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Münster (upm).
Das Bild zeigt die Schreinerin Johanna Wilstacke an einer Kreissäge.<address>© Uni MS - Linus Peikenkamp</address>
Auch an der Universität Münster können Geräusche zu einem ohrenbetäubenden Lärm anwachsen – wie in der Schreinerei, in der Johanna Wilstacke nur mit Gehörschutz an einer Kreissäge arbeiten kann.
© Uni MS - Linus Peikenkamp

Wenn Geräusche unerträglich werden

Lärm hat viele, vor allem negative Facetten und berührt verschiedene wissenschaftliche Disziplinen – ein Überblick

VOM LAUTEN ...

Die aberdutzenden Fahrräder, die an einem Wochentag im April zur Mittagszeit vor dem Bispinghof stehen, wecken sogleich zwei Assoziationen: Zum einen gibt es kaum ein Fortbewegungsmittel, das bei richtiger Wartung mehr Stille symbolisiert, zum anderen lassen sie erahnen, wie voll – und damit laut – die Mensa im Untergeschoss ist. Im Speiseraum bestätigt sich diese Erwartung nur zum Teil, denn das gute Wetter zieht viele Studierende auf die Terrasse. Laut ist es im Innenraum dennoch. Geschirrgeklapper, Besteckgeklimper, Stuhlgerücke und vielstimmige Gespräche erzeugen eine Geräuschkulisse, die sich kaum ausblenden lässt. Gleich drei Schallpegel-Apps laufen auf meinem Handy, doch die angezeigten Messwerte sind derart unterschiedlich, dass ihnen nicht zu trauen ist. Aber ist die Mensa unangenehm laut? Lärm, um den es auf diesen Doppelseiten geht, ist zunächst unerwünschter Schall. Klar, ich zöge beim Essen vermutlich Ruhe vor, aber das dezibelbehaftete Treiben stört mich nicht. Denn: Schall gibt es nur, wo Bewegung herrscht und Schwingungen sich ausbreiten können. An unserer Uni sind Geräusche also ein Zeichen des Lebens und der körperlichen wie geistigen Bewegung – in Hörsälen und auf Baustellen, in Laboren und Mensen. Dass Lärm allerdings zahlreiche, vor allem negative Auswirkungen hat sowie verschiedene Disziplinen berührt und beschäftigt, zeigen die Beiträge auf dieser Doppelseite.
 

Physikdidaktik

Schall entsteht durch Schwingungen eines Körpers, beispielsweise eines Automotors oder unserer Stimmbänder. Die Schwingungen versetzen Luftteilchen in Bewegung und breiten sich als Wellen aus, bis sie unser Ohr erreichen. Entscheidend für den Höreindruck sind die enthaltenen Frequenzen und die Lautstärke. Lärm ist physikalisch kein anderer Schall, sondern wird subjektiv als störend bewertet – meist, wenn er viele Frequenzen enthält, laut und unregelmäßig ist.

In Schulen kommt ein erhöhter Schallpegel regelmäßig vor. So entsteht Lärm im Klassenzimmer zum Beispiel durch Gespräche, Flüstern und Bewegungsgeräusche, die sich im Raum summieren. Harte Oberflächen, große Räume und fehlende Dämpfung lassen den Schall länger nachhallen. Zusätzlich wirken äußere Einflüsse wie Lärm aus Fluren, Nachbarklassen oder von draußen. Lärm lässt sich daher kaum vermeiden, aber reduzieren.

Das ist auch aus lernpsychologischer und didaktischer Sicht wichtig. Denn Lärm wird unter anderem dadurch problematisch, dass unser Gehirn akustische Reize automatisch verarbeitet – auch dann, wenn wir uns konzentrieren wollen. Dadurch werden kognitive Ressourcen gebunden, die beim Lernen fehlen. Die Folgen: Komplexe Inhalte werden schlechter verstanden und gespeichert, und die Fehlerquote steigt. Gleichzeitig reagiert der Körper mit Stress – der Puls steigt, Stresshormone werden ausgeschüttet und innere Unruhe entsteht. Das führt dazu, dass wir schneller ermüden, weniger motiviert sind und insgesamt schlechter lernen.

