Eine Falle mit Ausweg
Das Semesterende und die vorlesungsfreie Zeit stehen im Zeichen von Klausuren und Hausarbeiten. Einige Studierende reagieren darauf mit Prokrastination. Um dem übermäßigen Aufschieben zu begegnen, organisierten die Beauftragung Gesundheit des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) und die Prokrastinationsambulanz der Universität Münster Mitte Januar einen Online-Workshop zu diesem Thema. Das Interesse war groß. Für alle, die nicht teilnehmen konnten, gibt es hier Antworten auf zentrale Fragen zur Prokrastination.
Was ist Prokrastination?
Das lateinische „procrastinare“ bedeutet „auf morgen verschieben“. Doch Prokrastination ist mehr als bloße Sorglosigkeit oder Faulheit. „Es handelt sich um eine ernstzunehmende Arbeitsstörung“, erklärt Stephan Förster, leitender Psychologe der Prokrastinationsambulanz. Betroffene wissen, dass das Aufschieben langfristig Probleme schafft. „Diese Einsicht führt aber nicht automatisch zu einer Verhaltensänderung.“ Anfangs kann das Aufschieben sogar angenehm wirken: Statt die Hausarbeit zu schreiben, treibt man Sport, macht einen Mittagsschlaf, putzt die Wohnung oder greift zum Handy. Das Gehirn lernt dabei zweierlei: Es vermeidet das Unangenehme und holt das Angenehme dazu. „Das ist ein Megadeal für das Gehirn“, betont Stephan Förster. Doch diese doppelte Verstärkung festigt das Verhalten. Die negativen Folgen werden verstärkt, der Leidensdruck wächst. Aus dem „Megadeal“ wird eine „Lose-lose-Situation“: Die eigentliche Aufgabe bleibt unerledigt, und die Ersatzhandlungen bringen keine echte Zufriedenheit.
Wer ist besonders betroffen?
Grundsätzlich kann jeder prokrastinieren. Laut Prokrastinationsambulanz weisen etwa sieben bis 14 Prozent der Menschen eine behandlungswürdige Prokrastination auf. Studierende sind besonders anfällig, da viele Studiengänge wenig Struktur bieten. Anders als in der Schule gibt es nur einen losen Rahmen und viele Freiheiten. Hinzu kommt Leistungsdruck, und am Semesterende ballen sich die Abgabefristen. „Sprechstunden sind oft überfüllt, Bibliotheken voll, und individualisierte Studienverläufe – vor allem im Lehramt oder in den Geistes- und Sozialwissenschaften – fördern die Vereinzelung“, erklärt Annalisa Biehl, Gesundheitsbeauftragte des AStA. „Perfektionismus und Versagensangst begünstigen Prokrastination“, ergänzt Stephan Förster. „Intelligenz spielt dagegen keine Rolle.“
Wann sollte man sich Hilfe holen?
Laut Stephan Förster wird Prokrastination problematisch, wenn sie über mindestens sechs Monate anhält und mehrere Lebensbereiche beeinträchtigt – nicht nur die Klausurenphase. Warnsignale sind sinkende Leistungen, verfehlte Ziele, ein Studienabbruch, Abneigung gegen Aufgaben und psychischer oder körperlicher Leidensdruck, etwa Schlafprobleme oder Magen-Darm-Beschwerden. Ein weiteres Anzeichen ist das Arbeiten auf den letzten Drücker. „Auch wenn man es in letzter Minute schafft, bleibt der ,Last-Minute-Rush‘ ein massives Stresserlebnis, das die Problematik verschärfen kann“, warnt Psychotherapeut Stephan Förster.
Was hilft gegen Prokrastination?
Ein erster Schritt kann ein Selbsttest sein, den die Prokrastinationsambulanz online anbietet. Er hilft, Probleme zu erkennen, und gibt Empfehlungen. Bei Bedarf sollte man professionelle Hilfe suchen, da Prokrastination mit psychischen Störungen wie Depressionen oder Aufmerksamkeitsdefiziten zusammenhängen kann – oder diese begünstigt. Stephan Förster macht Betroffenen jedoch Mut: „Jedes erlernte Verhalten lässt sich auch wieder verlernen.“ Entscheidend sei, konkret und kleinschrittig vorzugehen. Aufgaben sollten in überschaubare Schritte zerlegt und realistisch geplant werden. „Wer sich zu viel vornimmt, riskiert Stress und erneutes Aufschieben.“ Erinnerungshilfen schaffen Verbindlichkeit, Rituale erleichtern den Arbeitseinstieg, und Pausen sorgen für Erholung. „Prokrastination kann man nur überwinden, wenn man seine eigenen Grenzen achtet“, sagt Stephan Förster und rät: „Es ist wichtig, sich auch für kleine Erfolge zu belohnen“. Regelmäßige Überprüfungen helfen, Ziele anzupassen und den Überblick zu behalten.
Welche Hilfsangebote gibt es an der Universität Münster?
Betroffene können sich selbst organisieren oder Unterstützung in der Prokrastinationsambulanz suchen. Das Team um Stephan Förster bietet Präventionsprojekte, Workshops, Seminare und Gastvorträge an. In Sprechstunden erhalten Betroffene eine individuelle Beratung. Bei Bedarf folgen Einzelgespräche – bis zu zehn Sitzungen à 50 Minuten – oder Weitervermittlungen an psychotherapeutische Praxen und weitere externe Stellen. Auch Kleingruppentrainings unter Anleitung gehören zum Angebot. Wichtig: Die Ambulanz richtet sich ausschließlich an Studierende und Beschäftigte der Uni Münster und bietet keine umfassende Psychotherapie an.
Auch der AStA unterstützt dieses Vorgehen. „Dass fast 50 Personen am zweiten Workshop teilgenommen haben, zeigt das Bedürfnis nach Unterstützung und den Wunsch nach einer besseren Selbstorganisation“, betont die AStA-Gesundheitsbeauftragte Jessica Aufderheide. Doch die Verantwortung liege nicht allein bei den Studierenden. „Es braucht zusätzlich bessere Studienbedingungen, um Prokrastination vorzubeugen.“ Unterstützung bei verwandten Themen wie Hausarbeiten oder Studienzweifeln bieten zudem das Schreib-Lese-Zentrum und die Zentrale Studienberatung der Universität an.
Autor: André Bednarz
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 1, 4. Februar 2026.