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Münster (upm/ap)
Für Anorexie-Patientinnen ist jede Mahlzeit ein Kampf.<address>© ronstik – stock.adobe.com</address>
Für Anorexie-Patientinnen ist jede Mahlzeit ein Kampf.
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„Trotz des Trends zu mehr Diversität ist das Schlankheitsideal prägend“

Essstörungen zählen zu den häufigsten chronischen Erkrankungen bei Jugendlichen

Timo Brockmeyer ist seit diesem Wintersemester Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Münster und neuer Präsident der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen. Im Interview mit Anke Poppen spricht er über Formen, Verbreitung und Ursachen von gestörtem Essverhalten.

Die Weihnachtszeit steht vor der Tür. An den Feiertagen wird viel aufgetischt, ab Neujahr stehen oft Diäten und Sport auf dem Programm. Ist diese Zeit für essgestörte Menschen besonders schwierig?

Auf jeden Fall. Wenn jemand zu Essanfällen neigt, ist das Risiko natürlich höher, sobald viele Nahrungsmittel im Haus sind. Nicht wenige von Anorexie Betroffene beschäftigen sich sehr viel mit Essen und kochen für andere. Sie selbst essen aber fast nichts und erleben dabei für sich eventuell sogar eine gewisse Bestätigung. Das kann zu Konflikten in der Familie führen.

Sie deuten es bereits an: Essstörungen haben viele Erscheinungsformen. Was sind die verbreitetsten?

Am bekanntesten ist wahrscheinlich die Anorexia nervosa, umgangssprachlich Magersucht. Aus Angst davor dick zu sein, essen die Betroffenen so wenig, dass sie untergewichtig werden. Bei der Bulimia nervosa haben die Patientinnen Essanfälle, die sie durch Erbrechen oder zwanghaftes Sporttreiben kompensieren. Von diesen beiden Essstörungen sind überwiegend Frauen betroffen. Am häufigsten ist die Binge-Eating-Störung, also regelmäßige Essanfälle ohne kompensatorisches Verhalten, bei dem die Betroffenen oft Übergewicht entwickeln. Davon sind ein Drittel Männer.

Essstörungen sind oft Thema in den Medien. Spiegelt dies die Häufigkeit der Erkrankungen wider?

Etwa ein bis drei Prozent der Gesamtbevölkerung haben eine Essstörung. Verglichen mit Depressionen ist das deutlich weniger. Allerdings entwickeln bis zu vier Prozent aller Frauen im Laufe ihres Lebens eine Anorexie, bei dieser Zahl sind die anderen Essstörungen noch gar nicht mitgerechnet. Unter Jugendlichen zählen Essstörungen sogar zu den häufigsten chronischen Erkrankungen und sind verbreiteter als Diabetes Typ 1.

Was begünstigt denn die Entwicklung einer Essstörung?

In den meisten Fällen spielen soziale, biologische und psychische Faktoren zusammen. Trotz des Trends zu mehr Diversität ist das Schlankheitsideal nach wie vor prägend und trägt zur weit verbreiteten Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper bei – mitunter schon bei sechsjährigen Mädchen. Auch bestimmte Sportarten wie Ballett oder Skispringen können Essstörungen begünstigen, da es in diesen Fällen von Vorteil ist, leichtgewichtig zu sein. Mobbing wegen des Aussehens ist ebenso ein Risikofaktor wie Schwierigkeiten in der Emotionsregulation. Insbesondere im Zusammenhang mit Anorexie beobachten wir schließlich eine starke genetische Komponente. Weitere biologische Faktoren wie hormonelle Einflüsse spielen eine Rolle, hier ist die Forschung aber noch am Anfang.

Es ist also zu einfach, die Ursache für Anorexie nur im medial verbreiteten Schönheitsideal zu sehen?

Das stimmt. Wir sind diesen Idealbildern alle in einem gewissen Maß ausgesetzt, aber entwickeln nicht alle eine Essstörung. Grundsätzlich kommen mehrere Faktoren zusammen, die zu einer Erkrankung führen.

Die vielleicht noch dadurch verstärkt werden, dass Essstörungen mit vielen Vorurteilen behaftet sind ...

Leider, das gilt für viele psychische Störungen. Oft heißt es beispielsweise, dass Menschen mit Übergewicht und Essanfällen undiszipliniert seien oder nur weiße, reiche, verwöhnte Mädchen an Anorexie leiden. Das ist alles empirisch widerlegt, Essstörungen gibt es in allen Gesellschaftsschichten, auch Männer erkranken zunehmend. Seit ein paar Jahren steigt das öffentliche Bewusstsein, trotzdem bedarf es noch viel Aufklärungsarbeit.

Stichwort Aufklärung: Sie sind seit kurzem Präsident der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen. Also müsste für Sie Öffentlichkeitsarbeit weit oben auf der Agenda stehen, oder?

Auf jeden Fall. Neben der interdisziplinären Vernetzung und Forschungsförderung liegt unser Fokus auf der Förderung von Prävention und Früherkennung. Dabei sind wir auch Ansprechpartner für öffentliche Institutionen.

Wie sind Sie zu Ihrem Forschungsschwerpunkt Essstörungen gekommen?

