Forschung

Der Exzellenzcluster „Religion und Politik“, der 2007 eingerichtet wurde, untersucht noch bis 2027 das komplexe Verhältnis von Religion und Politik quer durch die Epochen und Kulturen. Im Zentrum des Interesses der rund 150 Forschenden aus 20 geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen stehen Europa und der Mittelmeerraum sowie deren Verflechtungen mit Vorderasien, Afrika, Nord- und Lateinamerika. Der Forschungsverbund ist der bundesweit größte dieser Art und unter den Exzellenzclustern in Deutschland der einzige zum Thema Religion. Seit seiner Gründung bearbeitet der Exzellenzcluster eine Vielzahl an historischen und gegenwartsbezogenen Themen von aktueller Relevanz.
 
Der weltweit einzigartige „Campus der Theologien und Religionswissenschaft“ wird ab 2026 die evangelische, katholische, orthodoxe und islamische Theologie und Einrichtungen der bekenntnisungebundenen Religionsforschung der Universität zusammenführen und den inter- und transdisziplinären sowie interreligiösen Austausch fördern. Um die Größe und Vielfalt der interdisziplinären Forschungsaktivitäten und den internationalen Austausch abzusichern, hat die Universität mit ihrer Profile Area „Religion and Society“ nachhaltige Strukturen geschaffen. Zahlreiche Forschungseinrichtungen und Drittmittelverbünde bieten ein optimales Forschungsumfeld für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld von Religion und Politik. 

Der Exzellenzcluster zeichnet sich durch eine hohe Interdisziplinarität und Methodenvielfalt aus. Beteiligt sind gut 20 Fächer aus sieben Fachbereichen der Universität. Kaum eine andere Institution der Religionsforschung im In- und Ausland umfasst ein so breites Spektrum der beteiligten Fächer, Methoden, Religionen, Epochen und Kulturen. Daraus ergibt sich eine einzigartige Verbindung von historischen und gegenwartsbezogenen Fragen, theoretischen und empirischen Perspektiven, normativen und deskriptiven Herangehensweisen sowie von bekenntnisneutraler und bekenntnisgebundener Religionsforschung. Methoden der Digital Humanities nehmen einen herausgehobenen Platz in der Forschungsarbeit ein. Eine Gastprofessur zum Thema Religion und Politik, die „Hans-Blumenberg-Professur“ – benannt nach dem berühmten Münsteraner Philosophen – bringt innovative Impulse aus der internationalen Forschung nach Münster und stärkt die interdisziplinäre Anschlussfähigkeit.

Die Forschungsstruktur ist in drei Forschungsfelder unterteilt. Hinzu kommen Theorieplattformen und Research Clouds. Aktuelle interdisziplinäre Arbeitsgruppen greifen Impulse aus der laufenden Forschungsarbeit im Lichte neuer Fragestellungen auf, etwa zu den Themen Belonging und Non-belonging. Ziel der Grundlagenforschung ist es nicht zuletzt, gegenüber drängenden Fragen der Gegenwart eine analytische Distanz herzustellen und Vereinfachungen zu vermeiden. Die Mitglieder des Exzellenzclusters bringen gesellschaftlich relevantes Reflexionswissen in aktuelle Debatten ein. Das Zentrum für Wissenschaftskommunikation vermittelt die Forschungen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften in themenspezifischen Transfer-Formaten an eine Vielzahl gesellschaftlicher Zielgruppen.
 

  • Wissenschaftliche Fragestellung

    Dass Religion in den tiefgreifenden weltweiten Umbruchprozessen der Gegenwart eine zentrale Rolle spielt, ist offenkundig. Umso umstrittener aber ist die Frage, ob sie lediglich ein symbolisches Medium für die Austragung sozialer Konflikte ist oder gar nur als Instrument für die Verfolgung von politischen und ökonomischen Interessen benutzt wird – oder ob sie in solchen Konflikten einen eigenständigen Faktor darstellt. Angesichts dieser unübersichtlichen Situation ist es erforderlich herauszufinden, auf welche Weise Religion in gesellschaftliche Auseinandersetzungen involviert ist und welche Rolle sie darin spielt.

