Rückblick auf die Diversity-Woche 2026 an der Universität Münster

Unter dem Motto „Vielfalt sichtbar machen, Perspektiven öffnen, Macht reflektieren“ hat die Universität Münster vom 18. bis 22. Mai 2026 Mitarbeitende, Lehrende und Studierende zur Diversity-Woche 2026 eingeladen. Im Mittelpunkt standen in diesem Jahr unterschiedliche Perspektiven auf Vielfalt an der Universität sowie der Umgang mit Macht im Hochschulkontext. Die Veranstaltungen nahmen in den Blick, wie Machtverhältnisse das universitäre Miteinander prägen, wo strukturelle Ungleichheiten und Machtmissbrauch wirksam werden können und welche Bedeutung dies für eine diskriminierungssensible und chancengerechte Hochschulkultur hat. Mit vielfältigen Formaten eröffnete die Diversity-Woche Raum für Information, Reflexion und Austausch.

Vor dem Filmbeginn: Ludger Hiepel (Vorsitzender der Senatskommission für Diversity), Dr. Dr. Robert Zeidler (Vertretendes Vorstandsmitglied der Sparkasse Münsterland Ost ), Tanja Beck (Koordinatorin Diversity), Alina Cyranek (Regisseurin des Films „Fassaden“), Viola Groß (Opferschutzbeauftragte der Polizei Münster).
© Sparkasse

Den Auftakt der Diversity-Woche bildete die Vorführung des Dokumentarfilms „Fassaden“ im Schlosstheater Münster am 18. Mai. Gemeinsam mit der Regisseurin Alina Cyranek setzte sich die Universität Münster mit dem Thema häusliche Gewalt auseinander und eröffnete damit bewusst einen Raum für die Auseinandersetzung mit Macht, Abhängigkeit und struktureller Unsichtbarkeit von Gewalt. In ihrer Begrüßung betonten Tanja Beck, Koordinatorin Diversity, und Ludger Hiepel, Vorsitzender der Senatskommission für Diversity, die Verbindung zwischen dem diesjährigen Schwerpunktthema „Macht und Machtmissbrauch im Hochschulkontext“ und den im Film dargestellten Dynamiken häuslicher Gewalt.

Gewalt, so Beck, sei kein rein privates Problem, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse, die von Kontrolle, Abhängigkeit und Schweigen geprägt seien. Diese Mechanismen könnten auch in Institutionen wie Hochschulen wirksam werden und sich auf Studium, Arbeit und wissenschaftliche Karrieren auswirken.

Das Podium: Ludger Hiepel (Vorsitzender der Senatskommission für Diversity), Ulrike Krause (stell. Vorsitzende der Senatskommission für Diversity), Alina Cyranek (Regisseurin des Films „Fassaden“), Katrin Kottke (stellvertretende Pressesprecherin), Tanja Beck (Koordinatorin Diversity), Viola Groß (Opferschutzbeauftragte der Polizei Münster)
© FB 02

Der Film machte eindrücklich sichtbar, wie Gewalt hinter einer scheinbar intakten Oberfläche verborgen bleiben kann, und lud dazu ein, genauer hinzusehen – auf das Unsichtbare, das Ungesagte und auf gesellschaftliche Strukturen, die Machtmissbrauch begünstigen. Im anschließenden Gespräch mit der Regisseurin diskutierten die Teilnehmenden über gesellschaftliche Verantwortung, Schutzräume und die Bedeutung einer diskriminierungssensiblen Universitätskultur. Die Veranstaltung fand in Kooperation der Senatskommission für Diversity und der Senatskommission für Gleichstellung stattt und in Zusammenarbeit mit dem sowie den Arbeitskreis Gewaltschutzgesetz Münster. Finanziell wurde sie unterstützt durch die Sparkasse Münsterland Ost unterstützt.

