Grußwort

Der mittlerweile vierte Newsletter der Sinologie Münster erscheint erstmals spät im laufenden Semester, beschreibt unser Institutsleben jedoch in gewohnt interessanten Beiträgen. Das liegt auch daran, dass die Bachelor-Studierenden Isea Cieply, Denis Cohrs und Jendrik Niebuhr das Team der Redaktion verstärkt haben. Ihre Artikel verbinden Humor im alten China und in der Gegenwart, stellen den traditionellen Löwentanz in Deutschland vor und geben Einblicke in das Lernen im deutsch-chinesischen Tandem. Die Doktorandin Sandra Austrup hat einen lesenswerten Bericht über das Symposium „Crime and Morality“ beigesteuert, das mit Münsteraner Beteiligung in Kyoto stattgefunden hat. Weitere Artikel stammen vom Alumnus Kolja Quakernack, der dem Newsletter glücklicherweise als Shanghai-Korrespondent erhalten geblieben ist. Besonderer Dank gilt der Master-Studentin Elisabeth Gödde, die diesmal zusammen mit Nina Romming die Chefredaktion geleitet hat. Frau Gödde hat nicht nur geduldig die Artikel der Kommilitonen eingesammelt, das Layout übernommen und den jüngsten Vortrag im Institut dokumentiert. Sie hat auch das schöne Schiller-Gedicht ausgewählt, mit dem wir – und so soll dieses Grußwort schließen – unserem Professor Emmerich nachträglich die besten Wünsche zum besonderen Ehrentag übermitteln möchten.

Eine anregende Lektüre wünscht nun

Ihr Jonas Polfuß

Jubiläum am Institut

Mit diesem Gedicht möchten wir allerseits vom Institut unserem Professor alles Gute zum Geburtstag wünschen.

Von Friedrich Schiller

Mach auf, Frau Griesbach!
Ich bin da und klopf an Deine Türe.
Mich schickt Papa und die Mama,
dass ich Dir gratuliere.

Ich bringe nichts als ein Gedicht
zu Deines Tages Feier;
denn alles, wie die Mutter spricht,
ist so entsetzlich teuer.

Sag selbst, was ich Dir wünschen soll,
ich weiß nichts zu erdenken.
Du hast ja Küch und Keller voll,
nichts fehlt in Deinen Schränken.

Es wachsen fast Dir auf den Tisch
der Spargel und die Schoten.
Die Stachelbeeren blühen frisch
und so die Reineclauden.

Bei Stachelbeeren fällt mir ein,
die schmecken gar zu süße,
und wenn sie werden zeitig sein,
so sorge, dass ich’s wisse.

Viel fette Schweine mästest Du
und gibst den Hühnern Futter.
Die Kuh im Stalle ruft muh, muh
und gibt Dir Milch und Butter.

Es haben alle Dich so gern,
die Alten und die Jungen,
und Deinem lieben, braven Herrn
ist alles wohl gelungen.

Du bist wohlauf; Gott Lob und Dank!
Musst’s auch fein immer bleiben.
Und höre, werde ja nicht krank,
dass sie Dir nichts verschreiben.

Nun lebe wohl! Ich sag ade.
Gelt, ich war heut bescheiden!
Doch könntest Du mir, eh ich geh,
’ne Butterbemme schneiden.

Anekdote aus dem alten China: Der tölpelhafte Zauberer

„Allem Lachen unter dem Himmel Glauben schenken und sämtliche Scherze für voll nehmen“, so heißt es im Prolog des Xiàolín 笑林 („Wald des Lachens“). Bei diesem Werk von Handan Chun handelt es sich um eine Sammlung kleiner, amüsanter Anekdoten aus dem chinesischen Alltag aus dem 3. Jahrhundert. Eine Anekdote wurde von uns in eine zeitnahe Version abgeändert.

