Krisen und Machtkämpfe: Rektor warnt vor Gefahren für Wissenschaft
In seiner Neujahrsrede hat der Rektor der Universität Münster, Prof. Dr. Johannes Wessels, mit Blick auf die zahlreichen internationalen Krisen und Machtkämpfe eindringlich vor den Gefahren für die Wissenschaft gewarnt. Die globalen Spannungen wirkten nicht abstrakt, sie reichten bis in die Hörsäle, Labore und internationalen Netzwerke hinein. „Für uns in Europa stellt sich damit eine grundlegende Frage: Was bedeutet es, wenn gut etablierte, internationale Kooperation unter Druck gerät und Machtpolitik an Bedeutung gewinnt? Diese Entwicklungen betreffen die Grundlagen dessen, worauf Wissenschaft angewiesen ist: Offenheit, Austausch und Vertrauen", betonte Johannes Wessels.
Gerade in solchen Zeiten käme Universitäten eine besondere Verantwortung zu. Nicht als parteipolitische Akteure, sondern als „Institutionen mit Haltung". Denn Universitäten stünden für Freiheit, Kritikfähigkeit und internationale Offenheit. „Freiheit der Forschung und Lehre ist eben keine Frage der Sicherung von Privilegien, sondern eine Voraussetzung dafür, dass Gesellschaften lernfähig bleiben. Kritikfähigkeit bedeutet, Komplexität auszuhalten, Widerspruch zuzulassen und einfache Antworten zu hinterfragen", unterstrich der Rektor. Internationale Offenheit sei keine Zierde, sondern das Fundament moderner Wissenschaft. Wenn eines dieser Elemente unter Druck gerate, gerate die Wissenschaft als Ganzes unter Druck. „Unsere Aufgabe ist es daher, Räume zu sichern, in denen offen diskutiert werden kann – auch kontrovers, auch unbequem. Räume, in denen Erkenntnis nicht danach bewertet wird, ob sie politisch gefällt, sondern ob sie trägt."
Johannes Wessels wies vor rund 400 Gästen in der Schloss-Aula auf die zahlreichen Erfolge der Universität Münster im vergangenen Jahr hin - beispielsweise auf die Weiterförderung des Exzellenzclusters Mathematik, auf den Ausbau der Batterieforschung, auf die Förderung von zwei geisteswissenschaftlichen Projekten durch das Akademienprogramm und schließlich auf die Verleihung des Leibniz-Preises an den Chemiker Prof. Dr. Armido Studer. „Diese Bilanz zeigt: Die Universität Münster hat sich unter den forschungsstärksten Universitäten Deutschlands fest etabliert. Und sie zeigt: Wissenschaftliche Exzellenz ist die Symbiose herausragender Einzelforschung und der geschickten Vernetzung von Expertise zur Erschließung neuer Themenfelder", unterstrich Johannes Wessels.
Der Rektor zog auch eine kurze persönliche Bilanz: Nach zehn Jahren an der Spitze wird er im Herbst sein Amt an die Präsidentin der Universität Osnabrück, Prof. Dr. Susanne Menzel-Riedl, übergeben. „Ich habe vor allem eines gelernt: Universitäten werden vor allem durch Menschen stark. Sie sind es, die uns mit ihrem Einsatz durch die Krisen führen. Daher blicke ich zwar mit Sorge auf manche Entwicklungen in der Welt, aber ich blicke mit großer Zuversicht auf die Universität Münster", sagte er. Um seinen persönlichen Optimismus nach den „speziellen Erfahrungen im vergangenen Jahr zu behalten", habe er beschlossen, folgenden Ratschlag zu beherzigen: „Wenn das Leben Dir eine Zitrone gibt, dann mache Limonade daraus.“
Weiterer Höhepunkte der Veranstaltung, die Areg Navasardyan und Naho Suzuki von der Musihochschule musikalisch begleiteten, war die Verleihung der Rektoratspreise 2025. In diesem Jahr verlieh die Hochschulleitung den Lehr-, Gleichstellungs- und den Studierendenpreis. Die Preisträger im Kurzporträt:
Lehrpreis
Alle drei Jahre vergibt das Rektorat den mit 30.000 Euro dotierten Lehrpreis für überdurchschnittliches Engagement und beispielhafte Leistungen in der Hochschullehre. 2025 geht die Auszeichnung an Dr. Marie Ghanbari für das 2012 ins Leben gerufene Sportpatenprojekt. Die Jury lobte das innovative Seminarkonzept und die gesellschaftliche Wirkung des Mentorenprogramms, in dem der Fokus auf den empathischen Fähigkeiten der Studierenden liegt.