Mit historischen Perspektiven auf Diversität beschäftigten sich die „Diversity Dialogues in Classical Studies“ im Archäologischen Museum der Universität. Unter dem Titel „Was bedeutet Fremdsein in der Antike?“ diskutierten Patrick Sänger und Sabine Huy darüber, wie Fremdheit in antiken Gesellschaften definiert wurde und welche kulturellen Folgen sich daraus ergaben.

Die Veranstaltung zeigte eindrucksvoll, wie gegenwärtige Debatten um Zugehörigkeit, Ausgrenzung und gesellschaftliche Teilhabe auch aus historischer Perspektive betrachtet werden können.

Großes Interesse fand zudem der Online-Vortrag „Macht und Machtmissbrauch im Wissenschaftssystem“ mit Lisa Niendorf. Die Bildungswissenschaftlerin und Autorin setzte in ihrem Online-Vortrag am 19. Mai einen pointierten Impuls zu Macht und Machtmissbrauch im Wissenschaftssystem. Mit großer Klarheit benannte sie strukturelle Problemlagen auch dort, wo sie unbequem sind, und machte deutlich, dass Machtmissbrauch die gesamte Hochschulgemeinschaft betrifft. Zugleich ermutigte sie dazu, die Kultur des Schweigens zu durchbrechen: hinzuschauen, Grenzen zu setzen, Verantwortung zu übernehmen und die eigene Position solidarisch zu nutzen, um Machtmissbrauch zu benennen und Veränderung anzustoßen. Die Veranstaltung entstand in Kooperation mit dem Münster Centre for Emerging Researchers (CERes) und dem Center for International Gender Studies (CIGS).

Darüber hinaus bot die Diversity-Woche weitere Austausch- und Vernetzungsformate. Der Workshop „Macht und Mikropolitik souverän umgehen“ richtete den Blick erstmals gezielt auf Mitarbeitende in Technik und Verwaltung und eröffnete einen wichtigen Reflexionsraum dafür, wie Machtverhältnisse, informelle Einflussstrukturen und Handlungsspielräume auch jenseits wissenschaftlicher Karrierewege wirksam werden.

Im Format „Diversity dezentral“, zu dem Tanja Beck und Ludger Hiepel eingeladen hatten, diskutierten Vertreter:innen aus Fachbereichen, Dekanaten und Diversity-Strukturen über nachhaltige Diversity-Arbeit auf Fachbereichsebene. Sie bot Raum für Diskussion, Vernetzung und gemeinsame Reflexion – und setzte wichtige Impulse für eine diversitätssensible und verantwortungsvolle Universitätskultur.

Ein weiterer Workshop zum Thema „Sexismus und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“ mit Dr.in Sandra Schwark sensibilisierte für die Bedeutung aktiven Hinsehens und Eingreifens bei Sexismus, sexueller Belästigung und grenzverletzendem Verhalten und zeigte konkrete Handlungsmöglichkeiten auf, um Verantwortung nicht allein den Betroffenen zu überlassen.

Jetzt bewerben für den Diversity-Preis 2026

© Web ud Design

Die Universität Münster vergibt in diesem Jahr erneut den Diversity-Preis. Mit dem Preis werden innovative Projekte und Maßnahmen ausgezeichnet, die zu einer chancengerechten, diskriminierungsfreien und vielfältigen Campus- und Organisationskultur beitragen und diese nachhaltig stärken.

Der Diversity-Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird alle zwei Jahre von der Rektorin bzw. dem Rektor verliehen. Die Auszeichnung richtet sich an einzelne Mitglieder, Gruppen von Mitgliedern, Arbeitsbereiche, Einrichtungen, Fachbereiche oder Fakultäten der Universität Münster. Die Preisverleihung erfolgt im Rahmen des Neujahrsempfangs.

Universitätsmitglieder sind herzlich eingeladen, sich mit geeigneten Projekten und Maßnahmen zu bewerben.

Weitere Informationen zur Ausschreibung und zu den Richtlinien finden Sie hier:
Richtlinien Diversity Preis Ausschreibung 2026

Diversity-preis 2026. Datenschutzerklärung 2026

Diversity

Was bedeutet Diversity?