Mann: „Siehst du mich?“
Seine Frau antwortet genervt: „Natürlich sehe ich dich. Große dicke Nase, braune Augen. Nach dreißig Jahren Ehe möchte ich behaupten, ich erkenne meinen Mann, wenn er vor mir steht.“
Er murmelt in seinen Bart: „Das kann doch nicht sein. Es steht doch so im Huainan Fang (Ein Buch über Kräuter südlich des Huai). Ich habe alles richtig befolgt. Bin in den Wald gegangen … habe die Blätter gepflückt…“
Sie: „Was sind das denn für merkwürdige Blätter, unter denen du deinen Körper begraben hast?“
Er: „Es sind magische Blätter. Sie machen meinen Körper unsichtbar. Es sind die Blätter, mit denen sich die Gottesanbeterin vor den Zikaden versteckt!“
Sie (skeptisch): „Klappt ja hervorragend.“
Er legt sich grübelnd ins Bett: „Am Morgen versuche ich es noch einmal!“
Er: „Siehst du mich?“
Sie zieht eine Augenbraue hoch: „Immer noch am Rumzaubern?“
Er zu sich selbst: „Ich muss sie verwechselt haben, es sind die falschen Blätter.“
Noch einmal geht er in den Wald, sammelt voller Sorgfalt einige Haufen der grün-glänzenden Blätter und trägt sie nach Hause.
Er bedeckt seinen Körper mit den neuen Blättern und fragt seine Frau hoffnungsvoll:
„Kannst du mich sehen, Liebling?“
Sie schaut sich in der Wohnung um. „Überall dieses verdammte Laub. Und der Dreck!“ Sie zögert, geht in den Flur, beginnt die Schränke zu entstauben und leiert:
„Oh! Wo bist du? Ich kann dich nicht sehen?! Hier bist du nicht…dort bist du nicht. Als wärest du … unsichtbar!“
Er ruft glücklich: „Magie! Es lebe das Huainan Fang! Ich kann zaubern!“

Am Markt angekommen, bedeckt er sich mit den Blättern und beginnt damit, die Menschen vor ihren Augen auszurauben.
Es kommen zwei Wachmänner, die gerufen worden sind, um den Dieb zu verhaften. Als sie den armen Trottel sehen, kriegen sie sich nicht mehr ein vor Lachen.
1. Wache: „Er ist weg. Ich sehe nur ... (prustet) Blätter!“
2. Wache: „Ja, Kollege, korrekt. Was meinen Sie? Was wir nicht sehen, können wir nicht festnehmen, oder?! Schrecklich, wie machtlos die Justiz manchmal ist.“
Beide schleppen ihre vor Lachen bebenden Körper davon. Der Mann kratzt sich verdattert am Kopf: „Komische Menschen.“

Wir danken Paul Fahr für die Originalübersetzung ins Deutsche.

Chinesisches Original der Anekdote

楚人貧居,讀《淮南方》,“得螳蜋伺禪自鄣葉,可以隱形”,遂於樹下仰取葉。螳蜋執葉伺禪,以摘之。葉落樹下,樹下先有落葉,不能復分别。掃取數斗 歸,以葉自鄣,問其妻曰:“汝見我不?”妻始時恆答言:“見。”經日,乃厭倦不堪,紿云:“不見。”嘿然大喜,賫葉入市,對面取人物,吏遂縛詣縣。縣官受 辭 ,自說本末,官大笑,放而不治。 (Nachzulesen z.B.: Taiping yulan)

Denis Cohrs, Isea Cieply

XXV. DVCS-Jahrestagung vom 07.-09.11.2014

Die diesjährige XXV. Jahrestagung der Deutschen Vereinigung für Chinastudien 德國漢學協會 findet vom 7. bis zum 9. November 2014 in Münster statt. Die Vorträge werden das Thema "Recht und Gerechtigkeit" behandeln.

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Die DVCS verfolgt das Ziel, die Entwicklung der Chinastudien in Deutschland durch einen verstärkten persönlichen und fachlichen Austausch zu fördern. Hierbei spielt die jährliche Tagung eine wichtige Rolle. Frühere Themen waren zum Beispiel: "Raum und Grenze" (XXIV. Jahrestagung, Würzburg) und "China: Konflikt und Harmonie" (XXIII. Jahrestagung, Trier).

