|
Münster (upm)

Die Klangbilder der Epochen erleben

Teil 7 der Serie „Unter Verschluss an der WWU“: Die Musikhochschule beherbergt historische Hammerflügel
Prof. Ulrich Beetz ist Sammler aus Leidenschaft. Der älteste Hammerflügel stammt aus Österreich und wurde um das Jahr 1785 gefertigt. Studierende der Musikhochschule haben die Möglichkeit, an den historischen Instrumenten zu spielen.<address>© Foto: WWU - Peter Leßmann</address>
Prof. Ulrich Beetz ist Sammler aus Leidenschaft. Der älteste Hammerflügel stammt aus Österreich und wurde um das Jahr 1785 gefertigt. Studierende der Musikhochschule haben die Möglichkeit, an den historischen Instrumenten zu spielen.
© Foto: WWU - Peter Leßmann

Etwas außergewöhnlich ging es los bei Prof. Ulrich Beetz, seiner Ehefrau Birgit Erichson und der beeindruckenden Sammlung von Hammerflügeln in der Musikhochschule der Universität Münster - den Ausschlag dazu gab erst das zweite historische Tasteninstrument. Das erste war so etwas wie die Anschaffung eines Exoten, ein „oberschlägiger Stöcker“. Diesem Tasteninstrument des Berliner Klavierbauers Theodor Stöcker (Baujahr 1869), bei dem die Saiten von oben statt von unten angeschlagen werden, fehlte ein Stück vom offen sichtbaren Sägewerk des Notenpults. Als Ulrich Beetz und seine Frau nach einer Recherche einen Sammler kennenlernten, der ihnen bei diesem Problem weiterhelfen konnte und sie zum Kaffee einlud, nahm die Sammelgeschichte ihren Lauf. „Er hatte einen Broadwood, einen Hammerflügel von 1808.“ Nach dem Kaffeeplausch sagte Ulrich Beetz, der nach diesem Instrument lechzte, niedergeschlagen zu seiner Frau: „Aber der will doch gar nicht verkaufen.“ „Doch“, erwiderte sie, „das weiß er nur noch nicht.“ Nach etlichen Telefonaten gehörte ihnen der Broadwood, und die Sammelleidenschaft war endgültig geweckt.

Heute steht die einzigartige Sammlung in einem eigens umgebauten klimatisierten Raum der Musikhochschule, dem Fachbereich 15 der WWU. Der „Kammermusiksaal“ und die darin beherbergten historischen Instrumente dürfen nur nach Absprache für Studienzwecke genutzt werden. „Der Weg steht jedem Studierenden offen, man muss mich nur ansprechen.“ Zudem bietet der Violonist Ulrich Beetz regelmäßig Führungen für Interessierte und Fans historischer Instrumente an.

Hammerflügel-Sammlungen seien gar nicht so selten, betont Ulrich Beetz. Aber eine den Studierenden zur Verfügung gestellte Sammlung dieses Ausmaßes dürfte weltweit sehr, sehr selten sein, fügt er hinzu. Die 16 Hammerflügel aus den Jahren 1785 bis 1880 seien alle aufwendig restauriert und würden regelmäßig gepflegt. Ein Hammerflügel ist derzeit in einer Art Inspektion. Für Wartung und Pflege gehen die Instrumente nach Wien, wo sie der Restaurator und Pianist Gerd Hecher begutachtet. „Motten, Licht und Hausfrauen sind die größten Feinde eines Klaviers“, zitiert Ulrich Beetz einen alten Sinnspruch aus der Pianisten-Zunft. „Die Motten zerfressen die Filze, mit denen die Hammerköpfe ummanteltet sind, das Licht bleicht die Furniere aus. Und die Damen verursachten seinerzeit mit ihren Blumenvasen, die sie auf die Flügel stellten, enorme Wasserschäden auf den Flügeldeckeln.“

Ulrich Beetz, gebürtiger Westfale aus Hagen, hatte Münster zunächst als „Altersruhesitz“ gar nicht im Auge. Der heute 71-Jährige war nach Jahren im Rheinland, in Niedersachsen und Baden-Württemberg inklusive vieler Konzertreisen in alle Welt zuletzt seit 1995 im thüringischen Weimar als Kammermusik-Professor an der Franz-Liszt-Musikhochschule heimisch geworden. Die schon auf gut ein Dutzend angewachsene Hammerflügel-Sammlung fand im Schloss von Weimar ein wunderbar stilvolles Zuhause. Schon vor seiner Pensionierung ergab sich durch ein Gespräch zwischen Manja Lippert, Klavier-Professorin an der Musikhochschule Münster, und Birgit Erichson die Chance, die Sammlung nach Münster an die Musikhochschule zu binden.

Gesagt getan. Der Dekan der Musikhochschule, Prof. Michael Keller, und die damalige Rektorin, Prof. Dr. Ursula Nelles, waren der Idee, eine so große und wertvolle Sammlung historischer Hammerflügel an die WWU zu holen, von Beginn an zugetan. Der Startschuss für Münster entpuppte sich für alle als Glücksgriff, etablieren Ulrich Beetz und Birgit Erichson doch nun schon seit Jahren eine bürgernahe hohe Musikkunst. Denn die Weitergabe der historischen Klavierkunst an junge Musiker liegt dem Ehepaar Beetz am Herzen. Und zwar nicht die, die – wie oft üblich – möglichst laut ist, sondern möglichst vielfältig.

„Wir haben heute leider eine totale Verarmung hinsichtlich der Vielfalt der Klavierklänge“, urteilt Ulrich Beetz. „Unsere Studierenden haben dagegen die Möglichkeit, die vielfältigen Klangbilder der musikalischen Epochen zu erleben.“ Und die Öffentlichkeit konnte die Vielfalt auch schon erleben – bei mehr als 60 Konzerten in der Reihe „Auf der Suche nach dem vollkommenen Klang“.

Autorin: Juliane Albrecht

 

Liste der Flügel der Sammlung Beetz:

Anonymus, Österreich um 1785

John Broadwood & Son, London 1808

Johann Christian Schleip, Berlin um 1823

Conrad Graf, Wien 1826/27

Johann Fritz, Wien um 1830

Friedrich Hoxa, Wien um 1840

Carl Stein, Wien um 1840

J. B. Streicher, Wien 1841

Pleyel, Paris um 1843

Erard, London 1844

Blüthner, Leipzig 1864

Wenzel Tomaschek Wien 1864

Theodor Stöcker, Berlin 1868/69

Carl Bechstein, Berlin 1869/70

J. B. Streicher & Sohn, Wien 1871

Koch & Korselt, Reichenberg um 1910

 

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung „wissen|leben“ Nr. 5, 10. Juli 2019.

Links zu dieser Meldung