Tagung zur Demokratiebildung: Welche Rolle spielen Hochschulen?
Wie politisch darf oder muss Hochschullehre sein? Und welche Verantwortung tragen Universitäten in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Tagung „Demokratiebildung als Auftrag für die Hochschullehre?” am 13. März an der Universität Münster. Im Fokus stehen Strategien, Praxisbeispiele und hochschuldidaktische Konzepte, mit denen Hochschulen demokratische Kompetenzen stärken können. Ziel ist es, gute Praxis sichtbar zu machen, strategische Impulse zu geben und Netzwerke zu fördern. Die Universität Münster organisiert die Konferenz gemeinsam mit German U15, dem Zusammenschluss fünfzehn führender, forschungsstarker und traditionsreicher Universitäten, und der Stiftung Innovation in der Hochschullehre. Sie ist Teil des zehnten German U15-Dialogs zur Lehre.
Anlässlich der Tagung hat die Stabsstelle Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit der Universität Münster fünf Expertinnen und Experten um ein Statement zu folgender Frage gebeten: „Wie kann Demokratiebildung in der Lehre gestaltet werden, ohne belehrend oder aufdringlich zu wirken?”
‚Gute‘ Lehre zeichnet sich unter anderem durch offene Diskursräume und echte Partizipation aus. Sie lädt dazu ein, verschiedene Perspektiven einzunehmen, unterschiedliche Positionen respektvoll wahrzunehmen, wissenschaftliche Argumente kritisch zu reflektieren und Verantwortung im Lehr-Lern-Prozess zu übernehmen. Genau hier zeigt sich die Schnittmenge zur Demokratiebildung: Wenn Studierende Verantwortung übernehmen und Prozesse aktiv mitgestalten können, zeigt sich Demokratiebildung als gelebte Praxis, in der gemeinsame Perspektiven entwickelt werden können. Durch die eigene Mitwirkung ist das ein lehrreicher, aber kein belehrender Prozess.
Vor der Frage nach der ‚richtigen‘ Lehrform steht die Frage nach dem, was Demokratiebildung ist. Frei nach Kant gehören dazu die Fähigkeit zur Empathie, die Entscheidung für eine Gesellschaftsordnung, die auf dem Prinzip der Begegnung von Freien und (vor dem Recht) Gleichen beruht, sowie hoffentlich der Mut, sich dafür einzusetzen. Doch wie lehrt man dies? Klar ist: Diese Bildung kann man nicht erzwingen und als abprüfbares Lernziel eignet sie sich nicht – man kann sie aber nahebringen: durch das Angebot von Einsichten in die Wirklichkeit, die Vermittlung vernunftbasierter Methoden und das Vorleben und Einüben von Haltungen. All dies sollte curricular und über Fächergrenzen hinweg geschehen, idealerweise in einer Hochschule als demokratischem Arbeits- und Lebensraum. Dies hat wiederum mit Freiheit zu tun: der Meinungen, des Zugangs, der Wahl von Studienrichtung und Seminaren, der Forschung, der Kritik usw. Angesichts notwendiger Leistungserbringung und -bewertung sowie kaum aufhebbarer Hierarchien ist dies eine paradoxale Aufgabe – im Sinne der Demokratie aber ein lohnendes Ziel.
Die Demokratie steht weltweit unter Druck. In dieser Situation sind alle gesellschaftlichen Felder gefordert, die Demokratie zu verteidigen und zu stärken. Der Sport eignet sich in besonderer Weise, um demokratische Handlungskompetenzen bei Kindern und Jugendlichen anzubahnen. Er ist direkt und authentisch, verfügt über eine hohe Interaktionsdichte – und er ist bei vielen jungen Menschen beliebt. Insgesamt ist der Sport damit ein exzellentes Forum für das Erleben und Lernen von Demokratie. Diese Chancen lassen sich auch in der Hochschullehre nutzen, indem Studierende praktische Erfahrungen mit demokratischen Partizipationsprozessen reflektieren und auf didaktische Konzepte der Demokratiebildung beziehen.
An den Hochschulen wird die Diskussion mit rationalen Argumenten gepflegt und geübt. Absolventinnen und Absolventen sollen diese Kompetenz in ihr Berufsleben, aber auch in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen. Damit tragen sie zur Stabilität unserer Demokratie bei. Doch das geschieht nicht von selbst und quasi nebenbei, sonst wäre unsere Demokratie nicht zunehmend Angriffen ausgesetzt bei gleichzeitig seit Jahrzehnten steigender Akademikerinnen- und Akademikerquote. Die Lehre muss diese Aufgabe daher bewusster und gezielter wahrnehmen. Dies kann explizit durch das Üben von Wissenschaftskommunikation geschehen. Die Aufgabe kann aber auch implizit und in jede Lehrveranstaltung eingebunden werden, indem die scharfe Trennlinie zwischen populistischer und wissenschaftsbasierter Argumentation zum Diskussionsgegenstand wird.
Demokratie braucht kritisches Denken. Wenn Studierende lernen, Argumente zu prüfen, Erkenntnisse abzuwägen, Unsicherheiten auszuhalten und kontrovers zu diskutieren, erwerben sie zentrale demokratische Kompetenzen. Entscheidend sind Räume, in denen unterschiedliche Perspektiven auf Basis wissenschaftlicher Standards verhandelt werden können. Demokratiebildung bedeutet nicht, politische Positionen zu vermitteln, sondern wissenschaftliche Arbeitsweisen erfahrbar zu machen und eine Haltung zu fördern: kritisches Denken, Transparenz, begründeten Widerspruch und verantwortungsbewusstes Handeln. Gegenüber der Demokratie selbst können wir dabei allerdings nie neutral sein.