Das Wasser kann kommen
Wenn im Mai die Freibäder öffnen, wird der Blick zum Himmel und in die Wettervorhersage für viele noch ein bisschen wichtiger. Wie sind die Temperaturen? Bleibt es trocken? Droht ein Gewitter? So wichtig diese meteorologischen Voraussetzungen auch sind, für das Schwimmen braucht es einiges mehr. Deswegen hat Maike Elbracht alle Studierenden genau im Blick, die an diesem Vormittag im 25-Meter-Becken des münsterschen Ostbads sind. Auf dem Programm des Bachelorkurses „Schwimmspezifisch schulen“ steht heute die Wahrnehmung im Wasser. Die Studierenden balancieren auf Brettern, schließen ihre Augen, machen Partner- und Gruppenübungen oder kraulen mit nur einem Arm. Nach fast einer Stunde und zahlreichen bisweilen unorthodox anmutenden Übungen ist manchem die Anstrengung anzusehen. „Die Studierenden sollen – ohne Korrekturen – erfahren, wie der Körper im Wasser funktioniert, warum es Unterschiede zu Bewegungsabläufen an Land gibt und wie die Koordination geschult werden kann“, betont die Dozentin, die am Institut für Sportwissenschaft der Universität Münster als Lehrkraft für besondere Aufgaben arbeitet und maßgeblich für die Schwimmausbildung der Sportstudierenden verantwortlich ist.
Vor den Übungen hatte sie die theoretischen Grundlagen der Wahrnehmung und Koordinationsfähigkeiten erarbeitet. „Der Kurs ist recht homogen, dennoch kann ich Unterschiede in Erfahrungen und Fertigkeiten erkennen“, erklärt Maike Elbracht. Das bestätigt sich auch in anschließenden Gesprächen. Die Studentin Janna etwa sagt von sich, dass sie tänzerisch und turnerisch veranlagt und Wasser nicht ihr „Lieblingsort“ sei. Ihr Kommilitone Marco hingegen besitzt das Schwimmabzeichen in Gold, er fühle sich im Wasser wohl. Doch beide erhoffen sich von Maike Elbrachts Kurs, in ihrem späteren Beruf als Lehrkraft das Schwimmen gut vermitteln zu können.
Genau das ist Maike Elbrachts Anliegen. Darum hat sie 2024 ein umfassendes Handbuch veröffentlicht: „Schwimmen – Vom Anfänger bis zum Schwimmer. Das Praxisbuch für Studierende, Lehrkräfte, Trainer und Freizeitsportler“. Darin trägt die frühere Leistungsschwimmerin und A-Lizenz-Trainerin ihre jahrzehntelange Expertise rund um den „Bewegungsraum“ Wasser zusammen. „Das Handbuch soll möglichst viele Zielgruppen ansprechen. Es gibt einen großen Handlungsbedarf rund um das Schwimmen“, unterstreicht sie. Was sie damit meint? Zunächst einmal zahlreiche Faktoren, die dafür sorgen, dass die Schwimmfähigkeiten abnehmen: Bäderschließungen, Lehrkräftemangel, Personalnot in Schwimmvereinen, weniger Kontakt zum Wasser. „Viele haben kaum noch einen Bezug zum Wasser, der über Spiel und Spaß hinausgeht“, berichtet die Dozentin. Das gelte auch für viele Studierende, die deshalb gerade in der Bachelorphase ihr Verhältnis zum Wasser reflektieren sollen, ehe es um die Verfeinerung von Schwimmtechniken gehe. „Wenn ich als Lehrkraft weiß, warum ich im Wasser schlechter sehen kann und wie Bewegungen im Wasser funktionieren, dann kann ich das besser vermitteln“, betont Maike Elbracht.
Darum bilden sie und der Fachbereich die Studierenden so aus, dass es um mehr geht, als schwimmen zu können – im Vordergrund steht, sicher schwimmen zu können. „Ersteres meint das Seepferdchen, Letzteres umfasst komplexere Anforderungen, etwa Schwimmen in Rückenlage, das ausdauernde Schwimmen sowie Tauchen und Springen.“ Maike Elbracht will mit ihrer Lehre an einem Wandel mitwirken. Vielerorts werde bei der Schwimmvermittlung zuerst das Brustschwimmen gelehrt. „Das ist allerdings die koordinativ anspruchsvollste Technik. Im englischsprachigen Raum beginnt man mit dem Kraulen“, erklärt Maike Elbracht. Das sei insofern naheliegend, als die ersten und damit natürlichsten Bewegungsmuster des Menschen über Kreuz funktionierten: das Robben, Krabbeln oder Laufen.
Im Ostbad erleben die Studierenden, dass Schwimmen mehr umfasst als „Kachelzählen“. Nach der Einheit mit Maike Elbracht besteigen sie nacheinander einen Dreimeterturm, um dort den „Abfaller vorwärts gehechtet“ als Studienleistung zu springen. „Wir bilden die Studierenden vielseitig aus und vermitteln ihnen verschiedene Grundfertigkeiten“, erklärt Maike Elbracht. Dazu gehört auch Tauchen, Wasserball oder Synchronschwimmen. Besonders wichtig sei dabei stets, dass die Studierenden auch den Perspektivwechsel vollziehen und versuchen, die Lehrerrolle einzunehmen.
Für Maike Elbracht gehören sowohl Fach- als auch Sozialkompetenzen zu den Voraussetzungen einer guten Schwimmvermittlung. „Schwimmlehrkräfte müssen kreativ sein und den Unterricht inhaltlich abwechslungsreich gestalten können. Gleichzeitig sind Empathie und Sensibilität im Umgang mit Menschen wichtig, da Wasser auch ein Angstraum sein kann“, unterstreicht die Sportwissenschaftlerin. Aus einer Lehrkooperation mit einer Grundschule weiß sie, dass die Basis für das Vermitteln sicheren Schwimmens bei vielen Kindern durchaus sehr gut ist. „Sie haben viel Spaß am Wasser. An dieser Stelle müssen wir sie packen und ihnen für die Wassergewöhnung und -bewältigung viel Zeit geben, dann ist die Vermittlung von Schwimmtechniken viel einfacher“, betont sie.
Den angehenden Schwimmlehrerinnen und -lehrern im Ostbad geht es im Becken und am Sprungturm genauso. Die Motivation stimmt also, doch Maike Elbracht würde sich für noch bessere Ergebnisse eines wünschen: ein unieigenes Schwimmbad, das eine Vielzahl von Anforderungen erfüllt. Denn bislang ist die Schwimmlehre davon abhängig, wann die öffentlichen Bäder dafür zur Verfügung stehen.
Autor: André Bednarz
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 3, 6. Mai 2026.