Selbstbewusster Teamplayer

Es ist kein Zufall, dass Martin Winter gleich zu Beginn unseres Gesprächs über die aktuelle Batterieforschung weit ausholt. Er kommt sofort auf den Italiener Alessandro Volta zu sprechen und auf die nach ihm benannte Säule aus aufeinander liegenden Zink- und Kupferscheiben, die er am 7. November 1800 dem französischen Konsul, Napoleon Bonaparte, präsentierte. Die Erfindung der ersten elektrischen Batterie durch Volta markierte in der Geschichte der Elektrizität einen entscheidenden Fortschritt und rettete nebenbei die Frösche mit ihren stromleitenden Schenkeln vor der Ausrottung durch die Wissenschaft. Als Schüler träumte Martin Winter von einer Karriere als Historiker. Es sollte anders kommen. Aber noch immer taucht er gerne in die Geschichte ein. „Fast jeder meiner Vorträge hat einen historischen Hintergrund“, betont er.
Es sind wohl genau diese ausgeprägten Kommunikationsfähigkeiten in Kombination mit seiner Fachkenntnis, die den 60-jährigen Chemiker zu einem der weltweit erfolgreichsten Professoren für Materialwissenschaften, Energie und Elektrochemie gemacht haben. Mittlerweile ist es durchaus anspruchsvoll, den Überblick über seine Ehrungen zu behalten. Zahlreiche Medaillen und „Awards“, das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, zwei Ehrenprofessuren in Taiwan: Mehr als 60 Auszeichnungen sammelte der Direktor des MEET Batterieforschungszentrums der Universität Münster und des Helmholtz-Instituts Münster in drei Jahrzehnten an. Zuletzt ernannte ihn die Europäische Akademie der Wissenschaften und Künste im Juli 2025 zu ihrem Mitglied. Nein, trotz aller Freude über jede einzelne Ehrung will Martin Winter diese Form des Lobes nicht allzu persönlich, sondern eher zweckmäßig bewerten. Die Preise, unterstreicht er, seien vor allem deshalb so wertvoll, „weil sie mir den Rücken freihalten und das Fach insgesamt stärken“.
Wobei Martin Winter, der 2008 von der TU Graz nach Münster wechselte, niemand ist, der seine Leistungen versteckt oder kleinredet. Warum auch? „Meine Stärke ist es, den großen Rahmen für wissenschaftliche Exzellenz zu organisieren“, sagt der gebürtige Osnabrücker. „Ich kann motivieren und initiieren.“ Und mit einem Augenzwinkern fügt der vierfache Familienvater hinzu: „Klappern gehört zum Geschäft – ich gestehe, dass ich durchaus für Lob empfänglich bin.“ Das ist die eine Seite seiner Persönlichkeit, die des selbstbewussten Multitalents, das gleichwohl von sich behauptet, „nicht der überragende Chemiker zu sein“.
Die andere Seite zeigt einen überzeugten Teamplayer, den im 2009 gegründeten MEET alle duzen; der sich persönlich um Doktoranden kümmert; der Wert darauflegt, „immer ansprechbar und menschlich zu bleiben“; und der beim Kaffee oder einem abendlichen Glas Wein gerne mit individuellem Rat zur Seite steht. Trotz des „enormen Erfolgsdrucks“, den Martin Winter mit Blick auf die politisch geforderte Energiewende im MEET als „Vorzeigeprojekt“ verspürt, plant er, bis zum Ruhestand mit 67 Jahren durchzuarbeiten. Obwohl es ihm viel abverlangt: Martin Winter ist weltweit als Referent und Berater im Dauereinsatz und arbeitet oft bis in die frühen Morgenstunden. Gleichwohl genießt er es, mit jungen Menschen aus aller Welt zusammenzuarbeiten, weitgehend selbstbestimmt zu agieren, eigene Ideen zu verfolgen und die Vorschläge anderer zu unterstützen sowie zielgerichtet vorzugehen. „Es ist ein großer Vorteil, dass wir nichts für die Tonne produzieren.“
Selbstverständlich braucht auch er einen Ausgleich, Zeit zum Durchatmen, Entspannung. Beispielsweise mit seiner Familie oder beim (fast) täglichen Gang um die 4,6 Kilometer lange Promenade. Zudem genießt er kulturelle Veranstaltungen und liest gerne, vorzugsweise längere Zeitungs- und Magazinartikel. Schließlich pflegt Martin Winter seit vielen Jahren ein Hobby, mit dem er auf ideale Weise kombinieren kann, was ihm neben dem Beruf am Herzen liegt: Kunst und Kultur entdecken, in die Geschichte eintauchen. Martin Winter sammelt Briefmarken. Und das im großen Stil: Satte 500 Alben hat er zusammengestellt, selbstverständlich inklusive einiger Marken mit dem Konterfei von Alessandro Volta. Wie gut dieses Hobby zu ihm als Wissenschaftler und Privatmann passt, zeigt sein Anspruch auch auf diesem Feld: „Ich lege großen Wert auf Genauigkeit und vor allem auf Vollständigkeit.“
Autor: Norbert Robers
Dieser Beitrag stammt aus der Broschüre „Zwölf Monate, zwölf Menschen“, erschienen im März 2026.
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