Forschung

© Tasnim News Agency, CC BY 4.0 | Schlossmuseum, Weimar, Germany / Bridgeman Images | Andreas Kämper, Robert-Havemann-Gesellschaft

Der Exzellenzcluster „Religion und Politik. Dynamiken von Tradition und Innovation“ der Universität Münster untersucht seit 2007 das komplexe Verhältnis von Religion und Politik quer durch die Epochen und Kulturen. Die 140 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus mehr als 20 geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern und 10 Ländern befassen sich in der Förderphase von 2019 bis 2025 besonders mit „Dynamiken von Tradition und Innovation“. In epochenübergreifenden Untersuchungen von der Antike bis heute analysieren sie Bedingungen und Faktoren, die Religion zum Motor politischen und gesellschaftlichen Wandels machen. Das Augenmerk gilt vor allem dem Paradox, dass Religionen ihr Innovationspotential regelmäßig im Rückgriff auf ihre Traditionen entwickeln. Der Forschungsverbund ist der bundesweit größte dieser Art und unter den Exzellenzclustern in Deutschland einer der ältesten und der einzige zum Thema Religion. Das Fördervolumen von 2019 bis 2025 liegt bei 31 Millionen Euro.

Die Forschenden konzentrieren sich in rund 80 Forschungsprojekten auf die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam und ihre polytheistischen Vorläufer. Im Zentrum des Interesses stehen Europa und der Mittelmeerraum sowie deren Verflechtungen mit Vorderasien, Afrika, Nord- und Lateinamerika.

Der Exzellenzcluster zeichnet sich durch eine hohe Interdisziplinarität und Methodenvielfalt aus. Beteiligt sind gut 20 Fächer aus sieben Fachbereichen der WWU: Geschichts-, Rechts- und Politikwissenschaft, Religionssoziologie und Religionswissenschaft, katholische, evangelische, orthodoxe und islamische Theologie, Judaistik, Psychologie, klassische und moderne Philologie sowie Philosophie, Kunstgeschichte, Arabistik und Islamwissenschaft, Ethnologie, Altorientalistik, Archäologie, Ägyptologie und Byzantinistik. Kaum eine andere Institution der Religionsforschung im In- und Ausland umfasst ein so breites Spektrum der beteiligten Fächer, Methoden, Religionen, Epochen und Kulturen. Daraus ergibt sich eine einzigartige Verbindung von historischen und gegenwartsbezogenen Fragen, theoretischen und empirischen Perspektiven, normativen und deskriptiven Herangehensweisen sowie von bekenntnisneutraler und bekenntnisgebundener Religionsforschung. Methoden der Digital Humanities nehmen einen herausgehobenen Platz in der Forschungsarbeit des Exzellenzclusters ein.

Antworten auf drängende Gegenwartsfragen

Um den komplexen Forschungsgegenstand systematisch untersuchen zu können, ist er in drei Forschungsfelder unterteilt: transkulturelle Verflechtungen und Entflechtungen, Religiöse Vielfalt und rechtlich-politische Einheit sowie Religionskritik und Religionsapologie. Quer dazu verlaufen Theorieplattformen, in denen die Forschenden mit Theorien des Konflikts, der Emotionalität und Medialität sowie der gesellschaftlichen Ungleichheit und Differenzierung arbeiten. Hinzu kommen flexibel eingesetzte „Research Clouds“ zu übergreifenden Themen wie Theologische Glaubenslehre und gelebte Religiosität, Migration und Diaspora, Ambiguität und Entscheidung sowie Genesis und Geltung.

Ziel der Grundlagenforschung ist es nicht zuletzt, gegenüber drängenden Fragen der Gegenwart eine analytische Distanz herzustellen und Vereinfachungen zu vermeiden. Die Mitglieder des Exzellenzclusters bringen gesellschaftlich relevantes Reflexionswissen in aktuelle Debatten ein. Das Zentrum für Wissenschaftskommunikation vermittelt die Forschungen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften in themenspezifischen Transfer-Formaten an eine Vielzahl gesellschaftlicher Zielgruppen – seien es soziologische Erkenntnisse zur Migration in Europa, philosophische Überlegungen zur Biopolitik, juristische Analysen zum Religionsverfassungsrecht oder historische Untersuchungen des Verhältnisses von Religion, Gewalt und Geschlecht.

Zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses unterhält der Exzellenzcluster „Religion und Politik“ eine Graduiertenschule mit interdisziplinärem Promotionsprogramm. Die Postdoktorandinnen und Postdoktoranden sind mit eigenständigen Projekten an der interdisziplinären Forschung beteiligt.

International einzigartiger Standort der Religionsforschung

Die Westfälische Wilhelms-Universität Münster (WWU) ist durch den Exzellenzcluster „Religion und Politik“ zu einem in Größe und Vielfalt der Disziplinen, Methoden, Kulturen und Epochen national und international herausragenden Standort für interdisziplinäre Religionsforschung geworden. Ein weltweit einzigartiger „Campus der Religionen“ wird ab 2023 die evangelische, katholische, orthodoxe und islamische Theologie und Einrichtungen der bekenntnisungebundenen Religionsforschung der Universität zusammenführen und den inter- und transdisziplinären sowie interreligiösen Austausch fördern. Die Universität hat 2017 unter maßgeblicher Beteiligung des Exzellenzclusters ein Center for Digital Humanities (CDH) eingerichtet, das die in den Digital Humanities arbeitenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der WWU zusammenführt.

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ profitiert von drei epochenbezogenen Forschungs-Centren, die aus dem Verbund hervorgegangen sind: das Centrum für Religion und Moderne (CRM), das Centrum für Mittelalter- und Frühneuzeitforschung (CMF) und das Centrum für Geschichte und Kultur des östlichen Mittelmeerraums (GKM). Eine Gastprofessur zum Thema Religion und Politik, die „Hans-Blumenberg-Professur“ – benannt nach dem berühmten Münsteraner Philosophen – bringt innovative Impulse aus der internationalen Forschung nach Münster und stärkt die interdisziplinäre Anschlussfähigkeit.