Praktikumsbericht: In Taibei bei Swan Panasia 新天鵝堡

Taiwan sei das traditionelle China, so sagt man. Obwohl auf Taiwan die modernste Technik produziert wird, finden sich hier auch die alten Riten und Gebräuche wieder. Ich habe mich, ganz in diesem Sinne, in meinem Praktikum nicht den Computer-, sondern den Brett- und Kartenspielen gewidmet. Bei der Firma Swan Panasia, die Gesellschaftsspiele vertreibt, habe ich ein zweimonatiges Praktikum in den Semesterferien von Anfang Februar bis Ende März 2012 in Taibei absolviert. So habe ich kein Semester verpasst.

Das Unternehmen betreibt zudem ein kleines Café, das Hexenhaus 女巫店, in dem Brett- und Kartenspiele erklärt, ausprobiert und gekauft werden können. Das Sichten der Bestände, Lernen der Regeln und anschließende Erklären ihrer beliebtesten Spiele auf Chinesisch sollten meine Aufgaben werden. Der Chef und Gründer von Swan Panasia, Sinologe Johannes Goeth, arbeitet selbst den ganzen Tag im Lager, bereitet Präsentationen, Messen und Ausstellungen vor und trifft sich mit Kunden, Partnern und Bewerbern. Neben meiner Arbeit im Café habe ich Herrn Goeth begleitet und konnte so viel schneller und besser die Zusammenhänge und den Alltag eines solchen Unternehmens kennen lernen. Ein weiterer Vorteil eines deutschen Geschäftsführers war die Möglichkeit, Fragen und Unklarheiten sofort zu klären – ohne lästige Sprachbarriere. Das Erklären der Spiele im Café hatte mehrere Vorteile: Zum einen lernt man sehr schnell einen nützlichen Wortschatz, da sich aufgrund der Spiele gute Eselsbrücken finden lassen und die Vokabeln dauernd wiederholt werden. Zum anderen trifft man immer wieder neue Leute, kommt ins Gespräch und das Interesse an einem Ausländer, der auf Chinesisch Spiele erklärt, ist sehr hoch. Mehrmals saß ich mit nahezu 20 Leuten an einem Tisch und alle hörten, dachten, zählten und lachten mit.

Da aufgrund der Rechtslage keine Bezahlung möglich ist, Johannes Goeth aber durchaus fleißige Praktikanten zu schätzen weiß, durfte ich bei ihm zuhause, etwas außerhalb des Stadtzentrums Taibeis, wohnen - alleine auf einer voll ausgestatteten, eigenen Etage. Das gewährleistete eine schnelle Kommunikation bei Spontaneinsätzen und es gab keine lästige Wohnungssuche.

Bei diesen Rahmenbedingungen ging die Zeit schnell herum. Die letzte Woche hatte mir Johannes Goeth zum Herumreisen frei gegeben („sonst hast du ja gar nichts von Taiwan gesehen“). Das stimmte so nicht: Ich habe die Zeit gut genutzt, an den Wochenenden Touren unternommen und konnte mich auch mit Freunden treffen.

Kolja Quakernack

Symposiumsbericht: "Crime and Morality"

Für acht Lehrende und Studierende unseres Instituts hielt der März ein spannendes Ereignis bereit: die Teilnahme am zweitägigen Symposium „Crime and Morality in East Asia“ auf Einladung des Institute for Research in Humanities der Kyoto University. Die Veranstaltung war die zweite ihrer Art nach der Konferenz „Public Notion of Crime and Law in East Asia“, zu der Gäste aus Japan und China im September 2012 nach Münster gereist waren. Sie ist Teil des auf fünf Jahre angelegten Forschungsprojekts „Crime and Society in East Asia“ von Prof. Itaru Tomiya, das von der Japan Society for the Promotion of Science gefördert wird. Zwei weitere internationale Treffen in Deutschland und Japan sind bis 2016 geplant.

