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Münster (upm/kk)
Echte Blutspuren oder eine künstliche Substanz? Mitarbeiterinnen analysieren Spritzer auf einer Jeans.© WWU - Peter Leßmann
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Der DNA auf der Spur

Teil 2 der Serie über Labore an der WWU: Die forensische Molekularbiologie des Instituts für Rechtsmedizin hilft im Kampf gegen Verbrechen

Versteckt im Innenhof des Instituts für Rechtsmedizin steht eine rund fünf Meter hohe Trauerblutbuche. Ob der Baum ein Hinweis darauf ist, was sich hinter den dunkelroten Ziegelsteinen des Gebäudes an der Röntgenstraße 23 verbirgt, ist nicht klar. Dass man starke Nerven benötigt, wenn man in der Rechtsmedizin arbeitet, ist jedoch offensichtlich.

Vorbei an der Abteilung für forensische Medizin, wo unter anderem gerichtliche Leichenschauen, Obduktionen und Untersuchungen von Gewalt- und Unfallopfern stattfinden, folgen die Labore der forensischen Toxikologie. Mithilfe pharmazeutischer, chemischer und toxikologischer Verfahren untersuchen Experten unnatürliche Todesfälle, Vergiftungen sowie Drogen- und Medikamentenmissbrauch. Die dritte Abteilung umfasst die Labore der forensischen Molekularbiologie. Das Team aus Biologen und Biochemikern erstellt Abstammungsuntersuchungen wie zum Beispiel Vaterschaftstests und analysiert forensische Tatortspuren, auch als DNA-Spuren bekannt, im Auftrag von Justiz und Strafverfolgungsbehörden.

„Als Spurenmaterial gibt es viele unterschiedliche Dinge – von großen Spuren wie Kleidung mit Blut über Tatwerkzeuge, zum Beispiel Messer, bis hin zu Minimalspuren wie einzelne Haare oder kleinste Hautschuppen. Sogar angebissene Kekse und halb aufgegessene Sahnetorten haben wir untersucht“, sagt Prof. Dr. Marielle Vennemann, die seit 2013 die wissenschaftliche Leitung des Labors für forensische Genetik innehat.

Hell und schlicht sind die Labore in der Rechtsmedizin, die in unmittelbarer Nachbarschaft zur Hautklinik des Universitätsklinikums und zu den WWU-Forschungsbauten wie dem Center for Soft Nanoscience und dem sich im Bau befindlichen Multiscale Imaging Centre liegen. Der Gebäudekomplex wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den britischen Streitkräften als Militärhospital genutzt – noch bis 1992 befanden sich die Geburtsheilkunde und Gynäkologie in der heutigen Rechtsmedizin.

Zum Sektionssaal und den Laboren haben nur wenige Personen Zutritt, da vertrauliche Akten von der Staatsanwaltschaft und Polizei nicht in die Hände unbefugter Dritter gelangen dürfen. Auch die Untersuchungsgegenstände wie zum Beispiel Tupferabriebe von Einbruchsspuren, Handschuhe oder Gesichtsmasken von Überfällen werden in der Asservatenkammer des rechtsmedizinischen Instituts gelagert. Sie enthalten, ebenso wie die Leiche, viele Spuren, die zum Täter führen können. Oberstes Gebot: Sauberkeit. Denn die kleinste Verunreinigung kann die Labor-Ergebnisse verfälschen und weitreichende Konsequenzen haben – für den Täter oder das Opfer.

Ausgestattet ist das forensische Labor mit allerhand technischen Maschinen und Geräten, die nach einer bestimmten Reihenfolge zum Einsatz kommen, wenn ein Auftrag eingeht. „Im Jahr kommen durchschnittlich 1.700 Fälle bei uns auf den Tisch; alles streng anonym. Wir untersuchen jedoch deutlich mehr Tatortspuren – rund 5.000 jährlich – denn ein Fall kann natürlich mehrere Asservate haben“, erklärt Ursula Sibbing, medizinisch-technische Laborassistentin. Dabei arbeitet das Laborteam die Aufträge nicht blind ab; es hält regelmäßig Rücksprache mit der Polizei, um Details und Zusammenhänge zum Fall zu erfahren und somit die Labor-Ergebnisse bestmöglich zu bewerten.

Die Ergebnisse werden genutzt, um DNA-Profile zwischen Spuren und Personen, zum Beispiel Tatverdächtige, zu vergleichen.“

Doch der Reihe nach. Zunächst durchläuft ein Asservat das Spurenlabor für verschiedene Vortests. Dazu gehören unter anderem makro- und mikroskopische Untersuchungen von Körperflüssigkeiten wie Blut, Speichel, Urin und Sperma. Von da aus kommen die identifizierten Spuren in das Extraktionslabor, ein spezielles „Sauberlabor“, zur Isolation der DNA aus den Körperzellen. Anschließend erstellen die Experten von der Spur einen PCR-Ansatz (polymerase chain reaction); dabei handelt es sich um eine gentechnische Methode zur Vervielfältigung von DNA-Abschnitten. „Mithilfe einer sogenannten Kapillarelektrophorese können wir die PCR-Produkte visualisieren. Die Ergebnisse werden genutzt, um DNA-Profile zwischen Spuren und Personen, zum Beispiel Tatverdächtige, zu vergleichen. Stimmen sie überein, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Spur von dieser Person stammt“, erläutert Marielle Vennemann.

In Deutschland hat vor allem der ehemalige Leiter des Instituts für Rechtsmedizin, Prof. Dr. Bernd Brinkmann, die DNA-Analyse etabliert, die nun von der Institutsdirektorin Prof. Dr. Heidi Pfeiffer fortgeführt wird. Bernd Brinkmann lieferte übrigens die Vorlage für die Rolle des Professor Karl-Friedrich Boerne, dem Rechtsmediziner des Münster-Tatorts. Schon damals wurden unter seiner Anleitung angehende Mediziner und Juristen unterrichtet.

Auch heute befinden sich zwischen den Laboren Seminarräume, in denen Studierende Vorlesungen und Seminare beispielsweise zu Kindesmisshandlungen, Schussverletzungen und natürlichen Todesursachen sowie Drogenanalysen und forensische DNA-Analyse besuchen. Die Teilnahme an gerichtlichen Leichenöffnungen gehört zudem zum Lehrplan.

Stolz ist das Laborteam vor allem auf die Möglichkeiten, die eine universitäre Rechtsmedizin mit sich bringt: die Forschung. „Wir haben viele Freiheiten, neue Methoden auszuprobieren und uns regelmäßig mit anderen Wissenschaftlern auszutauschen. Auch viele Doktoranden nutzen die Labore für Forschungsarbeiten“, erklärt Marielle Vennemann. So habe das Team beispielsweise ein Verfahren entwickelt, mit dem man analysieren kann, ob es sich um eine „normale“ Blutspur oder Menstruationsblut handelt. Das sei für die meisten Sexualstraftaten wie beispielsweise Vergewaltigungen von großer Bedeutung.

Trotz der oft dramatischen Fälle ist das Team um Marielle Vennemann mit Leidenschaft und Freude an der Arbeit. „Die Tätigkeiten bei uns sind jeden Tag spannend. Das Bewusstsein für die besondere Verantwortung gegenüber den Opfern und mutmaßlichen Tätern schweißt uns als Team zusammen.“

Autorin: Kathrin Kottke

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung „wissen|leben“ Nr. 4, 16. Juni 2021.

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