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Münster (upm).
Die Schule ist ein wichtiger Lernort: Seit 25 Jahren beschäftigen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des ICBF mit der Begabungs- und Begabtenförderung.<address>© stock.adobe.com - Daniel Ernst</address>
Die Schule ist ein wichtiger Lernort: Seit 25 Jahren beschäftigen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des ICBF mit der Begabungs- und Begabtenförderung.
© stock.adobe.com - Daniel Ernst

Centrum für Begabungsforschung feiert 25-jähriges Jubiläum

25 Jahre Centrum für Begabungsforschung in Münster: Sechs Expertenstandpunkte über die Förderung individueller Potenziale

Die Anfänge der Begabungsforschung an der Universität Münster reichen bis in die 1990er-Jahre zurück. Inzwischen hat sich das Internationale Centrum für Begabungsforschung (ICBF) mit seinen Partneruniversitäten Nijmegen (Niederlande) und Osnabrück zu einer international anerkannten wissenschaftlichen Einrichtung entwickelt.

Anlässlich dieses Jubiläums hat die Stabsstelle Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit der Universität Münster sechs Experten um Ihren Standpunkt zu folgender Frage gebeten:

Begabung fördern, so liest man oft, bedeutet, die Entwicklung individueller Potenziale durch gezielte Anreize und Unterstützung zu ermöglichen. Wie kann dies gelingen?

Prof. Dr. Christian Fischer<address>© Ute Schernau</address>
Prof. Dr. Christian Fischer
© Ute Schernau
„Individuelle Lernpotenziale fördern“
Individuelle Begabungsförderung gelingt durch die systematische Fokussierung vielfältiger Fähigkeits- und Persönlichkeitspotenziale aller jungen Menschen auf der Grundlage einer wachstumsorientierten pädagogischen Haltung. Ausgehend von diagnostisch erfassten Ausgangslagen und Bedürfnissen werden anregende, adaptive Lernumgebungen entlang der Bildungsbiografie gestaltet, die die jeweilige Zone der nächsten Entwicklung berücksichtigen. Die Initiative Leistung macht Schule verknüpft die grundlegende Förderung individueller Lernpotenziale aller Kinder und Jugendlichen in unterschiedlichen Domänen mit dem kontinuierlichen Erkennen leistungsbezogener Entwicklungspotenziale in adaptiven Förderformaten.
Prof. Dr. Christian Fischer, Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Münster

 

 

Prof. Dr. Elmar Souvignier<address>© Institut für Psychologie in Bildung und Erziehung</address>
Prof. Dr. Elmar Souvignier
© Institut für Psychologie in Bildung und Erziehung
„Übung macht den Meister“
Auch für die Begabungsförderung gilt: Übung macht den Meister. Es müssen allerdings wirksame Übungen sein, die zudem zum individuellen Leistungsniveau passen. Bei der Förderung des Lesens und der mathematischen Kompetenzen gelingt das durch aufeinander abgestimmte Pakete aus Diagnose- und Fördermaßnahmen: Gezielt ausgewählte kurze Testaufgaben bilden individuelle Stärken und Entwicklungsbedarfe ab, und auf dieser Grundlage werden passgenaue Übungen – beispielsweise wiederholtes lautes Lesen zur Förderung der Leseflüssigkeit – bereitgestellt. Indem die (nicht notenrelevanten) Tests in kurzen Abständen wiederholt werden, bekommen die Kinder schnelle Rückmeldungen zu ihren Leistungsverbesserungen, was wiederum motivierend ist.
Prof. Dr. Elmar Souvignier, Institut für Psychologie in Bildung und Erziehung der Universität Münster

 

 

Dr. Stefan Luther<address>© Photothek - Thomas Trutschel</address>
Dr. Stefan Luther
© Photothek - Thomas Trutschel
„Schulen zu Wohlfühlorten gestalten“
Individuelle Begabungsförderung gelingt, wenn wir die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen in den Mittelpunkt stellen. Schul- und Unterrichtsgestaltung muss aus ihrem Blickwinkel gedacht werden. Leistung macht Schule zeigt, wie das konkret aussehen kann. Engagierte Lehrkräfte, die mithilfe professioneller Unterstützungsstrukturen daran arbeiten, individuelle Förderbedarfe festzustellen. Und daran anknüpfend Räume schaffen, in denen Kinder ihre eigenen Stärken bestmöglich auf- und ausbauen können. So werden Schulen zu Wohlfühlorten. Das ist zentral. Dies zu ermöglichen, gelingt nur als Gemeinschaft; innerhalb einer Schule und in enger Zusammenarbeit mit allen relevanten Akteuren.  
Dr. Stefan Luther, Leiter der Abteilung „Frühe und schulische Bildung, Bildungsforschung“ im Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend

 

