Wo Mitgefühl und Kampfeslust wohnen

Rosa Herzog hat Herz. Nicht wegen ihres Nachnamens, der so viel heißt wie „Heerführer“. Nein, die Studentin hat und zeigt Herz, weil sie sich um andere kümmert und für sie einsteht. Mit nur 21 Jahren ist sie als dienstältestes studentisches Mitglied des AStA und Leiterin des Referats „Soziales und Wohnen“ eine Anführerin im Kampf für die Menschen und gegen Missstände.
Wobei ihr wichtig ist, dass nicht nur sie im Fokus steht. „Ich freue mich, dass unser Einsatz gesehen wird. Aber all jene, die mindestens genauso viel arbeiten wie ich, hätten ebenfalls die Anerkennung verdient“, erklärt Rosa Herzog. Als Ko-Organisatorin des „Erstis ohne Wo(hn) Raum“-Camps war sie im Oktober 2024 eine gefragte Gesprächspartnerin für lokale, regionale und nationale Medien. Sie alle wollten wissen, warum der AStA eine Sporthalle in einen Schlafsaal für Erstsemester verwandelt hatte. „Jeden Tag sagten wir unsere Forderungen für besseres Wohnen auf.“ Sie weiß, wie es ist, plötzlich ohne Dach über dem Kopf dazustehen. Als 13-Jährige musste sie sich mit ihren Eltern dem umkämpften Berliner Wohnungsmarkt aussetzen, nachdem der Vermieter Eigenbedarf angemeldet hatte.
Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) in Israel tauschte Rosa Herzog mit 19 Jahren die Bundeshauptstadt gegen Münster ein und hatte Glück. „Meine Freundin aus dem FSJ hatte wegen ihres Studiums an der Fachhochschule früher als die meisten ihre Zulassung bekommen und so eine WG gefunden, in der ich nach meinem Semesterstart unterkam“, blickt sie zurück. Ein weiterer glücklicher Zufall: In der Orientierungswoche freundete sie sich mit einer Kommilitonin an, die sich bald im AStA engagieren, dessen Vorsitzende werden und Rosa Herzog anwerben sollte.
Seit fast zwei Jahren steht sie für die Interessen der Studierenden ein. Warum? „Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten treiben mich an“, betont sie. „Wenn Politikerinnen und Politiker behaupten, dass junge Menschen nichts leisten würden, dann widerspreche ich: Täglich sehe ich Studierende, die 50 Stunden und mehr für Studium, Nebenjob, Pflege, Pendeln aufbringen. Es bricht mir das Herz, dass Studieren und Wohnen zum Privileg geworden sind.“ Auf die Wohnungsfrage gebe es keine einfache Antwort, weshalb sie wisse, dass die Aktion in der Turnhalle nur Symptome bekämpft. „Wir wollten und wollen unserer Verantwortung gerecht werden und Hilfe bieten. Dass sich im Großen nichts ändert, ist frustrierend“, sagt sie. Um nicht zu resignieren, denke sie gern an das Lob der Erstis, die wegen der Übernachtungsmöglichkeit die O-Woche und damit den Kontakt zu ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen nicht verpasst hätten.
Für das erste Turnhallenlager und ein Protest-Camp erhielten Rosa Herzog und ihr damaliger Kollege Till Pauly stellvertretend für das Team im Januar 2025 den Studierendenpreis des Rektorats. „Es freut uns, dass die Universität dieses Engagement ehrt. Aber die Uni und die Stadt sollten die Leute nicht nur anlocken. Sie müssen gleichzeitig dabei helfen, die Probleme zu beseitigen“, erklärt die „Politik und Recht“-Studentin mit Leidenschaft. Die kam auch beim ZDF an, das Rosa Herzog und Co. anlässlich der bevorstehenden Bundestagswahl Anfang 2025 zum „Wahlforum“ nach Berlin einlud. „Nach dem Anruf sind wir kreischend durch die WG gerannt“, erinnert sie sich. Ein Teilnehmer des Ersti-Camps durfte Bundeskanzler Olaf Scholz eine Frage vor Millionenpublikum zum Thema Wohnungsnot stellen.
Rosa Herzog macht unterdessen weiter, sie wache jeden Tag mit neuen Ideen auf. Spurlos geht das Engagement aber nicht an ihr vorbei. Wohl unbewusst sagt sie, dass sie „nebenbei studiere“. Aber es ist nicht nur die Menge. Schwierige Schicksale begegnen ihr und dem Referatsteam etwa, wenn es um den Krisenfonds oder die psychologische Beratung von Studierenden geht. Ruhig und zugleich bedrückt erzählt sie von den Grenzen ihres Ehrenamts. „Auch wenn ich die Probleme tagtäglich sehe, kann ich nicht 30 Leute in meinem Wohnzimmer schlafen lassen. Manchmal muss ich auf meine eigene psychische Gesundheit achten.“ Trotz der Herausforderungen will sie noch eine Zeit lang im AStA bleiben. „Es gibt noch Luft nach oben.“ Gleichzeitig möchte sie ihren Bachelor abschließen und danach Juristin werden, um sich auch in Zukunft gegen Ungerechtigkeiten und für ihre Mitmenschen einzusetzen.
Autor: André Bednarz
Dieser Beitrag stammt aus der Broschüre „Zwölf Monate, zwölf Menschen“, erschienen im März 2026.
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