Aus vielfältigen Blickwinkeln betrachteten die Referenten die Themenstellung: Sie zogen Grabbeigaben und Schriften aus archäologischen Funden ebenso zur Analyse heran wie tradierte Texte und moderne Schulbücher. Während ein Teilnehmer den komparatistischen Fächer weit aufschlug, um unter anderem das antike Griechenland, die preußischen Staaten und das heutige Japan einzuschließen, analysierte ein anderer Edikte der Tang-Dynastie mit Hilfe politikwissenschaftlicher Theorien. Designierte Kommentatoren gaben kritisches Feedback zu den Vorträgen, was eine stärkere Auseinandersetzung mit den Inhalten förderte und zumindest mir persönlich wertvolle Denkanstöße lieferte.

Neben diesem intellektuellen Austausch ermöglichte allem voran eine gemeinsame Exkursion in den geschichtsträchtigen Horyu-ji von Nara den zwischenmenschlichen Austausch, dessen Ursprung in der langjährigen Freundschaft zwischen Prof. Emmerich und Prof. Tomiya liegt. Dazu gehörte ebenso das freudige Wiedersehen mit weiteren ehemaligen Münsteraner Gastwissenschaftlern wie Prof. Dr. Kiyoshi Miyake, Prof. Dr. Ryuichi Kogachi und Dr. Fuminori Tsuchiguchi. Auch gegenüber uns neu Hinzugestoßenen prägte eine entspannte, freundschaftliche Atmosphäre den Umgang. Insbesondere die Umsicht und Großzügigkeit Professor Tomiyas bei der Organisation unseres Aufenthalts können hier unmöglich angemessen gewürdigt werden.

Wir Münsteraner wurden von Kyoto mit frühlingshaft-mildem Wetter und reichlich Sonnenschein belohnt. Da die in Japan heiß ersehnte Kirschblüte (abgesehen von ein paar besonders eifrigen Exemplaren) noch nicht begonnen hatte, blieb die Stadt trotz merklicher touristischer Aktivität frei von allzu großen Besucherströmen. Als Besucher mit nur wenig Zeit sieht man sich in Kyoto vor schier unmögliche Entscheidungen gestellt: Soll ich den ehemaligen Wohnsitz des Shoguns oder den Kaiserpalast besichtigen?

Die großen buddhistischen Tempel zu Füßen der Berge, die die Stadt umfangen, oder eher die unzähligen kleinen Shinto-Schreine, die an jeder Straßenecke die Passanten locken? Von Museen, Zen-Gärten, Einkaufsmöglichkeiten und dem umwerfend guten Essen schweige ich lieber ganz. Dieser übergroßen Auswahl entsprechend wird wohl jedes Institutsmitglied seine ganz eigenen Eindrücke mit nach Hause bringen. Sicher spreche ich aber allen aus dem Herzen, wenn ich meine Dankbarkeit für unsere herzliche Aufnahme ausdrücke und auch für die Zukunft auf eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Kyoto und Münster hoffe.

Vorträge beim Symposium

Eugen Wiens:
Ruling by Grace. Grand Acts of Grace in early Tang times.
(Wie wurden kaiserliche Gnadenerlasse eingesetzt und welche Funktionen erfüllten sie?)

Hosina Sueko:
Wangzui 亡罪: Shedding some light on its meaning - Wangren 亡人 and Wuming shuzhe 無名數者 during the Qin- Han period.
(Was weiß man über diese Tatbestände, ihre Definition und Konsequenzen?)

Sandra Austrup:
Netting the whale – Proposals for penal legislation in ce 策 policy essays.
(Welche Vorschläge zu Gesetzen und Strafen finden sich in ce-Aufsätzen für die Beamtenexamina?)

Annette Kieser:
Attitudes towards Crime and Morality as reflected in Burial.
(Lassen archäologische Grabfunde Schlüsse darauf zu, ob die Bestattung von Straftätern besonders gestaltet wurde?)

Ito Takao:
A Comparative History of Criminal Abortion and Infanticide.
(Inwiefern wurde Abtreibung in verschiedenen Kulturkreisen und Zeiten als kriminell betrachtet?)

Nishikawa Mako:
Moral Norms China’s Elementary School Textbook of Language Yuwen Tells of.
(Welche Darstellungsweisen und Schwerpunkte moralischen Verhaltens lassen sich in unterschiedlich alten Ausgaben des Yuwen feststellen?)

