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Münster (upm/ch).
Ein Ingwer-Rhizom vor weißem Hintergrund; ein Teil der Knolle ist in Scheiben geschnitten. Hinter der Knolle stehen zwei grüne Blätter.<address>© Foto: stock.adobe.com - sommai</address>
Ingwer ist Arzneipflanze des Jahres 2026. Das Rhizom – der unterirdisch wachsende Spross der Pflanze – wird therapeutisch gegen Übelkeit eingesetzt.
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„Wir holen alle Akteure an einen Tisch“

Pharmazeut Andreas Hensel gibt Einblicke in die Wahl von Ingwer als Arzneipflanze des Jahres

Ingwer ist die Arzneipflanze des Jahres 2026 – das haben der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde in Würzburg und die Gesellschaft für Phytotherapie (GPT) gemeinsam entschieden. Was diese Pflanze auszeichnet und welche Themen in der Phytotherapie aktuell sind, verrät GPT-Präsident Prof. Dr. Andreas Hensel, geschäftsführender Direktor am Institut für Pharmazeutische Biologie und Phytochemie der Universität Münster, im Gespräch mit Christina Hoppenbrock.

 

Brustporträt von Prof. Dr. Andreas Hensel<address>© Uni MS - Peter Dziemba</address>
Prof. Dr. Andreas Hensel ist geschäftsführender Direktor am Institut für Pharmazeutische Biologie und Phytochemie
© Uni MS - Peter Dziemba
Was ist das Besondere an Ingwer?

Ingwerrhizom wurde schon im Römischen Kaiserreich bei Magenentleerungsstörungen und Unwohlsein verwendet und wird heute immer häufiger therapeutisch eingesetzt. Ingwer-Extrakte etwa werden in der naturwissenschaftlich orientierten Phytotherapie als milde Arznei gegen Übelkeit in der Schwangerschaft verwendet. Neuere Untersuchungen zeigen zudem, dass Ingwer gut gegen Reiseübelkeit wirkt, sowohl präventiv als auch zur Behandlung der entsprechenden Symptome. Und er wirkt bei Übelkeit im Rahmen von Strahlen- und Krebstherapie.

Könnte es sein, dass Ingwer zur Arzneipflanze des Jahres gewählt wurde, weil er als gesundes Nahrungsmittel derzeit in Mode ist?

Nein, das wäre zu kurz gegriffen. Wobei es stimmt, dass damit auch Geld gescheffelt wird. Wenn man beispielsweise Ingwer-Shots kauft, ist das unverhältnismäßig teuer. Man könnte sich alternativ auch eine Ingwerknolle im Supermarkt kaufen, schälen und pürieren. Oder heißes Wasser drüber gießen, dann hat man Tee. Manche Nahrungsergänzungsmittel, die wie Arzneimittel aufgemacht sind, sind unterdosiert. Das sind keine Arzneimittel. In Apotheken erhält man hochdosierte Ingwerpräparate mit definiertem Wirkstoffgehalt, der auch den medizinisch empfohlenen Tagesdosen entspricht. Dabei handelt es sich um behördlich zugelassene Arzneimittel mit kontrollierter Qualität, die gezielt gegen die jeweiligen Beschwerden eingesetzt werden.

Sie waren an der Wahl der Arzneipflanze des Jahres beteiligt. Wie läuft dieser Prozess ab?

Die GPT wählt die Arzneipflanze des Jahres zusammen mit dem Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde. Sie ist eine wissenschaftliche Gesellschaft, die die medizinischen Anwendungen und die pharmazeutische Qualität der pflanzlichen Präparate in den Vordergrund stellt: die rationale Phytotherapie. Im Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde finden sich Historiker, die sich dagegen vorrangig mit der Geschichte von Arzneipflanzen beschäftigen. Ein Gremium aus Mitgliedern beider Einrichtungen macht einige Vorschläge. Dann erfolgt eine demokratische Wahl mit Blick auf Kriterien wie Tradition, wissenschaftliche Evidenz und Nutzen für die Verbraucher.

Es gibt auch eine Heilpflanze des Jahres. Was ist der Unterschied zur Arzneipflanze?

