„Wir brauchen Gesetze zum Schutz der Tiere“
Wildtiere, aber auch Haus- und Nutztiere, können sich an veränderte Umweltbedingungen anpassen. Allerdings ist der menschengemachte Wandel so groß, dass die Anpassungsmöglichkeiten nicht ausreichen – trotz erstaunlicher Widerstandsfähigkeit mancher Tierarten und schlauer Strategien. Die Verhaltensbiologen und Buchautoren Prof. Dr. Norbert Sachser und Dr. Niklas Kästner geben im Interview mit Christina Hoppenbrock Einblicke in die Leistungen der Tiere und ihre Grenzen.
Norbert Sachser: Ja, wir haben nachweislich eine ernst zu nehmende Krise. Das Zeitalter des Menschen, das Anthropozän, ist gekennzeichnet durch einen verstärkten Ausstoß von Treibhausgasen. Damit verbunden sind die Erderwärmung, häufigere Wetterextreme, ein Anstieg des Meeresspiegels und eine Versauerung der Ozeane. Außerdem gibt es eine ausufernde Landnutzung und Urbanisierung, eine Verschmutzung von Luft, Wasser und Böden. Tiere können sich zwar zum Teil an die massiven Veränderungen anpassen, aber diese Anpassung stößt an Grenzen. Es gibt einen Verlust der Biodiversität. In Zahlen heißt das: Bei Insekten und Wirbeltieren haben nur jeweils knapp die Hälfte der Arten stabile Bestände. Knapp die andere Hälfte ist rückläufig, und nur drei Prozent der untersuchten Arten hat steigende Bestandszahlen. Die Gefahr, dass ein weiteres Massenaussterben bevorsteht, ist real. So etwas gab es zuletzt zu den Zeiten der Dinosaurier.
Sie unterscheiden bei Ihrer Analyse zwischen Wildtieren und domestizierten Tieren. Welche Anpassungsstrategien haben denn beispielsweise die Wildtiere?
Niklas Kästner: Man kann zwei wesentliche Strategien unterscheiden: zum einen die evolutionäre Anpassung, bei der sich in Populationen über Generationen hinweg die genetische Ausstattung ändert. Ein beeindruckendes Beispiel dafür sind Killifische, die sich vor der Küste Nordamerikas an eine hohe Schadstoffkonzentration genetisch angepasst haben. Die heute dort lebenden Tiere halten viel höhere Konzentrationen aus als ihre Vorfahren. Die andere Anpassungsstrategie ist die sogenannte phänotypische Plastizität. Sie bezieht sich auf Veränderungen von Merkmalen bei Individuen im Laufe ihres Lebens. Gelbhauben-Kakadus im Großraum Sydney haben zum Beispiel herausgefunden, wie sie Mülltonnendeckel öffnen können, um an die Nahrungsreste in den Tonnen zu kommen. Die Tiere lernen die Strategien zur Öffnung voneinander, sodass sich das Verhalten rasant ausbreitet.
Im Zusammenhang mit dem Klimawandel liest man häufig, dass sich die Verbreitungsgebiete von Tieren verändern. Stimmt das?
Kästner: Ja, das ist richtig. Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus einer Bergregion in Peru: Wegen der Erwärmung durch den Klimawandel verschieben viele Vogelarten, die mit wärmeren Bedingungen nicht zurechtkommen, ihren Lebensraum immer weiter nach oben. Aber auf dem Berggipfel ist Schluss, auch wenn die Temperaturen weiter steigen.
Das ist also ein Beispiel für das Limit, an das die Tiere kommen …
Sachser: Ja. Ein weiteres Beispiel: Es gibt artbedingte Unterschiede, an welche Sauerstoffkonzentrationen im Wasser sich Fische anpassen können. Aber für alle Fische gilt: Wenn die Konzentration zu stark fällt, dann gibt es ein Massensterben, wie wir es im Aasee in Münster vor ein paar Jahren erlebt haben. Dann nützt die phänotypische Plastizität nichts mehr. Das gilt übrigens auch für domestizierte Tiere.
Inwiefern?
Sachser: Grundsätzlich ist die Domestikation eine Erfolgsgeschichte. Die domestizierten Tiere haben sich an den Menschen und an die von ihm geschaffenen Bedingungen angepasst, zum Beispiel an ein Leben mit viel mehr Artgenossen auf engem Raum, als es das in der Natur bei den wilden Vorfahren jemals gab. Aber auch diese Tiere haben Grenzen der Anpassung. Werden sie überschritten, geht es ihnen nicht mehr gut. Extrem viele Nutztiere leben heute unter Bedingungen, die dazu führen, dass sie leiden. Das sehen wir in der Massentierhaltung, angefangen beispielsweise bei Hühnern, bei denen es häufig zu schmerzhaften Brustbeinbrüchen kommt, bis hin zu Schweinen, die durch die Haltung auf harten Spaltböden regelmäßig an Gelenkentzündungen leiden. Aber auch bei unseren Heimtieren ist einiges im Argen. Viele Hunde entwickeln Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Menschen, weil die Tiere zu wenig Bewegung haben und ungesund ernährt werden. Außerdem ist die Zucht von Rassetieren mit Leid verbunden. Ein Mops oder eine französische Bulldogge sehen zwar mit den großen Augen und der kurzen Schnauze niedlich aus. Dieses angezüchtete Kindchenschema ist aber häufig mit starken Atemproblemen verbunden, und die Tiere können dadurch sogar leichter an Überhitzung sterben.