Kogachi Ryuichi:
Lü Shu 律疏 and the yishu 義疏 scholarship.
(In welcher Beziehung steht der Subkommentar zum Gesetzbuch der Tang zur konfuzianischen Tradition der yishu-Subkommentare?)

Yu Hong:
Once divorced, twice relieved, a blissful life for both. 一別兩寬﹐各生歡喜 - Euphemisms and reality in Chinese letters of divorce.
(Wie wird die Auflösung von Ehen in Vertragsdokumenten zur einvernehmlichen Scheidung aus Dunhuang dargestellt?)

Sandra Austrup

Der traditionelle Löwentanz in Deutschland – geht das?

Der Löwentanz wird zu besonderen Anlässen besonders im asiatischen Raum aufgeführt, um Glück und Segen zu spenden. Löwentänze werden meist nur von Mitgliedern bestimmter Kung Fu-Schulen erlernt und perfektioniert. Johan, 21 Jahre, Träger der ersten Schwarzen Schärpe und Student am Institut für Sinologie und Ostasienkunde, betreibt seit acht Jahren Kung Fu in Münster und vollführt mit seinen Mitkämpfern zahlreiche Löwentänze zu den verschiedensten Anlässen.

Johan, wie kamst du eigentlich auf Kung Fu?

Als ich noch jünger war, gab es eine Kung Fu-Schule ganz bei uns in der Nähe und ich war einfach interessiert. Ich habe mal eine Trainingseinheit ausprobiert, und seitdem fand ich Kung Fu immer wieder cool.

Am 30. Januar wurde anlässlich des Neujahrfestes am Buddhistischen Tempel „Phuong Quang“ von eurer Kung Fu-Gruppe der Löwentanz aufgeführt. Wie läuft ein Löwentanz ab und wird er aufgeführt?

Der Löwentanz soll Glück bringen. Es ist Tradition in China, dass bei besonderen Anlässen ein Löwentanz, z. B. zur Einweihung eines neueröffneten Geschäftes oder zu religiösen Feiertagen, aufgeführt wird. Beim Löwentanz geht es besonders um die Symbolik. Der Platz, wo der Löwentanz aufgeführt wird, kann so präpariert sein, dass der Löwe mit verschiedenen Gegenständen interagieren kann. Speere und andere Waffen können so platziert werden, dass es z.B. aussieht wie eine Schlange, welche der Löwe bekämpft. Er entwaffnet die Schlange, indem er ihre Waffen herunterschluckt oder die Waffe einem bereitstehenden Tänzer übergibt. Dieser durchläuft dann eine bestimmte Kampfbewegung. Die Szenarien sind aber immer unterschiedlich. Es gibt auch Situationen, wo Salatköpfe auf den Boden gelegt werden, welche vom Löwen innerhalb der Zeremonie gefressen werden. Dabei wird der Salatkopf von dem Kopftänzer durch das Maul des Löwen ins Innere genommen und an den Hintermann gegeben. Dieser zerrupft den Salat und gibt einzelne Salatblätter an den Vordermann, der sie dann wieder aus dem Maul befördert, so dass es aussieht, als ob der Löwe sie ausspuckt. Oft gibt es neben dem Löwen auch noch einen Buddha, der eine eher schelmische Rolle hat. Er nimmt das Publikum auf den Arm oder spielt mit dem Löwen. Aber oft passt er auf, dass der Löwe nicht mit der Menge zusammenstößt.

Ich habe gesehen, dass man dem Löwen Geldscheine ins Maul legt oder kleine rote Umschläge. Ich habe mich in dem Moment gefragt, warum man das tun sollte.

In China ist es Brauch, Geschenke in rotes Glanzpapier einzupacken, und oft wird Geld verschenkt. Manchmal bekommen wir als Kung Fu-Gruppe auch Geldgeschenke. Besonders durch den Löwen. Es ist ja eine Geste, die Glück bringen soll, und ich denke mal, dass die Feiernden uns so für unsere Darstellung danken möchten. Bei weiteren Fragen kannst du mich einfach ansprechen oder bei unserem Kung Fu-Training vorbeischauen.