Beide Begriffe definieren Pflanzen, die arzneilich eingesetzt werden. Den Begriff Arzneipflanze verwendet man, wenn ihre Wirkung wissenschaftlich belegt ist und aus den Pflanzen Arzneimittel im Sinne des Arzneimittelgesetzes hergestellt werden. Die Heilpflanze des Jahres wird durch einen naturheilkundlichen Verein, den NHV Theophrastus, gekürt. In Österreich gibt es wiederum eine andere Arzneipflanze des Jahres. Ich bin über diese Parallelstrukturen nicht glücklich, weil sie in der Öffentlichkeit zu Verwirrungen führen können. Andererseits zeigt das die Vielfältigkeit der rationalen und evidenzbasierten Phytotherapie.

Dann versuchen auch wir, etwaige Verwirrungen zu vermeiden. Welche Ziele verfolgt also die GPT mit der Wahl einer Arzneipflanze des Jahres?

Wir möchten damit auf die teils seit Jahrhunderten bestehenden Traditionen hinweisen, die es beim Einsatz vieler Arzneipflanzen gibt, und die Pflanzen und ihre jeweiligen Anwendungen ins Bewusstsein der Bevölkerung rücken. Außerdem wollen wir die Forschung anschieben. Die GPT trägt dazu bei, dass pflanzliche Arzneimittel evidenzbasiert in die medizinischen Leitlinien, also die Behandlungsempfehlungen für Mediziner, aufgenommen werden. Wir holen alle Akteure – Ärzte, Apotheker, Patienten und die Wirtschaft – an einen Tisch. In der GPT arbeiten Ärzte und Apotheker vertrauensvoll und konstruktiv zusammen. Wir haben auch im Blick, dass die behördlichen Anforderungen an pflanzliche Arzneimittel im Hinblick auf Qualitäts- und Unbedenklichkeitsnachweise enorm gestiegen sind. Die Kontrolle der Qualität ist natürlich gut und richtig. Aber wenn die steigenden Anforderungen dazu führen, dass gut dokumentierte Präparate, die seit Jahrzehnten etabliert sind, nicht mehr eingesetzt werden können, dann läuft etwas schief.

Was genau ist denn das Problem?

Viele Arzneimittel aus der chemisch-synthetischen Entwicklung haben einen einzigen Wirkstoff, zum Beispiel die Acetylsalicylsäure im Präparat Aspirin. Man kann gut analysieren, was mit diesem Wirkstoff im Körper passiert, wie er wirkt, verstoffwechselt und ausgeschieden wird. Pflanzliche Arzneimittel dagegen enthalten komplexe Gemische aus zig Komponenten, von denen man zum Teil noch nicht weiß, wie und warum sie in dieser Kombination wirken. Aus diesem Grund – und weil sie mit einer langen Tradition angewendet werden – hatten pflanzliche Arzneimittel lange eine rechtliche Sonderrolle. Weil das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte inzwischen immer strengere Anforderungen stellt und zum Beispiel Unbedenklichkeitsuntersuchungen für einzelne Komponenten, pharmakokinetische Prüfungen einzelner Bestandteile im Körper und vieles mehr fordert, müssen viele Hersteller passen. Das können sie nicht leisten. Wir versuchen als Fachgesellschaft, zwischen den Behörden und Herstellern zu vermitteln, auch auf europäischer Ebene. Damit wollen wir zwischen der überbordenden Bürokratie und einem überzogenen Sicherheitsdenken einerseits und der therapeutischen Wirkung pflanzlicher Arzneimittel andererseits ein wissenschaftliches Diskussionsforum schaffen.

Können Sie ein Beispiel für die strengeren Anforderungen nennen?

Pflanzliche Erkältungspräparate werden häufig bei Kindern eingesetzt. Für viele von ihnen gibt es keine Zulassung für Kinder, sondern nur für Erwachsene. Sie werden trotzdem schon seit Jahrzehnten in geringerer Dosierung bei Kindern verwendet. Viele Ärzte verordnen die Präparate im sogenannten Off-Label-Use, also außerhalb des zugelassenen Anwendungsgebiets. Der Druck auf die Hersteller, die Unbedenklichkeit und Wirksamkeit durch neue Studien an Kindern nachzuweisen, ist in den vergangenen Jahren jedoch immens gestiegen. Die Behörden nutzen den Ermessensspielraum, den sie bei der Vergabe von Zulassungen haben, in solchen Fällen heutzutage nicht mehr. Ich halte das für ein Problem.

Für 2026 ist die Wahl gelaufen. Haben Sie schon einen Favoriten für die nächste Arzneipflanze des Jahres?

Ja, aber den verrate ich nicht. Ich möchte die Wahl nicht beeinflussen.

 

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 3, 6. Mai 2026.

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