Diversität beschreibt das Vorhandensein von Unterschieden innerhalb einer Gruppe von Menschen. In Diskussionen über soziale Gerechtigkeit und gleichberechtigte Teilhabe geht es bei Diversity um Unterschiede in der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen, z. B. in Bezug auf Geschlecht, Geschlechtsidentität, Alter, ethnische Herkunft, kulturelle Hintergründe, sexuelle Orientierung, körperliche und geistige Fähigkeiten und Religion. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit diesen Themen erfordert Wissen und Verständnis für historische und aktuelle Erfahrungen von Benachteiligung und Ausgrenzung.

Es ist wichtig, Diversity als etwas zu sehen, das verbindet und nicht trennt. Vielfalt bedeutet, unsere Unterschiede ebenso anzuerkennen und wertzuschätzen wie unsere Gemeinsamkeiten. Die (selbst-)kritische Beschäftigung mit systemischer und institutionalisierter Diskriminierung sowie bestehenden Machtstrukturen und Privilegien sind ebenso wichtig wie der gemeinsame Austausch um Diversität als Chance für gemeinsames Lernen und Wachstum zu nutzen.

Diversity Dimensionen

Das von Lee Gardenswartz und Anita Rowe 1993 entwickelte „Diversity-Wheel“ ermöglicht ein breites Verständnis von Diversität, dass über die allgemein bekannten und im AGG genannten Diskriminierungskategorien hinaus weitere Dimensionen berücksichtigt, die im Kontext von Organisationen und Hochschulen relevant sein und zu Benachteiligung führen können. Des Weiteren können anhand des "Diversity Wheels" Mehrfachdiskriminierungen aufgrund von gleichzeitiger Zugehörigkeit zu mehreren Vielfaltsdimensionen sichtbar gemacht werden, d.h. es beugt einer Etikettierung und Stereotypisierung, die bei vereinfachten Zuschreibungen entstehen könnten, vor.  Es differenziert in vier Ebenen:

  • Persönlichkeit: alle diejenigen Merkmale, die als persönlicher Stil oder persönliche Präferenzen einer Person bezeichnet werden können
  • Die innere Dimension beinhaltet die primären sozialen Kategorien, die im  AGG explizit genannt sind: Geschlecht, Sexuelle Orientierung, Race, Herkunft/Nationalität und Ethnizität, physische und psychische Fähigkeiten und Alter.
  • Zur äußeren Dimension zählt das Modell die Merkmale soziale Herkunft, sozioökonomische Lebensbedingungen, Religion und Weltanschauung, Migration und Migrationserfahrung, Berufserfahrung, Familienstand und -situation.
  • Darüber hinaus ist die organisationale Dimension ebenfalls wichtig. In einer universitären Struktur beinhaltet sie die Merkmale Arbeitsort, Arbeits- oder Studienfeld, Einrichtung, Managementposition, Studienstatus und verwandte Merkmale.
Diversity-Wheel der Uni Münster
© Designservice

Eine kritische Auseinandersetzung mit dem von Gardenswatz und Rowe entwickelten Modell des Diversity Wheels ist jedoch unabkömmlich. Die explizite Benennung von Identitätsmerkmalen und sozialen Kategorien und die Unterscheidung zwischen inneren und äußeren Dimensionen erzeugt auch Probleme. Eine derartige Kategorisierung kann zu einer Naturalisierung oder Essentialisierung von Unterschieden und damit (unbewusst) verknüpften Werturteilen und daraus resultierenden Diskriminierungen beitragen und damit dem Ziel der Etablierung einer diskriminierungsfreien und chancengerechten Organisationskultur entgegenstehen. Andererseits ist das Ziel der Dekonstruktion von Differenz, der Förderung von Chancengerechtigkeit und der Abbau von Diskriminierung nur über die Anerkennung von Differenz zu erreichen, wozu diese zunächst auch explizit benannt werden muss.