Denis Cohrs

Shanghai aus dem 41. Stock

Ein dichter Nebel aus Staub und Dreck bedeckt Shanghai. Die Bäume an der Straße leiten den Autos den Weg. Der aus verschmolzenen Geräuschen bestehende Stadtlärm wabert durch die Luft. Das breite Panorama weckt den Impuls, mit dem Bleistift kleine Unebenheiten in dem bewegungslosen Wolkenkratzermeer zu korrigieren.

Fast könnte man die Dynamik der Stadt übersehen. Die vielen Händler und Zulieferer, die mit ihren Wagen und Motorrollern wie fleißige Bienen die Stadt in Bewegung halten. Die Autos, die sich in unterschiedlichem Tempo durch das Hochhauslabyrinth schlängeln. Die Tänzer, die sich im Takt zu mitgebrachter Musik auf der Straße bewegen. Die Qigong und Taiji Praktizierenden in den Stadtparks. Die Straßenköche und Obstverkäufer, die um ihre mobilen Stände tänzeln.
Riesige Schiffe schleppen sich durch die Wassersenke und dröhnen sich dabei mit ihren tiefen Hörnern den Weg frei. Plötzlich bewegt sich alles in den schachbrettartigen Straßen um die wie Nägel aus der Erde stechenden Hochhäuser. Es repräsentiert einen beeindruckenden Gegensatz zwischen Dynamik und Starre, dieser Koloss einer Stadt. Und das ist nur einer von vielen Gegensätzen, welche die Metropole in sich birgt.

Kolja Quakernack

Straferlasse im alten China: Ein Interview mit Eugen Wiens

Das Thema Amnestien in der frühen Tang-Zeit war bisher kaum Gegenstand wissenschaftlicher Arbeiten. Dabei handelte es sich um ein wichtiges politisches Werkzeug, das die Kaiser nutzten, um den Rückhalt ihres weit verstreuten Volkes zu erreichen. Eugen Wiens, Sinologiestudent an der WWU, spricht über seine Magisterarbeit „Große Gnadenakte“ und seine Einladung nach Japan.

Mit welcher Art von Amnestien hast du dich befasst?

Ich habe mich vor allem mit Generalamnestien befasst, durch die beinahe alle Straftäter im Reich eine Strafminderung oder Strafbefreiung erhalten haben. Im Laufe der Zeit kamen weitere Bestandteile hinzu: Wohltätigkeiten gegenüber möglichst allen Bevölkerungsgruppen, das heißt beispielsweise auch Steuerbefreiung und materielle Unterstützung. „Amnestie“ greift für dieses Phänomen zu kurz, deswegen bin ich zu dem Entschluss gekommen, es stattdessen, wie manche Wissenschaftler vorgeschlagen haben, Großen Gnadenakt zu nennen.

Wann wurden Amnestien erlassen?

Ein Anlass war beispielsweise die Inthronisierung eines neuen Kaisers. Auch Jubiläen, verschiedene Himmelserscheinungen, Einsetzung eines Thronerben, große Staatszeremonien oder Rebellionen veranlassten die Kaiser zu Amnestien.

Welche Motive verfolgten die Herrschenden beim Erlass von Amnestien?

Eine Funktion war die politische: Amnestien festigten die Loyalität zum Kaiser oder generierten politische Unterstützung. Eine Amnestie zeigt den Kaiser als einen wohltätigen Herrscher. Diese diente aber auch als ein Medium, mit dem bestimmte Informationen im Reich verbreitet wurden. Natürlich war das aber auch nicht frei von Einflussnahme und insofern auch politisch motiviert.

Wie baut sich so ein Amnestieerlass auf?

Im ersten Teil wird die Legitimation des Kaisers unterstrichen. Er ist der einzige, der Amnestien erlassen kann. Im zweiten Teil legt der Kaiser die programmatische Zielsetzung seiner Herrschaft dar. Dabei werden oft Stereotypen benutzt, nach dem Motto: Der Kaiser steht morgens früh auf, geht spät ins Bett und ist immer besorgt um sein Volk. Im dritten Teil wurde auf Ereignisse der Zeit eingegangen, also Missstände in der Regierung, Rebellionen oder Cliquenkämpfe am Hof. Die Herrschenden nutzten die Gnadenakte, um ein manipuliertes Bild dieser Ereignisse wiederzugeben. Heute würden wir das Propaganda nennen. Im vierten und letzten Teil folgten die Regularien für die eigentliche Amnestie.