Prof. Dr. Lianne Hoogeveen<address>© privat</address>
Prof. Dr. Lianne Hoogeveen
© privat
„Autonomie und eine klare Struktur sind wünschenswert“
Die meisten Menschen verstehen, dass Schülerinnen und Schüler mit Anzeichen von Hochbegabung mehr Herausforderungen brauchen, als ihnen der reguläre Lehrplan bieten kann. Es reicht jedoch nicht aus, den Schülern einfach nur schwierigere Aufgaben zu geben. Das Kind muss motiviert sein, diese Aufgaben auch zu erledigen. Dazu muss es an die Möglichkeit des Erfolgs glauben, Unterstützung aus seinem Umfeld erfahren und den Wert der Aufgabe erkennen. Denn warum sollte man etwas tun, dessen Nutzen man nicht versteht? Autonomie ist wünschenswert, ebenso wie eine klare Struktur. Mit eindeutigen Rahmenbedingungen, inspirierenden Herausforderungen und herzlicher Begleitung können diese Kinder aufblühen und ihr Potenzial ausschöpfen.
Prof. Dr. Lianne Hoogeveen, Zentrum für Begabungsforschung der Radboud-Universität Nijmegen

 

Dr. Ulrike Leikhof<address>© Bildung &amp; Begabung - Nina Senger-Mertens</address>
Dr. Ulrike Leikhof
© Bildung &amp; Begabung - Nina Senger-Mertens
„Anreize setzen, neue Dinge auszuprobieren“
Wir bei „Bildung & Begabung“ sind überzeugt: Jeder Mensch verfügt über Potenziale. Talentförderung beginnt mit dieser Haltung – Kindern und Jugendlichen mit dem Glauben daran zu begegnen, dass jede und jeder etwas (lernen) kann. Da jede Person einzigartig ist, muss Förderung individuell ansetzen. Mit unseren Akademien und Wettbewerben setzen wir Anreize, Dinge auszuprobieren, die man noch nie versucht hat oder sich in Themen zu vertiefen, für die man brennt. Manche brauchen vor allem Freiräume zur Entfaltung, andere klare Strukturen. Beides greifen wir auf und erweitern diese Rahmen schrittweise, um selbstbestimmtes Lernen zu ermöglichen.
Dr. Ulrike Leikhof, Leiterin Akademien der Bildung & Begabung gemeinnützige GmbH

 

Prof. Dr. Christian Reintjes<address>© Kay Herschelmann - SWK</address>
Prof. Dr. Christian Reintjes
© Kay Herschelmann - SWK
„Vielfalt sollte als Normalfall anerkannt werden“
Begabung fördern heißt, Vielfalt als Normalfall anzuerkennen und Lernangebote an individuellen Voraussetzungen auszurichten. Konkret kann dies zum Beispiel bedeuten, dass die Schülerinnen und Schüler im Unterricht nicht alle zur gleichen Zeit am gleichen Inhalt arbeiten, sondern auf unterschiedlichen Niveaus, mit variierenden Aufgabenformaten und in unterschiedlichem Lerntempo. Während einige gezielte Unterstützung beim Aufbau grundlegender Kompetenzen erhalten, arbeiten andere an vertiefenden Fragen, anspruchsvollen Problemen oder eigenen Projekten. Zentrale Voraussetzung hierfür ist eine verlässliche diagnostische Grundlage, die Lernstände und Potenziale sichtbar macht – etwa durch regelmäßige Lernstandsanalysen, Lernentwicklungsgespräche oder Rückmeldungen im Unterricht. Auf dieser Basis können passgenaue Förderformate entstehen, zum Beispiel Lernateliers, projektorientierte Arbeitsphasen, Drehtürmodelle oder zeitlich begrenzte Förder- und Forderangebote innerhalb der Klassen. Begabungsförderung gelingt besonders gut, wenn Lehrkräfte professionell darin unterstützt werden, Lernprozesse adaptiv zu gestalten und Entwicklungsverläufe systematisch zu begleiten. Dazu gehören die gemeinsame Planung im Kollegium, der Austausch über diagnostische Befunde sowie Fortbildungsangebote, die Lehrkräfte im Umgang mit Heterogenität, Diagnostik und individualisierenden Unterrichtsformen stärken.
Prof. Dr. Christian Reintjes, Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Osnabrück

 

Zweitägige Jubiläumsveranstaltung
Mit einem Festakt feiert das ICBF am 20. Februar (Freitag) sein 25-jähriges Jubiläum. Die Veranstaltung beginnt um 16 Uhr im Schloss der Universität Münster. Prof. Dr. Anne Sliwka von der Universität Heidelberg wird vortragen, was Deutschland aus internationalen Bildungssystemen für die Begabungsförderung lernen kann. Über die Potenzialförderung im kooperativen Föderalismus spricht Dr. Stefan Luther vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Grußworte, musikalische Beiträge und ein Sektempfang runden die Feier ab. Die Qualifizierungs- und Förderformate des ICBF stehen am 21. Februar (Samstag) im Mittelpunkt. Ab 9.30 Uhr finden im Fürstenberghaus (Domplatz 20–22) zahlreiche Workshops und Austauschformate statt.

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