die AG, in diesem Sommer sind sieben Studierende dabei. Für ihre Mitarbeit erhalten sie am Semesterende ein Zertifikat. „Im zweiten Bachelor-Semester habe ich noch nicht viele Praxiserfahrungen gesammelt. Hier lerne ich viel über Gestaltung und kann berufliche Perspektiven ausloten“, sagt Lilian Söbbeke. „Es ist ein schönes Gefühl, wenn man hinterher das fertige Produkt in den Händen hält“, findet Leonie Mut.

Blick auf einen Tisch, an dem jemand handschriftlich Notizen macht.<address>© JVA Herford</address>
In der JVA entstehen die Beiträge zunächst handschriftlich. Die Schülerinnen und Schüler der beteiligten Schule tippen die Texte der Häftlinge anschließend ab und stellen sie den Studierenden fürs Layout zur Verfügung.
© JVA Herford
In der JVA findet alle drei bis vier Wochen eine Redaktionssitzung statt. Die Strafgefangenen und die Bielefelder Schülerinnen und Schüler schreiben jeweils eigene Beiträge für das Magazin. „Es bereitet mir Freude und Ablenkung vom Haftalltag. Ich gehe zu jeder Redaktionssitzung mit einem guten Gefühl und voller Freude“, berichtet ein Häftling. „Dabei sieht man auch mal andere Menschen. Die Zusammenarbeit ist 1 a – und man kann jedes Thema nehmen, auf das man Lust hat“, ergänzt ein anderer. Da die Inhaftierten im Gefängnis keine digitalen Geräte für die Recherche zur Verfügung haben, übernehmen die Schülerinnen und Schüler zusätzlich diese Aufgabe und stellen den Häftlingen Material zu ihren Themen bereit. Darauf aufbauend schreiben die Gefangenen die Texte, die die Schülerinnen und Schülern schließlich abtippen. So entsteht nach und nach die Ausgabe.

Liegen die ersten Beiträge vor, beginnt die Arbeit für die Studierenden. „Die AG startet mit einem Workshop zum Layout-Programm InDesign. Außerdem lernen die Teilnehmenden Grundlagen in der Magazingestaltung“, erklärt Mary Ehlebracht. Vor ihrem Studium hat die 26-Jährige eine Ausbildung zur Mediengestalterin absolviert und deshalb viele Tipps und Tricks parat. Das Magazin solle ansprechend für die jüngere Zielgruppe aussehen und die Texte müssten gut lesbar sein, betont sie. Über ein Kommunikationstool suchen sich die Studierenden einzelne Themen aus und überlegen sich, wie die Seite im Layout aussehen kann. Vier Farben und eine Schriftart ziehen sich durch das gesamte Magazin, das mit einem bildstarken Design aufwartet.

Das Foto ist ein Blick über die Schulter von zwei Studentinnen. Man sieht die Studentinnen von hinten und die Oberfläche der Monitore, an denen sie arbeiten.<address>© Uni MS - Julia Harth</address>
Mit dem Layoutprogramm InDesign gestalten die Studierenden die Zeitungsseiten.
© Uni MS - Julia Harth
Edith Kellerhoff hat für das Sommermagazin unter anderem eine Doppelseite zu den Planeten des Sonnensystems gestaltet. „Beim Arbeiten mit InDesign ist Routine wichtig. Dadurch, dass wir jede Woche an den Seiten arbeiten, vertieft man sein Wissen viel mehr als bei einem einzelnen Workshop“, findet sie. Mary Ehlebracht setzt anschließend alle Seiten zu einer Datei zusammen. „Eine Woche vor dem Druck muss das Layout fertig sein, denn es folgt noch eine Feedbackschleife mit der JVA“, erklärt sie das Prozedere.

Das „Popshop“-Projekt ist deutschlandweit das einzige dieser Art. Die Zusammenarbeit wurde 2020 und 2021 beim Bundeswettbewerb „Demokratisch Handeln“ ausgezeichnet und 2021 für den Deutschen Engagementpreis nominiert. Bisher entstand das Layout ebenfalls an der Schule, die Beteiligten konnten dies jedoch nicht mehr leisten – über Umwege und Kontakte kam schließlich die Universität Münster ins Boot. Derzeit erscheint das Magazin mit einer Auflage von 600 bis 650 Exemplaren, die innerhalb der JVA, an der Bielefelder Schule, an der Uni und an Interessierte verteilt werden.

Für die Studierenden endet die Arbeit des Semesters bereits zum zweiten Mal mit einer besonderen Exkursion: Bei einem Besuch in der JVA Herford treffen sie demnächst die Gefangenen, die am Magazin mitgearbeitet haben. „Das sind beeindruckende Einblicke hinter die Kulissen eines Gefängnisses“, berichtet Jonathan Albers, der schon einmal dabei war. „Und es ist natürlich schön, dass wir die Menschen kennenlernen, mit deren Texten wir uns so lange beschäftigt haben.“

Autorin: Julia Harth

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 5, 22. Juli 2026.

Links zu dieser Meldung