Du fliegst Ende März nach Japan. Inwiefern steht das im Zusammenhang mit deiner Arbeit?

Ich fliege nach Japan, um an dem Symposium* zum Thema Rechtsgeschichte Chinas teilzunehmen, welches in Kooperation zwischen der Universität Kyoto und der Universität Münster stattfindet. Professor Emmerich hat mich gefragt, ob ich dort meine Ergebnisse vorstellen möchte.

Hast du im Laufe der Arbeit etwas Besonderes über dich gelernt?

Ich musste zum Beispiel während meiner Arbeit lernen, mir selbst zeitlich Grenzen zu setzen, um zielstrebiger zu arbeiten und mich nicht in Details zu verfangen. Außerdem kommen viele wie ich am Ende einer so umfangreichen Arbeit an einen Punkt, an dem man gar nicht mehr einschätzen kann, ob die Arbeit überhaupt gut ist, und einem Zweifel aufkommen. Jemanden drüber lesen zu lassen, hilft da schon.

Das Interview wurde im Vorfeld des Symposiums geführt. Für mehr Informationen hierzu, lesen Sie den Symposiumsbericht.

Jendrik Niebuhr, Isea Cieply

Die chinesische Seidenstraße: "Mission – Monumente – Minoritäten – Mumien"

Prof. Dr. Peter Kupfer von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz hielt am 21. Mai einen Vortrag am Institut für Sinologie und Ostasienkunde über die Kultur der Seidenstraße. Nach einer kurzen Vorstellung vom Institutsleiter Prof. Dr. Emmerich begann Prof. Kupfer seinen Vortrag damit, die hohe Relevanz des klassischen Chinesisch zu betonen und lobte die Tradition des Studiums der klassischen Sinologie am Institut.

Während seines Vortrags erläuterte Prof. Kupfer die enorme Bedeutung der Seidenstraße für die kulturelle Entwicklung der Region und strukturierte ihn mittels der Reiseroute, welche er auf seinen zwei Reisen erkundet hat. Während der ersten Reise 2008 und der zweiten 2013 wurden 17.000 km überwunden, 50 Museen besucht, 14 Provinzen und autonome Gebiete bereist, Menschen aus 17 Völkern getroffen und 20 Institute sowie Hochschulen besichtigt.
Das Fundament seiner Erläuterungen zur kulturellen Bedeutung der Seidenstraße bilden zahlreiche archäologische Funde wie Münzen, Keramiken, Textilien und Mumien. Durch immer neue Funde und Hilfsmittel (DNA-Analyse) werden neue Erkenntnisse errungen, durch die sich verifizieren lässt, dass es bereits vor 5.000 Jahren einen aktiven Austausch und wechselseitigen Einfluss gegeben hat. So konnten bei den Grabbeigaben für König Zhao Mo (gest. 122 v. Chr.), Nanyue-Reich, bereits persische Einflüsse festgestellt werden. Die älteste Moschee Chinas aus dem Jahr 627 n. Chr. steht in Guangzhou und weist die Inschrift „Der Weg geht nach Westen“ auf, damit sei die Seidenstraße gemeint. Am östlichen Ende der kontinentalen Seidenstraße und des nördlichen Song-Reichs (960-1127) in Kaifeng hat es eine jüdische Gemeinde gegeben und noch heute kann man durch die „Südliche Thoragasse“ wandern. Weiter über das Drehkreuz der Kulturen, die Stadt Luoyang, welche Hauptstadt von 13 Dynastien war, zur einst multikulturellen Stadt Chang'an (heutiges Xi´an) der Tang (618-907), in der sich die Weltreligionen begegneten. Chang'an war die Drehscheibe des eurasischen Fernhandels und von hier aus hat die Verbreitung des Islams in China begonnen. Vom Buddhismus lassen sich in Majishan Wandmalereien aus dem 6. Jh. bestaunen und in Süd-Gansu lässt sich die tibetische Kultur finden.