Beim Sportpatenprojekt handelt es sich um ein interdisziplinäres und fachbereichsübergreifendes Format, das Theorie, Forschung und Praxis miteinander verknüpft. Studierende werden über zwei Semester zu Sportpatinnen und -paten ausgebildet. Sie unterstützen jeweils ein Schulkind durch wöchentliche sportliche Aktivitäten und fördern so dessen körperliche und psychosoziale Entwicklung.
Marie Ghanbari rief das Projekt ursprünglich am Arbeitsbereich Sportpsychologie ins Leben. In den vergangenen Jahren wurde das Programm auf den gesamten sportwissenschaftlichen Fachbereich ausgeweitet. Hinzu kamen die Fachbereiche Medizin, Wirtschaftswissenschaften, Rechtswissenschaft und Erziehungswissenschaft. In 46 interdisziplinären Sportpatenseminaren wurden bislang über 1.000 Studierende ausgebildet, die wiederum ebenso viele Kinder gefördert haben. Mit inzwischen sechs fakultätsübergreifenden Seminaren pro Jahr ist das Sportpatenprojekt zu einem herausragenden Beispiel für praxisorientierte Hochschullehre geworden, von der sowohl die Studierenden als auch zahlreiche Kinder gleichermaßen profitieren.
Gleichstellungspreis
Den mit 20.000 Euro dotierten Gleichstellungspreis 2025 teilte das Rektorat auf zwei Projekte auf. Das Preisgeld teilen sich das Vorhaben „Administrative Professionals Day Empowerment-Programm für Hochschulsekretariate“ vom Netzwerk „SUN – Office Network“, und das Projekt „BEAM (Belonging, Empowerment, Access & Mentorship)“ des Teams „Women+ in Information Systems“. Die Jury entschied, beide Projekte auszuzeichnen, da sie die (Selbst-)Wirksamkeit, Sichtbarkeit und Entwicklung wichtiger Zielgruppen fördern.
Das Projekt des SUN Office Network macht die Arbeit der Hochschulsekretariate an der Universität Münster sichtbar und stärkt ihre Wertschätzung sowie ihre Professionalisierung. Im Mittelpunkt steht der erstmals durchgeführte „Administrative Professionals Day“ mit Fachvorträgen, einer Ausstellung und einem Begleitprogramm. Das Ziel besteht darin, Rollenbilder aufzubrechen, Perspektiven zu fördern und die überwiegend weibliche Berufsgruppe zu stärken und langfristig an die Universität zu binden.
Das Projekt „BEAM“ unterstützt und fördert Studentinnen in der Wirtschaftsinformatik, stärkt ihr Selbstvertrauen und bindet sie in die akademische und berufliche Gemeinschaft ein. Mithilfe von Mentoring, workshops, Netzwerken, Podiumsdiskussionen und informellen Treffen helfen Experten dabei, Isolation zu überwinden, Präsentationsfähigkeiten zu trainieren und Vorbilder sichtbar zu machen. Dadurch werden die Abbruchquoten gesenkt, das Zugehörigkeitsgefühl gestärkt und der Frauenanteil in Wissenschaft und Industrie langfristig erhöht.
Studierendenpreis
Den Studierendenpreis in Höhe von 7.500 Euro erhält in diesem Jahr die münstersche Ortsgruppe der „Feminist Law Clinic“ (FLC). Die FLC ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Köln und zahlreichen Ortsgruppen in Deutschland. Sie bietet vor allem jenen Menschen eine kostenlose Rechtsberatung, die besonders von Gewalt, Diskriminierung und Benachteiligung betroffen sind, etwa Frauen sowie queere Personen. Ende 2024 gründeten Studierende der Universität Münster die Ortsgruppe, um das Angebot regional sichtbar zu machen.
Die Beratung umfasst unter anderem das Sexualstrafrecht, Unterhalts- und Sorgerecht, Fragen zum Arbeitsrecht, Mutterschutz oder zum Selbstbestimmungsgesetz. Rund 15 Personen organisieren die Ortsgruppe, mehr als 50 haben die notwendige Ausbildung für die Rechtsberatung begonnen oder bereits abgeschlossen. Die ehrenamtlichen Beraterinnen und Berater stehen, unterstützt von Volljuristen den Hilfesuchenden mit rechtlicher Expertise und weiteren Informationen - bisher zumeist online - zur Seite.
In der Ortsgruppe Münster engagieren sich vor allem Jurastudierende, die durch ihre Arbeit Einblicke in alltägliche Rechtsgebiete bekommen, die aktuell nicht Teil des rechtswissenschaftlichen Studiums sind, etwa das Sexualstrafrecht. Doch nicht nur angehende Juristinnen und Juristen können in der FLC tätig werden, auch Studierende anderer Fächer sowie hochschulexterne Personen sind willkommen.