Abhilfe können „Lärmampeln“ schaffen. Diese zeigen über LED die aktuelle Lautstärke durch Farben an und geben direktes Feedback. Sie fördern Selbstregulation, da Lernende ihre Lautstärke eigenständig anpassen können. Gleichzeitig entlasten sie die Lehrerinnen und Lehrer, es bleibt mehr Zeit und Energie für den eigentlichen Unterricht. Im Physik- oder Informatikunterricht lassen sich als Projektarbeit kostengünstig Ampeln mit Mikrocontrollern, Mikrofonen und LEDs nachbauen und programmieren.

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Susanne Heinicke und Dr. Alexander Pusch, Institut für Didaktik der Physik

 

Literatur

Seiner Abhandlung über den Lärm gab der deutsche Philosoph und Publizist Theodor Lessing 1908 einen vielsagenden Untertitel: „Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens“. Auf allem Erdenleben, stellte er seinerzeit fest, laste eine „ungeheuerliche Unruhe und grauenhafte Lautheit“. All das „entsetzliche Randalieren, das unaufhörliche Brüllen, Dröhnen, Pfeifen, Zischen, Fauchen, Hämmern, Rammeln, Klopfen, Schrillen, Schreien und Toben“, womit der Mensch seine Aktionen zu begleiten pflege, sei letztlich das Ergebnis einer „vitalen Notwendigkeit“, eines „unbezähmbaren Impulses“. Dieser „Urtrieb“ reihe sich ein in „jene zahllosen allmenschlichen Neigungen, die ,Bewusstseinsnarkose‘ … des stummen, bewusst denkenden Geistes zu unterhalten“. Mit anderen Worten: Lärm diene wie Nikotin, Alkohol oder Opium dazu, die menschliche „Trieb- und Gefühlssphäre frei zu machen, zu erweitern und zu steigern“.

Gut hundert Jahre später weist die Schweizer Autorin Sieglinde Geisel in ihrem Buch „Nur im Weltall ist es wirklich still“ weniger tiefenpsychologisch darauf hin, dass jeder Mensch individuell mit seiner Reaktion darüber entscheide, wo Lärm als ein „interpretiertes Geräusch“ beginne. Für diese Entscheidung bedürfe es immer zweierlei: eines Geräuschs und eines Bewusstseins, das darauf reagiert – gelassen oder genervt, beunruhigt oder cool. Wobei Lärm keineswegs laut sein müsse. Auch ein tickender Wecker oder ein tropfender Wasserhahn könnten uns in den Wahnsinn treiben.

Theodor Lessing war sich jedenfalls sicher, dass Lärm immer zu seinem Leben gehören würde. Deswegen hatte er nur einen bescheidenen Wunsch: „dass an meinem Grabe nicht etwa noch ein Böller abgeschossen wird“.

Norbert Robers

 

Biologie

Seitdem der Mensch sesshaft wurde, dringt er in tierische Lebensräume ein – besonders seit der Industrialisierung. Durch Städte- und Straßenbau, Rodungen oder Tourismus bleiben nur wenige Habitate ökologisch intakt. Eine Folge: Die Tierwelt leidet unter Lärm. „Betroffen sind vor allem Tiere, die Lautäußerungen nutzen, um zu kommunizieren, Partner zu finden, ihr Revier abzugrenzen oder Futter zu suchen – Vögel, aber auch Amphibien oder Heuschrecken“, erklärt Dr. Sascha Buchholz, Professor für Tierökologie. „Sie meiden laute Bereiche, wodurch Lebensräume schrumpfen.“ Zudem änderten manche Vögel ihre Aktivitätszeiten und sängen abends, wenn es ruhiger ist. „Singende Tiere passen ihre Gesänge an – sie verändern Frequenzen, Melodien oder die Gesangsstruktur.“ Sascha Buchholz hat erforscht, dass Rotkehlchen an lauten Orten die Mindestgesangsfrequenz erhöhen, damit Artgenossen sie hören. Dauer und Komplexität nähmen dort deutlich ab. Auch für den Nachwuchs habe Lärm negative Folgen.

