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Münster (upm/ch).
Prof. Dr. Harald Fuchs steht hinter einem - zum Teil sichtbaren - Rastersondenmikroskop in einem Labor und blickt in die Kamera (Porträtaufnahme).<address>© Uni MS - Linus Peikenkamp</address>
Prof. Dr. Harald Fuchs blickt auf eine Karriere in den Nanowissenschaften und der Nanotechnologie zurück. Die Rastersondenmikroskopie ist seine Passion.
© Uni MS - Linus Peikenkamp

Über Fachgrenzen hinweg

Harald Fuchs blickt auf eine Karriere in den Nanowissenschaften zurück

Es war ein Freitagnachmittag und Harald Fuchs freute sich aufs Wochenende, als er einen Anruf aus der Schweiz erhielt. Am Apparat war Gerd Binnig vom IBM-Forschungslabor in Rüschlikon bei Zürich. Am Montag, so erfuhr der damals frisch promovierte Physiker Harald Fuchs, solle er sich bei IBM einfinden und einen Vortrag über seine Doktorarbeit halten.

Kurz zuvor hatte er in der „Bild der Wissenschaft“ einen Artikel über eine neue Art der Mikroskopie gelesen. Mit einer feinen Messspitze, so hieß es, könne man berührungsfrei über die Oberfläche von Materialien gleiten und einzelne Atome sichtbar machen. Natürlich ahnte der zu der Zeit 32-Jährige nicht, dass die beiden IBM-Forscher Gerd Binnig und Heinrich Rohrer nur drei Jahre später, 1986, den Nobelpreis für die Entwicklung der Rastertunnelmikroskopie erhalten würden. Die Lektüre hatte ihn jedoch so fasziniert, dass er sich um eine Stelle als Postdoktorand in der Arbeitsgruppe der beiden bewarb.

„Mir war etwas mulmig zumute bei dem Gedanken, vor den Koryphäen von IBM vorzutragen“, erinnert sich Harald Fuchs. Er handelte einen Tag mehr zur Vorbereitung aus, trug am Dienstag vor und erhielt die Stelle. Für ein Jahr ging er zu IBM und stellte damit die Weichen für eine Karriere, die ihm unter anderem eine Mitgliedschaft in der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften sowie das Bundesverdienstkreuz erster Klasse einbrachte.

Der Reihe nach: Als Kind faszinierten Harald Fuchs, der im Saarland aufwuchs, vor allem seine Dampfmaschine und Elektrizität, als Jugendlicher fand er die Atomphysik spannend. Er studierte in Saarbrücken neben Physik angewandte Mathematik. Nach dem Diplom in theoretischer Physik arbeitete er zunächst am Universitätsklinikum Saarbrücken zum Transport diffusionsfähiger Ionen in Zellmembranen. Für seine Promotion wechselte er zur Materialphysik an die Universität des Saarlandes in die Gruppe von Prof. Dr. Herbert Gleiter, einem Wegbereiter der Nanotechnologie. Nach dem Postdoktorat bei IBM ging er für acht Jahre in die Industrieforschung zu BASF in Ludwigshafen und etablierte dort unter anderem die Rastertunnelmikroskopie zur Erforschung ultradünner organischer Filme für technische Anwendungen. 1993 nahm Harald Fuchs den Ruf an die Universität Münster an. Hätte er das nicht getan, dann gäbe es das Center for NanoTechnology, dessen Gründungsdirektor er ist, heute nicht, da sind sich seine damaligen Weggefährten einig. Und dass die Stadt Münster sich ohne Harald Fuchs „Nanotechnologie-Standort“ nennen würde, darf man bezweifeln.

Physik, Chemie, Biologie, Medizin: Bis heute blickt Harald Fuchs über die Fachgrenzen hinaus und knüpft internationale Netzwerke. Er ist dementsprechend – als Physiker – Ehrenmitglied der Chinesischen Chemischen Gesellschaft und wurde kürzlich in die Chinesische Akademie der Wissenschaften berufen. Harald Fuchs ist ein Pionier der deutsch-chinesischen Forschung in den Nanowissenschaften. Unter anderem war er Sprecher des ersten deutsch-chinesischen Transregio-Sonderforschungsbereichs „Multilevel Molecular Assemblies“. In seiner Gruppe haben rund 70 chinesische Wissenschaftler während oder nach der Promotion geforscht. Insgesamt verzeichnet er 47 Promotionen und acht Habilitationen.

Auch wenn Harald Fuchs Ende April seinen letzten Arbeitstag als Seniorprofessor hat, wird es ihm nicht langweilig werden. Er hat zahlreiche Verpflichtungen, beispielsweise als Gutachter und als Mitglied in Akademien. Bestimmt findet er trotzdem die Zeit, seinen beiden vierjährigen Enkelkindern die alte Dampfmaschine zu präsentieren, für die er sich als Kind begeisterte. Als Großvater würde er sich freuen, wenn die Zwillinge das Spielzeug auch so spannend fänden.

Autorin: Christina Hoppenbrock

 

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 2, 1. April 2026.

 

Terminhinweis: Am 29. April findet das „Symposium on Frontiers in Nano-Science - From Quantum Science to Nanophotonics, Precision Chemistry and Biomolecular Architecture“ zu Ehren von Prof. Dr. Harald Fuchs im Center for Soft Nanoscience (SoN) statt. Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung gibt es unter https://indico.uni-muenster.de/event/4024/.

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