Inzwischen gibt es sogar Spekulationen, dass in Liqian (Gansu) eine Römersiedlung (36. v. Chr.) existierte. Zu den imposantesten Funden zählen wohl die Mogao-Höhlen (Dunhuang), in denen im Jahr 1900 rund 50.000 Dokumente aus dem 4. bis 11. Jhd. mit Zeugnissen in über 30 Sprachen entdeckt wurden. Die ersten Zeugnisse von europiden Kulturen sind 4.000 bis 3.000 Jahre alt und lassen Rückschlüsse auf eine prähistorische Seidenstraße zu. Durch den Fund eines europid-mongoloiden Menschentyps (800 v. Chr.) geht man von der Existenz einer früh-eisenzeitlichen Kultur aus. Von den umfassenden und noch längst nicht genügend erforschten Fundstücken entlang der Seidenstraße zu modernen Ereignissen um die Seidenstraße herum sprach Prof. Kupfer über die Neue Seidenstraße durch Eurasien, an der seit 2013 gearbeitet wird. Diese neue Entwicklungspolitik und Revitalisierung der alten Handelswege haben Priorität und führen zu infrastrukturellen Ausbauten. Bei diesen neusten Entwicklungen kann man von einem vergrößerten kulturellen Austausch sowie einem wichtigen Wirtschaftsfaktor ausgehen. Als Konkurrenz zum Projekt der Neuen Seidenstraße wird im Nahen Osten an einer Maritimen Seidenstraße gearbeitet.

Elisabeth Gödde

Ein Geben und Nehmen

Tandempartnerschaften sind die Brücke zu fremden Sprachen: Ein Treffen mit Isea Cieply und Jie Li über Probleme und Nutzen des Tandems und kulturelle Differenzen zwischen Deutschen und Chinesen.

Isea und Jie treffen sich fast jede Woche und dann heißt es wieder: eine Stunde Deutsch und eine Stunde Chinesisch sprechen. Seit einem halbem Jahr sind sie bereits Tandem-Partner, damals lernten sie sich durch einen Freund kennen. Isea studiert Chinastudien und Ökonomik, Jie studiert seit zweieinhalb Jahren Wirtschaftschemie. Manchmal lernen sie deshalb Chemie-Fachbegriffe: „Das ist sehr schwer, teilweise sind Wörter dabei, die selbst ich als Deutsche nicht kenne“, sagt Isea, Jie lächelt aufmunternd. Die 20-Jährige, die aus Hebei im Norden Chinas kommt, ringt noch um Worte und überlegt viel: „Für mich“, so Jie, „sind vor allem die Umgangssprache und altdeutsche Wörter ein Problem.“ Auch die Artikel, Konjugationen und Fälle in der deutschen Sprache seien anfangs schwierig gewesen, sagt sie weiter. „Trotzdem“, sagt die junge Chinesin, „ist Deutsch einfacher zu erlernen als Englisch.“

Isea schätzt besonders die Atmosphäre zwischen den beiden, anders als im Unterricht „ist es hier nicht unangenehm, verbessert zu werden.“ Jie nickt zustimmend: „Mit Isea habe ich keine Angst, Deutsch zu sprechen, sonst habe ich immer viel Stress.“ Isea sei sehr geduldig, fügt sie noch an. Sie mögen sich, auch über das gemeinsame Lernen in der Tandempartnerschaft hinaus. Beide erinnern sich noch sehr gut an Iseas Geburtstagsfeier – es war Jies erste deutsche Party. Jie kichert: „Es war total nett, aber es gab weder einen Kuchen noch Karaoke.“ So etwas, so Jie weiter, wäre in China nie passiert.

Am Ende berichtet Jie noch begeistert von einem Film, den sie auf Deutsch gesehen hat. Ein gewisser „Til“ habe dort mitgespielt. Die Rede ist vom deutschen Film „Keinohrhasen“. Das Til Schweiger, Deutschlands berühmtester Nuschler, einmal Chinesen beim Deutschlernen helfen würde, hätte er wohl auch nicht gedacht.

Jendrik Niebuhr