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Münster (upm/ch).
Auf unseren Äckern könnten künftig genomeditierte Pflanzen gedeihen.<address>© Steven Weeks auf Unsplash</address>
Auf unseren Äckern könnten künftig genomeditierte Pflanzen gedeihen.
© Steven Weeks auf Unsplash

„Ein Meilenstein in der Pflanzenzucht“

Dirk Prüfer über den Vorschlag der EU-Kommission zur Neuregulierung des Gentechnikgesetzes

Die EU-Kommission will die Gentechnik-Vorschriften lockern – die Brüsseler Behörde hat jetzt einen entsprechenden Vorschlag vorgestellt. Demnach sollen auch Pflanzenzüchtungsverfahren zugelassen werden, die neue gentechnische Methoden wie beispielsweise die Genomeditierung mit CRISPR/Cas zu Hilfe nehmen und im Ergebnis von konventionellen Methoden nicht unterscheidbar sind. Derartig gezüchtete Pflanzen würden künftig nicht mehr unter die derzeit für gentechnisch veränderte Organismen geltenden Regularien fallen. Christina Hoppenbrock fragte Prof. Dr. Dirk Prüfer vom Institut für Biologie und Biotechnologie der Pflanzen, was die Neuerungen bedeuten und welche Auswirkungen sie haben werden.

 

Dirk Prüfer ist Professor für Biotechnologie der Pflanzen an der WWU.<address>© Deutscher Zukunftspreis - Ansgar Pudenz</address>
Dirk Prüfer ist Professor für Biotechnologie der Pflanzen an der WWU.
© Deutscher Zukunftspreis - Ansgar Pudenz
Bricht jetzt ein neues Zeitalter der Pflanzenzucht an?

Der Vorschlag ist ein Meilenstein in der langen Geschichte der Pflanzenzüchtung. Durch die gezielte Genomeditierung ist es erstmals möglich, verbesserte Nutzpflanzen in wesentlich kürzerer Zeit bereitzustellen. Das ist angesichts der globalen Herausforderungen für die Nahrungsmittelproduktion und Anpassung unserer Nutzpflanzen an den Klimawandel von großer Bedeutung.

Die EU-Kommission bezieht die Deregulierung der Regeln zur Genomeditierung aber ausdrücklich nur auf solche Veränderungen, die auch mit konventionellen Zuchtmethoden erreichbar sind …

Das ist richtig. Es ist dabei jedoch wichtig zu verstehen, wie diese Methoden funktionieren. Lassen Sie mich das anhand eines Beispiels erklären: Einige unserer heutigen Kartoffelpflanzen, die auf den Äckern hohe Erträge erbringen, sind anfällig gegen Krankheiten, beispielsweise gegen Pilze. Im Genpool von Wildkartoffeln – also in der Gesamtheit aller Erbanlagen, die in der Wildpopulation vorhanden sind – finden sich natürliche Resistenz-Gene gegen diese Krankheitserreger. Der Anbau von Wildkartoffeln ergibt jedoch aus wirtschaftlichen Gründen wenig Sinn, da die Erträge zu gering sind.  Bei der konventionellen Pflanzenzucht werden die Wildkartoffeln mit den Hochleistungslinien gekreuzt. Ziel ist es, das gewünschte Resistenz-Gen in die Hochleistungslinie zu überführen.

Das ist aufwendig, oder?

Genau. Bei diesem Verfahren werden auch viele andere Gene der Wildkartoffel eingekreuzt, die die Ertragsleistung der Hochleistungslinie drastisch minimieren. Es bedarf eines langwierigen Prozesses, der auf die Auskreuzung aller unerwünschten Gene der Wildkartoffel zielt. In der Regel dauert das gut zehn bis 15 Jahre.

Und wie schnell geht es per Genomeditierung?

Die Genomeditierung ermöglicht eine Verkürzung des Züchtungszeitraums um mindestens fünf Jahre. Denn dabei überträgt man mittels einer ,molekularen Schere‘ ausschließlich das gewünschte Resistenz-Gen der Wildkartoffel in die Hochleistungssorte.

Es geht aber – um bei dem Beispiel zu bleiben – nicht um Gene, die nicht aus der Kartoffel stammen. Richtig?