Wie würden Sie ein gutes Leben für domestizierte Tiere beschreiben?
Sachser: Früher hieß es, der Bedarf an Futter und Wasser muss gedeckt sein und Schäden beziehungsweise Krankheit sollen vermieden werden. Aber als Resultat der Emotionsforschung geht man heute davon aus, dass ein Tier auch die Möglichkeit haben muss, positive Erfahrungen zu machen, beispielsweise durch genügend Raum zur Bewegung und durch Kontakte mit Artgenossen.
Kästner: Dazu gehört auch, den Tieren eine Möglichkeit zu geben, selbst Akteure ihres Lebens zu sein. Sie sollten zum Beispiel selber entscheiden können, ob sie gerade mit anderen Individuen zusammen sein wollen oder sich zurückziehen möchten. Das ist in vielen Fällen nicht möglich.
Welche Lösungen gibt es für die Biodiversitäts- und Tierwohlkrisen?
Kästner: Diese große Herausforderung können wir nur als Weltgemeinschaft lösen. Wir müssen insbesondere die Ursachen der Biodiversitätskrise angehen, darunter der Verbrauch von Flächen, der Klimawandel und die Verbreitung von invasiven Arten. In Bezug auf die domestizierten Tiere müssen wir die Haltungsbedingungen verbessern, die Zuchtziele verändern und die Zahl der Tiere reduzieren.
Inwiefern ist die Zahl ein Problem, abgesehen von der Enge in den Ställen?
Sachser: Unter anderem wegen des enormen Flächenverbrauchs für Futterpflanzen, aber auch beispielsweise wegen der Überdüngung der Böden. Den meisten Menschen ist nicht klar, über wie viele Individuen wir bei den domestizierten Tieren eigentlich reden. Eine Studie unter der Leitung des israelischen Wissenschaftlers Ron Milo zeigt: Würden wir alle wildlebenden Säugetiere der Welt auf eine Waage setzen, dann kämen wir auf 61 Millionen Tonnen. Bei allen domestizierten Säugetieren, beispielsweise Rinder, Schweine und Hunde, kämen wir auf 650 Millionen Tonnen. Sie machen in ihrer Masse mehr als das Zehnfache aus. Allein Hunde kommen mit etwa 20 Millionen Tonnen fast auf die Masse aller an Land lebenden wilden Säugetiere. Zum Vergleich: Alle Menschen zusammen wiegen schätzungsweise 390 Millionen Tonnen.
Es wird kaum reichen, dass der Einzelne weniger Fleisch isst, oder?
Sachser: Individuelle Entscheidungen bleiben wichtig. Aber wir brauchen vor allem Gesetze zum Schutz der Tiere oder zur Ausweisung von Naturschutzgebieten. Und wir benötigen internationale Schutzabkommen.
Aber es gibt doch bereits viele Naturschutzprojekte …
Kästner: Zum Glück. Sonst stünde es um die Wildtiere noch wesentlich schlechter.
Sachser: Dass sich schon vieles getan hat, gilt auch für die domestizierten Tiere. Natürlich ist es ein Fortschritt, dass wir in der EU Mindeststandards haben, gerade im Vergleich mit Ländern, in denen es die nicht gibt. Es tut sich etwas, aber bei Weitem nicht genug.
Wie sieht denn Ihr eigener Beitrag aus?
Sachser: Uns ist es wichtig, dass die Ergebnisse der Wissenschaft in die Gesellschaft kommuniziert werden. Uns allen muss klar sein: Unser heutiger Kenntnisstand ist nicht die endgültige Wahrheit. Die wissenschaftliche Arbeit ist ein stetiger Prozess. Aber das Wissen, das die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der ganzen Welt bislang zusammengetragen haben, ist die beste Entscheidungsgrundlage, die wir haben, um die Biodiversitäts- und Tierwohlkrise zu überwinden.
Prof. Dr. Norbert Sachser ist Seniorprofessor an der Universität Münster. Er leitete 25 Jahre die Abteilung für Verhaltensbiologie. Sein Buch „Der Mensch im Tier“ war ein Bestseller und wurde unter anderem ins Englische, Russische und Chinesische übersetzt. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit dem Wohlergehen der Tiere, der Entwicklung und Evolution des Sozialverhaltens sowie der Biologie der Individualität. Er gilt als ein Wegbereiter der deutschen Verhaltensbiologie.
Dr. Niklas Kästner ist Verhaltensbiologe und Alumnus der Universität Münster. Im Jahr 2020 gründete er mit Dr. Tobias Zimmermann die Online-Plattform „ETHOlogisch – Verhalten verstehen“, die sich zu einem der renommiertesten deutschsprachigen Portale zum Thema Tierverhalten entwickelt hat. Seit 2021 arbeitet er zudem als Wissenschaftskommunikator an der Universität Osnabrück. Gemeinsam mit Norbert Sachser und Tobias Zimmermann war er Herausgeber des Buchs „Das unterschätzte Tier“.
Buchhinweis:
Tierwelt am Limit
Die erstaunlichen Anpassungsstrategien der Wild- und Haustiere und ihr Scheitern im Anthropozän
Rowohlt-Verlag
ISBN: 978-3-498-00255-8