„Junge Singvögel lernen, indem sie den Gesang erwachsener Vögel imitieren. Dieser Prozess wird gestört“, ergänzt Verhaltensbiologin Dr. Ahana Aurora Fernandez. Eine interessante Beobachtung machten Forschende während der Coronapandemie: Menschen hielten sich weniger draußen auf, es gab weniger Straßenlärm und Schiffsverkehr. „Singvögel reagierten darauf, indem sie leiser sangen. Außerdem nutzten sie mehr Silben, ihre Gesänge wurden also komplexer“, weiß die Biologin. Langfristig müsse man sich fragen, ob man bereit sei, jene Arten zu verlieren, die sich nicht gut an Lärm anpassen können.

Hanna Dieckmann
 

Medizin und Psychologie

Lärm ist, medizinisch betrachtet, zunächst ein auditives Problem, also schlecht für das Gehör. Es gilt, zwei Arten der Lärmschädigungen zu unterscheiden: die akute und die chronische. „Chronischer Lärm über Jahre und Jahrzehnte kann zu dauerhaften Hörschäden führen“, erklärt Dr. Hendrik Berssenbrügge, Hals-Nasen-Ohrenspezialist am Universitätsklinikum Münster. Wichtig sei dabei der Schwellenwert von 85 Dezibel (dB). Zwar habe sich hierzulande vor allem die Arbeitswelt gewandelt – weniger Menschen arbeiten im verarbeitenden Gewerbe, mehr Prozesse werden automatisiert, die Dienstleistungsgesellschaft wächst, und die Lärmprävention ist wichtiger geworden. In der Metallindustrie und im Straßenbau werden die 85 dB dagegen oft deutlich überschritten.

Die kurzfristige oder akute Schädigung kommt durch Einzelgeräusche zustande, etwa durch eine Explosion. Ist die Beeinträchtigung nur von vorübergehender Dauer, sprechen Experten wie Hendrik Berssenbrügge von „Vertäubungsphänomenen“. Doch egal ob chronisch oder akut: Grundlage der Symptome sind Schäden der Haarzellen in der Hörschnecke.

Die Forschung beschäftigt sich weiterhin mit den Ursachen und der Behandlung lärmbedingten Hörverlustes. Für die vielfach angewandte Cortisonbehandlung gebe es allerdings eine uneindeutige Studienlage, weshalb vor allem die Symptombekämpfung im Vordergrund der Behandlung stehe.

„Hörgeräte kompensieren die nicht so schweren Schädigungen gut“, betont Hendrik Berssenbrügge. Ob davon zukünftig aufgrund lärmbedingter Hörschäden noch mehr benötigt werden, sei unklar. Denn noch bleibt abzuwarten, ob der laute (Dauer-)Einsatz von Kopfhörern gerade jüngerer Menschen spurlos an ihren Haarzellen vorbeigehen wird.

Die Wirkungen des Lärms hören allerdings nicht im Ohr auf. Denn es gibt zahlreiche sogenannte extra-aurale Wirkungen. Was damit gemeint ist? Dass Lärm nicht nur das Gehör beeinträchtigen kann, sondern die Gesundheit des Menschen insgesamt. Dafür braucht es noch nicht einmal die genannten 85 Dezibel, schon 45 dB (nachts) können gesundheitliche Folgen haben. Denn der Körper reagiert auf anhaltende Lärmeinwirkung mit einer verstärkten Ausschüttung des Hormons Cortisol, wodurch Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Konzentrations- und Schlafstörungen oder auch psychische Probleme entstehen oder begünstigt werden können.