Während meiner Ausbildung zum Psychotherapeuten habe ich an der Uniklinik Heidelberg gearbeitet. Mein Oberarzt forschte zu Essstörungen und bot mir einen Job als wissenschaftliche Hilfskraft an. Ich sah dann schnell das Potenzial für weitere Forschung in einem wichtigen und interessanten Feld. Seitdem sind Essstörungen mein primärer Forschungsschwerpunkt. Außerdem beschäftige ich mich mit Depression und transdiagnostischen Prozessen, die störungsübergreifend an der Entstehung, Aufrechterhaltung und Besserung psychischer Symptomatik beteiligt sind.

Was sind Ihre laufenden Projekte?

Unter anderem führe ich mit Kolleginnen von der Columbia University eine Studie durch, in der wir die Wirksamkeit einer neuen, neurobiologisch fundierten Behandlung für Anorexie untersuchen, die an stark automatisierten Verhaltensroutinen ansetzt. In einer anderen Studie zur Binge-Eating-Störung untersuchen wir die Wirksamkeit von Expositionstherapie, bei der Patienten mit starken Nahrungsreizen konfrontiert werden, gepaart mit dem Hormonpräparat Cortisol.

Warum Cortisol?

Das Medikament kann sich günstig auf Prozesse der Gedächtniskonsolidierung auswirken. Es kann dazu beitragen, dass man als Patient die neue Therapie-Erfahrung, dass man in der Lage ist, starken Anreizen und dem Impuls zu essen zu widerstehen, besser abspeichern und in zukünftigen Situationen abrufen kann.

Planen Sie als neuer wissenschaftlicher Leiter der Psychotherapie-Ambulanz weitere Angebote?

Wir arbeiten an einer Neuausrichtung: Neben wissenschaftlich fundierten Behandlungsangeboten für diverse psychische Störungen sollen im Laufe des nächsten Jahres auch Spezialambulanzen für Depressionen und Essstörungen entstehen. Wir werden eine hochfrequente Diagnostik und eine Reihe neuer diagnostischer Instrumente einführen, unter anderem KI-gestützte Analysen linguistischer und paralinguistischer Daten wie der Stimmgrundfrequenz. Zudem planen wir innovative Behandlungsangebote mit transdiagnostischen digitalen Gesundheitsanwendungen. In Bezug auf Essstörungen planen wir übrigens auch ein virtuelles Präventionsprogramm.

Bei dem Pensum bleibt vermutlich nicht viel Zeit für Hobbys. Wie sieht Ihr Ausgleich vom Universitätsalltag aus?

(Lacht.) Ich bin Vater von fünf Töchtern, für spektakuläre Hobbys bleibt damit keine Zeit. Nicht weit von meinem Schreibtisch hängt ein Boxsack, da kann ich mich gut auspowern. Und ich lese gerne, zuletzt hat mich ‚Am Anfang war die Nacht Musik‘ von Alissa Walser begeistert.

Was sind Ihre ersten Eindrücke von Münster?

Sehr positiv, sowohl von der Stadt als auch vom grünen Umland und dem kulturellen Angebot. Tatsächlich hatte ich nach dem Studium überlegt, in Münster meine Therapeutenausbildung zu machen. Außerdem haben wir einen familiären Bezug zum benachbarten Emsland ...

... dann schließt sich mit Ihrem Wechsel nach Münster also ein Kreis.

Ja, privat wie beruflich scheint die Stadt nun der richtige Ort zu sein.

 

Zahlen & Fakten

Bekanntheit und Verbreitung: Anorexie (Magersucht) ist die bekannteste Essstörung, tritt aber am seltensten auf. Die Binge-Eating-Störung dagegen ist am weitesten verbreitet.

Alter: Anorexie und Bulimie beginnen meist zwischen dem 14. und 18. Lebensjahr, die Binge-Eating-Störung entwickelt sich nicht selten erst im Erwachsenenalter.

Geschlecht: Etwa ein bis drei Prozent der Gesamtbevölkerung leiden an einer Essstörung. Überwiegend sind Frauen betroffen, doch auch bei Männern ist die Tendenz steigend.

Ursachen: Es gibt psychische, soziale und biologische Faktoren. Die Erkrankung ist nie auf nur eine einzige Ursache zurückzuführen.

Gefährlichkeit: Anorexie ist die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeitsrate.

Behandlung: Vor allem ambulante oder stationäre Psychotherapie, insbesondere kognitive Verhaltenstherapie. Unter bestimmten Voraussetzungen können auch Medikamente zum Einsatz kommen.

 

Kontakt

Betroffene und gefährdete Personen bekommen Hilfe bei der Psychotherapie-Ambulanz (PTA) der Universität Münster. Die PTA arbeitet vorwiegend mit der kognitiven Verhaltenstherapie. Die Behandlungskosten werden in der Regel von allen gesetzlichen und privaten Krankenkassen übernommen.

Fliednerstraße 21, Pavillon V
48149 Münster
Telefon: 0251 83-34140
Web: www.uni-muenster.de/Psychologie.pta/index.html

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 8, 13. Dezember 2023.

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