Auf Spurensuche im Regenwald
Statt in einer Bibliothek steht Luca-Luisa Johannemann im dichten Grün des Regenwaldes von Costa Rica am Rand eines kleinen Flusses und schiebt mit einer Schaufel vorsichtig Sedimente zur Seite. Noch ist unklar, ob sich in der erdigen Schicht tatsächlich ein Fossil verbirgt. „In der Forschung weiß man nie genau, was einen im Gelände erwartet“, sagt sie. „Man ist gewissermaßen auf Spurensuche nach Hinweisen aus der Vergangenheit.“
Die Studentin hat vor Kurzem ihren Master in Geowissenschaften mit Schwerpunkt Paläontologie abgeschlossen. Für ihre Abschlussarbeit reiste sie in das rund 10.000 Kilometer entfernte zentralamerikanische Land, wo sie voraussichtlich noch bis Juni bleiben wird. Ihr Untersuchungsgebiet liegt in der Region San Vito im Südosten Costa Ricas. Dort untersucht sie die sogenannte Taphonomie von Säugetier-Fossilien – also die Prozesse zwischen dem Tod eines Organismus und seiner Entdeckung als Fossil. So lässt sich nachvollziehen, warum manche Überreste über Millionen Jahre erhalten bleiben, während andere verschwinden.
Neben der Entstehung von Fossilien untersuchte Luca-Luisa Johannemann auch das Alter der Säugetier-Fossilien. Dafür nutzte die 26-Jährige fossile Haizähne und winzige Zirkonkristalle aus Sedimentproben der Gegend – wichtige Archive für die Altersbestimmung der Gesteinsschichten. Die Haizähne wurden mitsamt der Säugetierreste im Sediment eingebettet und bauten Uran ein. Der folgende Uranzerfall im Zahn ist eine natürliche Uhr, deren Startzeitpunkt – bestenfalls kurz nach der Einbettung – radiometrisch ermittelt werden kann. Zirkone sind dagegen extrem widerstandsfähige Minerale, die beispielsweise durch Vulkanausbrüche während der Ablagerung in die Sedimente gelangen. Auch in ihnen tickt die messbare „Uran-Uhr“, mit der sich die Bildung der Sedimente datieren lässt.
Die Analysen brachten ein überraschendes Ergebnis: Die Sedimente von San Vito sind jünger als bisher angenommen. Statt aus dem Miozän stammen sie aus dem späten Pliozän, also aus der Zeit vor etwa 3,6 bis 2,6 Millionen Jahren. Das hat auch Auswirkungen auf ein bekanntes Kapitel der Evolutionsgeschichte, den sogenannten Great American Biotic Interchange. Als sich vor rund drei Millionen Jahren eine Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika bildete, konnten Tiere erstmals zwischen den Kontinenten wandern. Die neuen Datierungen liefern wichtige Hinweise, um diese Wanderungen und die Entwicklung der Tierwelt genauer nachzuvollziehen.
Doch bis zu solchen Erkenntnissen ist es oft ein weiter Weg durch den Regenwald. Ein typischer Arbeitstag beginnt für Luca-Luisa Johannemann früh. Gemeinsam mit einem lokalen Hobbypaläontologen fährt sie zunächst mit dem Motorrad ins Forschungsgebiet. Von dort aus geht es zu Fuß für etwa eine halbe Stunde weiter zu dem Fluss, dessen Sedimente Fossilien enthalten könnten. Vor Ort beginnt die eigentliche Arbeit. Zunächst muss Vegetation entfernt werden, damit die Gesteinsschichten sichtbar werden. Aufschlüsse werden freigelegt, dokumentiert und beschrieben. „Das nimmt viel Zeit in Anspruch“, erzählt sie. Die Arbeit im Gelände ist anstrengend – bei Hitze ebenso wie bei plötzlich einsetzendem Regen. Meist endet der Tag gegen 16 Uhr, bevor am Nachmittag der tropische Niederschlag stärker wird.
Die Arbeit im Regenwald ist nicht nur wissenschaftlich anspruchsvoll, sondern auch abenteuerlich. „Man muss genau darauf achten, welche Pflanzen man berührt“, berichtet sie. Einige sind giftig oder tragen gefährliche Stacheln. Auch Begegnungen mit Tieren gehören dazu: Während der Ausgrabungen stieß sie mehrfach auf giftige Schlangen und große Spinnen. Einmal entdeckte sie sogar frische Pfotenabdrücke eines Pumas.
Luca-Luisa Johannemann hat ihre Spurensuche noch nicht abgeschlossen. Nach ihrer Masterarbeit will sie an der Universität Münster in Kooperation mit Partnern in Costa Rica promovieren. Ihr Ziel ist es, weitere Altersdaten für die Region zu gewinnen und die Fossilfunde noch genauer in den geologischen Zeitrahmen einzuordnen. Die Verbindung zu Costa Rica wird also bestehen bleiben. „Ich freue mich darauf, meine Familie und Freunde in Deutschland wiederzusehen“, sagt sie. „Aber ich bin auch froh, dass ich weiterhin nach Costa Rica zurückkehren kann. Dort habe ich inzwischen ebenfalls enge Freundschaften geschlossen.“
Autorin: Kathrin Kottke
Ihre Masterarbeit mit dem Titel „Bridging worlds: Taphonomy and paleobiogeographic significance of late Neogene vertebrate assemblages from southeastern Costa Rica“ entstand in Kooperation zwischen dem Institut für Geologie und Paläontologie der Universität Münster, dem Karlsruher Institut für Technologie, der Universidad de Costa Rica, dem New Mexico Museum of Natural History and Science und dem Nationalmuseum in San José. Der Forschungsaufenthalt wurde durch ein PROMOS-Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes finanziert.
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 2, 1. April 2026.