„Für das Gehör und die Sinneszellen macht es keinen Unterschied, wie ein Geräusch mental und emotional wahrgenommen und bewertet wird“, erklärt Hendrik Berssenbrügge. Doch psychologisch ist die Assoziation mit einem Geräusch wichtig.

Was den einen erfreut, etwa bestimmte Musikstile, könne den anderen ärgern und belasten. „Eine laute Straße wird vermutlich von den meisten anders wahrgenommen als ein gleich lautes Meeresrauschen.“

André Bednarz
 

Recht

Ob Flugzeug, Fußballstadion oder der Rasenmäher des Nachbarn – Lärm ist allgegenwärtig. Doch ab wann wird er zum Fall für die Justiz? Juristisch gilt Lärm als Emission beziehungsweise Immission, vergleichbar mit Abgasen oder Feinstaub. Zwei Säulen tragen den Lärmschutz in Deutschland: Das Grundgesetz verpflichtet den Staat, körperliche Unversehrtheit zu schützen – auch vor gesundheitsschädlichem Krach. Das Bundesimmissionsschutzgesetz definiert, was als „schädliche Umwelteinwirkung“ gilt. Die entscheidende Frage dabei: Wie laut ist zu laut?

„Die Antwort liefert vor allem die sogenannte TA Lärm, die Technische Anleitung Lärm“, erklärt Prof. Dr. Patrick Hilbert, Direktor am Institut für Umwelt- und Planungsrecht. Sie lege konkrete Grenzwerte fest und sei, obwohl eigentlich nur eine Verwaltungsvorschrift, auch für Gerichte verbindlich. „Die Bürgerinnen und Bürger dürfen sich auf sie berufen – ein juristisches Kuriosum. Spannend wird es dort, wo Wohnen und Wirtschaft aufeinandertreffen. Weil die Richtwerte der TA Lärm in lauten Gebieten Wohnnutzung entgegenstehen können, dürfen Gemeinden seit einer Änderung des Baugesetzbuchs Ausnahmen festlegen.“

Auch die Europäische Union gibt Orientierung zum Thema Lärm. Ihre Umgebungslärmrichtlinie verpflichtet zu Lärmkartierungen und Aktionsplänen. Einklagbar sind diese allerdings nicht. Und wenn der Nachbar abends um 23 Uhr noch laut Musik macht? Dann tritt neben das öffentliche Recht auch das private (Nachbar-)Recht. Dessen Maßstäbe gleichen denen des öffentlichen Rechts. „Zu ihrer Durchsetzung empfiehlt sich das nachbarliche Gespräch anstatt Gerichte, die Polizei oder das Ordnungsamt anzurufen“, meint der Jurist.

Hanna Dieckmann
 

Geographiedidaktik

Lärm zählt zu den großen Umwelt- und Gesundheitsproblemen, insbesondere in Städten und Ballungsräumen. Die Umweltbewusstseins-Studie von 2024 zeigt, dass mehr als zwei Drittel der Bevölkerung Straßenverkehrslärm als störend oder belastend empfinden. Dabei ist der Umgang mit Lärm auch eine Frage der Umweltgerechtigkeit, da es nicht allen Menschen gleichermaßen möglich ist, lärmbelasteten Räumen aus dem Weg zu gehen. Eine effektive Lärmminderung in Städten folgt einem abgestuften Ansatz von Verkehrsvermeidung über die Verlagerung auf umweltfreundliche Verkehrsmittel bis hin zu technischen und baulichen Maßnahmen.

Lärm als Umweltphänomen eignet sich aus geographiedidaktischer Perspektive dazu, Fragen zu Umweltbelastung, subjektiver Raumwahrnehmung, Umweltgerechtigkeit und Raumnutzungskonflikten zu behandeln. Man kann sich diesem Thema durch forschende, schülerzentrierte und handlungsorientierte Lernformen nähern: Auf Exkursionen führen Schülerinnen und Schüler beispielsweise Schallmessungen durch und erstellen einfache Lärmkarten. Wahrnehmungsgänge durch Städte und Befragungen ermöglichen es, subjektive Lärm- und Belastungsempfindungen zu erfassen und zu reflektieren. Darauf aufbauend lassen sich Lösungsideen für eine lärmarme Stadtentwicklung erarbeiten. Ebenso kann man kommunale Lärmaktionspläne analysieren oder Citizen-Science-Projekte dazu nutzen, um zu verstehen, wie die Bürger an der Erhebung von Lärmdaten beteiligt sind und in kommunale Entscheidungsprozesse eingebunden werden.

