Genau 7.30 Uhr zeigt die Uhr, als Lorenz Vienenkötter durch das Eisentor in den Botanischen Garten kommt. Entlang des Hauptwegs geht er zwischen Pavillons, Gewächshäusern und mehreren Pflanzenbeeten in Richtung Gemeinschaftshaus, um sich für seinen Arbeitstag zu rüsten. Zahlreiche Vögel zwitschern ihre Morgenlieder, überall riecht es nach frischer Blumenerde. Knapp 20 Grad zeigt das Thermometer an. „Perfektes Wetter, um draußen zu arbeiten“, findet Lorenz Vienenkötter. Als einer von vier Auszubildenden pflegt er die vielfältige Flora des Botanischen Gartens der Universität Münster. Dazu gehören neben Hochgebirgs- auch tropische und mediterrane Pflanzen sowie ein Riech- und Tastgarten. Nachdem er mit Gärtner- und Lehrlingsmeister Matthias Evels den Aufgabenplan für die Woche besprochen hat, gönnt er sich ein schnelles Frühstück, und schon geht es an die Arbeit.
Schon früh war sich Lorenz Vienenkötter sicher, dass es beruflich in die handwerkliche Richtung gehen soll. „Zunächst habe ich an eine Ausbildung zum Schreiner gedacht“, erinnert er sich. Als er unmittelbar nach seinem Praktikum im Botanischen Garten vor drei Jahren ein Angebot für einen Ausbildungsplatz zum Gärtner im Bereich Zierpflanzenbau ab August 2023 bekam, wusste er sofort: Das ist es. Während der ersten zwei Lehrjahre kümmert er sich um das Freiland, anschließend geht es in die Pflanzenhäuser.
Vom Gewächshaus machen wir uns auf den Weg zum Bauerngarten. Auf halbem Weg bleiben wir an einer ungefähr drei Meter hohen Palme stehen. „Butia capitata“ steht auf einem kleinen Schild in der Erde. Der deutsche Begriff „Geleepalme“ gibt Aufschluss über die Funktion der Nutzpflanze: Tatsächlich lassen sich aus den pflaumengroßen Früchten Gelees und Marmeladen herstellen. Die fertigen Süßspeisen bleiben entweder in der Belegschaft, oder sie werden geladenen Gästen als Mitbringsel mitgegeben.
Zurück zum Bauerngarten: Mit einer Harke in der Hand tritt Lorenz Vienenkötter vorsichtig auf eine freie Stelle im Beet und lockert die Erde auf. Dadurch wird der Boden durchlässiger, erklärt er, zudem verdunstet weniger Wasser. „Es hat aber auch ästhetische Gründe“, betont der Auszubildende. „Geharkte Erde sieht einfach schöner aus.“ Als er fertig ist, legt er die Harke ab und nimmt stattdessen eine lange, blaue Schnur, die er quer über die freie Fläche im Beet wirft. Er begradigt die Schnur und befestigt sie an beiden Enden. Sie dient dazu, die Pflanzenreihe möglichst parallel zu den anderen Reihen auszurichten. Ebenfalls Ästhetik. Mit zwei Fingern bohrt der Azubi entlang der Schnur Löcher in den Boden und setzt den frischen Mangold hinein. „Er ist leider nicht so fit, wie ich ihn gerne hätte“, sagt er und deutet auf das Nachbarbeet, wo eine weitere Sorte Mangold bereits auf gut 30 Zentimeter herangewachsen ist.
Kurz darauf klingelt das Handy – Gärtnermeister Matthias Evels ruft an. „Zum Buchs? Ich komme“, sagt der Lehrling und legt auf. Raus aus dem Bauerngarten gehen wir vorbei am Salbeibeet, dem „Lieblingsbeet“ von Lorenz Vienenkötter, zum großen Buchsbaum hinter dem Kaphaus. Er hat bereits über 200 Jahre auf dem Buckel und ist damit der älteste Baum des Gartens. Von einem Buchsbaum ist jedoch nicht viel zu erkennen – der Baum ist überwuchert mit einer hellgrünen Rankpflanze, der kanadischen Mondsaat, die entfernt werden soll. Ein bekanntes Problem: Ungefähr zwei Mal im Jahr müsse man sich um die Wucherpflanzen kümmern, meint Matthias Evels.
Um 16.30 Uhr verabschiedet sich Lorenz Vienenkötter von seinen Kollegen. Feierabend. Doch nach der Gartenarbeit ist vor der Gartenarbeit: In Gievenbeck hat er eine kleine Gartenfläche gemietet, wo er ebenfalls verschiedene Gemüse- und Pflanzensorten hegt und pflegt. „Mein zweites Zuhause“, betont Lorenz Vienenkötter. Und sein erstes? „Auf jeden Fall der Botanische Garten.“