Ja. Sowohl die konventionelle Züchtung als auch die Genomeditierung beziehen sich nur auf Gene, die bereits im Genpool einer Art vorhanden sind. Die Übertragung von Genen aus anderen Arten, also die Herstellung sogenannter transgener Pflanzen, ist von der Deregulierung ausgeschlossen.

Neben der Übertragung von arteigenen Genen ermöglicht die Genomeditierung auch die Einführung gezielter Mutationen. Was bedeutet das?

Schon seit Tausenden von Jahren selektieren Menschen Pflanzen mit verbesserten Eigenschaften, die auf natürlichen Mutationen, also genetischen Veränderungen, beruhen. Unsere modernen Kohlsorten wie Blumenkohl, Rosenkohl und Kohlrabi sind Resultate dieser Selektionsprozesse.

Man hilft der Natur aber längst auf die Sprünge …

Um die Einführung neuer Mutationen zu beschleunigen, wurden und werden Pflanzen mit mutagenen Chemikalien oder radioaktiver Strahlung behandelt, um die Pflanzen mit den gewünschten Eigenschaften weiter zu züchten. Auf diese Weise haben Züchter unter anderem eine samenlose Grapefruit entwickelt, die man heute noch im Supermarkt kaufen kann. Das Problem beider Behandlungsmethoden ist, dass neben der gewünschten Eigenschaft auch Hunderte von weiteren, stellenweise unerwünschten Mutationen entstehen. Die Genomeditierung ermöglicht die Einführung gewünschter Mutationen, nur viel gezielter und schneller.

Eigentlich bleibt vom Ergebnis her – also von dem, was am Ende auf dem Acker wächst – alles beim Alten, oder?

Ein klares Ja.  Nun jedoch mit einer Zuchtmethode, die aus meiner Sicht deutlich nachhaltiger ist als die Erzeugung neuer Mutationen mittels radioaktiver Bestrahlung und/oder mutagener Chemikalien.

Warum ist eine Neuregulierung des Gentechnikgesetzes überhaupt nötig?

Das aktuelle Gentechnikgesetz bezieht sich auch auf Pflanzen, die Gene aus artfremden Organismen enthalten, zum Beispiel Bakterien, und somit transgene Pflanzen sind. Mit der Deregulierung wird nun eine sinnvolle Differenzierung zwischen transgenen und genomeditierten Pflanzen vorgenommen.

Viele Verbraucher und Naturschützer sind durch den Vorschlag der EU-Kommission beunruhigt. Zu Recht?

Ich kann die Ängste nachvollziehen, da verständlicherweise viele Menschen die Grundlagen klassischer und moderner Pflanzenzuchtverfahren nicht kennen. In vielen Dialogen haben mir Bürgerinnen und Bürger gesagt, dass die Entwicklung verbesserter Nutzpflanzen nicht notwendig sei. Die Supermärkte seien doch stets gut gefüllt, eine Unterversorgung mit Lebensmitteln nicht gegeben. Der Nutzen der Pflanzenzüchtung ist für die Gesellschaft, zumindest in wirtschaftlich starken Nationen, nicht direkt sichtbar.

Dass wir gut versorgt sind, beruht natürlich auf den Erfolgen der Pflanzenzüchtung und den daraus resultierenden Mehrerträgen. In Anbetracht des Klimawandels und einer stetig wachsenden Weltbevölkerung spricht man heute – wenn oft auch nur hinter verschlossener Tür – jedoch nicht mehr von einer Ertragssteigerung, sondern von einer Ertragssicherung. Die Folgen des Klimawandels auf den Pflanzenanbau waren in den letzten Jahren auch in Deutschland deutlich sichtbar. Unsere Gesellschaft wäre daher gut beraten, beispielsweise die beschleunigte Entwicklung von trockentoleranteren Nutzpflanzen zu unterstützten. Die Genomeditierung könnte das ermöglichen.

Die EU-Kommission hat eine Empfehlung abgegeben. Wie lange dauert es jetzt, bis wir in Deutschland genomeditierte Pflanzen auf den Äckern haben?

Das hängt von den Entscheidungen der einzelnen EU-Staaten ab. Diese Prozesse beanspruchen meist längere Zeiträume. Meine Hoffnung ist, dass genomeditierte Pflanzen, die einen Nutzen haben, in den nächsten fünf bis zehn Jahren auf unseren Äckern gedeihen.

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