Ein Gastbeitrag von Dr. Nadine Rosendahl, Institut für Didaktik der Geographie
 

Sport

Wenn die Fans in einem Stadion aufdrehen, kann es laut werden. Sehr laut. Experten haben einst bei einem Footballspiel im „Arrowhead Stadium“ in Kansas City mit 142 Dezibel den bisherigen Lärm-Weltrekord bei einem Sportereignis gemessen – mit einer Motorsäge kommt man auf etwa 110 Dezibel. Ist diese Form der Unterstützung automatisch ein Vorteil für die Heimmannschaft? Keineswegs, fand Sportwissenschaftler Prof. Dr. Bernd Strauß von der Universität Münster bei seiner Untersuchung von rund 10.000 Bundesligaspielen der Jahre 1963 bis 1995 heraus. „Die Anwesenheit und das Verhalten von Fans hat eine eher negative, wenn es überhaupt eine Wirkung hat“, urteilte er. Je wichtiger ein Spiel, umso größer sei aufgrund des Erwartungsdrucks vielmehr die Gefahr des Versagens.

Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung kam dagegen nach der Analyse von sechs Spielzeiten in den drei deutschen Fußball-Profiligen zu einem anderen Ergebnis. Demnach steigt für Auswärtsteams die Wahrscheinlichkeit eines Punktgewinns pro 1.000 mitgereiste Zuschauer um bis zu 5,4 Prozent – was im Umkehrschluss bedeutet, dass auch die Heimteams durchaus vom Push-Effekt der eigenen Fans profitieren (können). Zumal britische Forscher herausfanden, dass ein frenetisches Publikum sogar Einfluss auf Schiedsrichter-Entscheidungen hat. Bei entsprechendem Lärm ahndeten die Referees rund 15,5 Prozent weniger Fouls der Heimteams. Das Urteil der Leibniz-Wissenschaftler ist eindeutig: „Was Fans schon lange wussten: Sie entscheiden Spiele mit.“

Norbert Robers
 

Technische Lösungen

Geräusche und Lärm sind überall. Jederzeit. Der Begriff Ballungszentrum legt nahe, dass es an diesen Orten besonders lautstark zugeht. Kein Wunder also, dass bei einer Umfrage in den 27 EU-Ländern herauskam, dass die große Mehrheit der Bürger sich vom Straßen- und Schienenverkehr belästigt fühlt.

Um Abhilfe zu schaffen, kann man an zwei Stellen ansetzen: an der Lärmquelle, also den Autos, Bussen und Bahnen, und an der Möglichkeit, den Lärm von den Menschen fernzuhalten. Beispielsweise mit „aktiv schallschluckenden“ Fenstern, an denen Experten des Fraunhofer-Instituts für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit arbeiten. Fenster sind eines der „Haupteinfallstore“ für Lärm. Das Prinzip: Sobald Schallwellen auf das Fenster treffen, wird das Fenster mithilfe von Piezokeramiken in Gegenschwingungen versetzt – der Schallpegel im dahinterliegenden Raum sinkt. „Spannend wird es“, betont Ingenieur Jonathan Militzer, „wenn man das Fenster öffnen oder kippen will und gleichzeitig der Lärm draußen bleiben soll.“ Physikalisch sei dies möglich, indem man den (lärmenden) „Wellenberg“ von außen in ein „Wellental“ im Inneren des Zimmers lenke.

