November 2025 | Zwölf Monate, zwölf Menschen | Porträt über Maik Kempe
November 2025 | Zwölf Monate, zwölf Menschen | Porträt über Maik Kempe

Ein Haus mit viel Platz

Das Forschungsvorhaben „Der Vatikan und die Verfolgung der Juden in Europa“ erhält im November eine langfristige Förderzusage des Akademienprogramms. In dem Projekt unter Leitung des Kirchenhistorikers Prof. Dr. Hubert Wolf ist Maik Kempe verantwortlich für die digitale Infrastruktur.
In seinem Büro im zweiten Stock des Hansahofs tüftelt Maik Kempe am Quellcode der Projektsoftware – und an seiner eigenen Dissertation zur Geschichte der Katholisch-Theologischen Fakultät.
© Nike Gais

„Softwareentwicklung ist wie Häuser zu bauen“, findet Maik Kempe. Bevor nicht wenigstens der Rohbau stehe, fange man nicht damit an, die Elektrik zu verlegen. Konzept, Entwürfe, ein Grundriss, viele Gespräche im Team und nicht zuletzt ein solides Fundament bilden für ihn den Anfang. Schon seit seinem Studium arbeitet der Historiker und Theologe am Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der katholisch-theologischen Fakultät. Als Schüler hat er seine ersten eigenen Webseiten erstellt. Immer mehr Aufgaben übernahm er aus diesem Bereich, bildete sich fort und fuchste sich als Quereinsteiger in die Softwareentwicklung ein. 

Heute ist der 34-Jährige verantwortlich für die Digital Humanities am Lehrstuhl. Unaufgeregt und besonnen geht der Absolvent des Master-Studiengangs „Christentum in Kultur und Gesellschaft“ in seinem Büro im zweiten Stock des Hansahofs die Projekte an. Aktuell stehen vor allem zwei davon im Vordergrund: die Einrichtung einer Datenbank für das Akademienprojekt „Der Vatikan und die Verfolgung der Juden in Europa“ und die Fertigstellung seiner Dissertation. Darin geht es um den Kulturpolitiker Friedrich Althoff, der auch an der Universität Münster viele akademische Weichen gestellt hat.

Maik Kempe rekonstruiert das Vorgehen des preußischen Staatsbeamten an der katholisch-theologischen Fakultät in Münster unmittelbar nach dem Kulturkampf. „Der Bischof hat bis heute ein Vetorecht bei der Berufung von Professuren“, erläutert der Doktorand. „Die Bistümer schauten früher vor allem darauf, dass Anwärter auf Professuren möglichst papsttreu waren.“ Friedrich Althoff habe für seine unbürokratische „autoritäre Berufungspolitik“ hinter den Kulissen jedoch um so manche Personalie geschachert. „Das war eine Art Kuhhandel, wie man an teilweise sogar verschlüsselten Formulierungen in der Korrespondenz sieht.“ 

1884 seien so fünf neue Professoren nach Münster gekommen, die in den Augen des preußischen Kultusministeriums politisch zuverlässig waren. Maik Kempe bearbeitet Quellen aus zwanzig Archiven, um diese Vorgänge zu beleuchten. Im Mittelpunkt des Akademienprojekts steht ein umfangreiches Konvolut aus den Vatikanischen Archiven: Rund 10.000 Bittbriefe jüdischer Menschen an den Papst aus der Zeit des Nationalsozialismus und die dazugehörige Korrespondenz werden in den nächsten 25 Jahren erfasst, transkribiert und erforscht. Die circa 17.000 Seiten sind in unterschiedlich lesbaren Handschriften und in mindestens 17 Sprachen verfasst. Hinzu kommen mehr als 55.000 Blatt umfassende Dokumente zur Entscheidungsfindung im Vatikan in zwölf Sprachen.

Das Projektteam um den Kirchenhistoriker Prof. Dr. Hubert Wolf arbeitet mit einer eigens programmierten Eingabemaske an den Texten und recherchiert alles, was es darüber hinaus noch herauszufinden gibt, etwa den Erhaltungszustand der Papiere, Informationen über die Bittsteller und ihre Schicksale und wer die Zuschriften im Vatikan wie bearbeitet hat. Neben den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern tragen studentische Hilfskräfte und Bürgerwissenschaftler die Angaben nach internationalen Standards der Digital Humanities zusammen. Für die komplexen digitalen Konserven braucht es eine Datenbank, deren Architektur über den gesamten Projektzeitraum trägt, aufbauend auf den Erfahrungen aus dem Vorgängerprojekt „Asking the Pope for Help“.

„Wer mit den fertigen Datensätzen arbeitet, kann daran vieles aus der Geschichte ablesen“, ist Maik Kempe überzeugt. „Was waren die konkreten Nöte der Menschen? Gab es größere Fluchtbewegungen aus bestimmten Regionen? Welchen Einfluss hatte die vatikanische Bürokratie?“ Die Daten werden allen Interessierten online zugänglich gemacht. Die Arbeit soll auch an die Verfolgten erinnern und ihren Nachfahren dienen.

Sowohl das Bittbriefe-Projekt als auch seine eigene Forschung erlebt der Doktorand als sinnstiftend. „Wenn die Dissertation bald vom Tisch ist, bin ich dennoch froh“, gibt er zu. Dann könne er sich wieder voll und ganz dem großen „Neubau“ widmen, der Datenbank für das Akademienprojekt. Dass in dieser genügend gut organisierter Platz zur Verfügung steht, dafür sorgt Maik Kempe als engagierter Softwarearchitekt.

Autorin: Brigitte Heeke


Dieser Beitrag stammt aus der Broschüre „Zwölf Monate, zwölf Menschen“, erschienen im März 2026.

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