Interessant sind auch die Fortschritte dabei, an den Lärmquellen anzusetzen, etwa in Autos oder an Sägeblättern. Die Herausforderung besteht vor allem darin, dass sich die Auto- und Maschinenbauer um möglichst leichte Strukturen bemühen, die allerdings zu stärkeren Schwingungen neigen, was wiederum Geräusche zur Folge hat. Dagegen könnten vor allem „vibroakustische Metamaterialien“ helfen, mit deren Hilfe „die Amplituden von schädlichen Strukturschwingungen und Lärm tief und breitbandig reduziert werden“.

Norbert Robers
 

... ZUM LEISEN

Geräusche bewegen sich als Schallwellen fort. Analog dazu gibt es auch an unserer Universität Schallberge und Schalltäler. In der Mensa am Bispinghof kann man wie oben beschrieben zur Mittagszeit einen Geräuschberg erleben. In der Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) am Krummen Timpen landet man bei einem Besuch dagegen in einem akustischen Tal: Dann und wann hört man in den Lesesälen ein leises Tippen auf Laptoptastaturen, hin und wieder gleitet ein Besucher auf einem befilzten Stuhl über den befilzten Boden. Ein Nieser hier, ein Husten dort, das Blättern einer Buchseite. Durch auf- und zugehende Türen dringen Gespräche und schnellere Bewegungen aus dem Treppenhaus in die äußerst leise Arbeitsatmosphäre. Auch wenn es keine absolute Stille für den Menschen geben kann, da der Körper selbst mit seinem Herzen und Magen, mit seiner Lunge und sogar mit seinem Gehör permanent Geräusche produziert, so kann man in der ULB sicher nicht von Lärm sprechen. Sondern davon, was gemeinhin als Stille bezeichnet wird. Noch stiller – und andächtiger – ist es unweit der Bibliothek in der Petrikirche. Die dicken Mauern sperren die akustische Umwelt fast vollends aus. Lediglich leises Vogelzwitschern, ein dumpfes Vibrieren der Autos und Busse rund um den Aegidiimarkt und einige Gesprächsfetzen lassen, in den leeren Kirchenbankreihen sitzend, erahnen, dass die Kirche mitten in der Stadt liegt. Und rufen in Erinnerung, wie wertvoll das Fehlen jeglichen Lärms sein kann.

André Bednarz
 

Zahlen & Fakten

  • Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Umgebungslärm nach Luftverschmutzung das zweitgrößte umweltbedingte Gesundheitsrisiko in Europa.
  • Bereits eine dauerhafte Belastung ab 85 Dezibel (dB) – vergleichbar mit dichtem Straßenverkehr – kann zu irreversiblen Schäden an den Haarzellen im Innenohr führen. Die Schmerzschwelle liegt bei 120 bis 130 dB; ab rund 150 dB droht ein Trommelfellriss.
  • Der Pistolenkrebs (Alpheidae) erzeugt mit seiner Schere durch eine kollabierende Kavitationsblase einen Knall von über 200 dB (unter Wasser). Dabei entstehen kurzzeitig Temperaturen von über 4.700 °C und sogar ein Lichtblitz.
  • Chronische Lärmbelastung, zum Beispiel durch Straßen- oder Flugverkehr, erhöht nachweislich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall – auch unterhalb der Schwelle, die das Gehör direkt schädigt.
  • Nächtlicher Lärm (schon ab circa 45 dB Außenpegel) löst laut WHO messbare Stressreaktionen im Körper aus – darunter die Ausschüttung von Cortisol und Adrenalin –, auch wenn man davon nicht bewusst aufwacht.
  • Der Ausbruch des Vulkans Krakatau im Jahr 1883 gilt als das lauteste dokumentierte Geräusch (circa 310 bis 320 dB). Er war noch auf der Insel Rodrigues im Indischen Ozean zu hören – rund 4.800 Kilometer entfernt.

 

Diese Beiträge enstammen einer Themendoppelseite in der Unizeitung wissen|leben Nr. 3, 6. Mai 2026.

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