    Im Vordergrund der Arbeit des Exzellenzclusters steht die Frage, auf welche Weise Religion gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen stimulieren, eindämmen und modifizieren kann, worin – in Geschichte und Gegenwart und in verschiedenen Kulturen – ihre dynamische Kraft begründet liegt und welche äußeren Bedingungen ihre Mobilisierungsfähigkeit begünstigen oder einschränken. Im Unterschied zu säkularisierungstheoretischen Annahmen wird Religion so als selbstständiger Faktor des gesellschaftlichen Wandels ernstgenommen und die Aufmerksamkeit auf das aktive Potential des Religiösen in den politischen und sozialen Auseinandersetzungen in Geschichte und Gegenwart gelenkt.

    Ziel der Forschung am Exzellenzcluster ist es nicht zuletzt, gegenüber drängenden Fragen der Gegenwart eine analytische Distanz herzustellen und vereinfachende Zuschreibungen zu vermeiden. Auf diese Weise stellen die Mitglieder des Exzellenzclusters gesellschaftlich relevantes Reflexionswissen bereit. Das Zentrum für Wissenschaftskommunikation vermittelt die Forschungen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften in themenspezifisch gewählten Formaten an eine Vielzahl gesellschaftlicher Zielgruppen.

  • Interdisziplinarität

    Der Exzellenzcluster zeichnet sich durch eine hohe Interdisziplinarität und Methodenvielfalt aus. Beteiligt sind gut 20 Fächer aus sieben Fachbereichen der Universität Münster: Geschichts-, Rechts- und Politikwissenschaft, Religionssoziologie und Religionswissenschaft, katholische, evangelische, orthodoxe und islamische Theologie, Judaistik, Psychologie, klassische und moderne Philologie sowie Philosophie, Kunstgeschichte, Arabistik und Islamwissenschaft, Ethnologie, Altorientalistik, Archäologie, Ägyptologie, und Byzantinistik.

    Diese interdisziplinäre Zusammensetzung ermöglicht erstens den Austausch zwischen bekenntnisneutraler Religionsforschung und bekenntnisgebundenen Theologien und damit die Verbindung von Außen- und Innenperspektiven auf Religion, was für die Leitfrage nach dem Eigensinn des Religiösen essentiell ist.

    Zweitens ermöglicht die Bandbreite an Fächern, einen Bogen von empirischen Analysen bis zu normativen Fragen zu schlagen. Das ist wichtig, weil für die Reflexion über die normativen Grundlagen gesellschaftlicher Ordnung und den öffentlichen Platz, den Religion darin einnehmen kann oder sollte, derzeit ein erhöhter gesellschaftspolitischer Bedarf besteht.

    Drittens erleichtert die Vielzahl an Fächern im Exzellenzcluster die Verknüpfung von kulturwissenschaftlichen und hermeneutisch-interpretativen Methoden auf der einen und sozialwissenschaftlichen und explanatorischen Herangehensweisen auf der anderen Seite. Die Forschungen am Exzellenzcluster führen diese Ansätze zusammen und leisten einen Beitrag dazu, den wachsenden Graben zwischen diesen beiden Wissenschaftskulturen zu überwinden.

    Methoden und Quellen

    Aus der Vielfalt der Disziplinen am Exzellenzcluster ergibt sich ein breites Spektrum an methodischen Ansätzen: Neben hermeneutischen Methoden der historisch-kritischen Forschung stehen erklärende Ansätze der Sozialwissenschaften, neben kulturgeschichtlichen Langfristperspektiven ethnologische Fallstudien, neben makroskopischen Vergleichen transfergeschichtliche Betrachtungsweisen, neben qualitativen Ansätzen quantitative Methoden, neben deskriptiven Herangehensweisen normative Fragestellungen der Politischen Theorie, der Rechtswissenschaften, Philosophie und Theologie.

    Methoden der Digital Humanities nehmen einen herausgehobenen Platz in der Forschungsarbeit des Exzellenzclusters ein. Ebenso kommen Oral History, narrative Interviews, die teilnehmende Beobachtung, Diskursanalysen, aber auch Numismatik und archäologische Herangehensweisen sowie Text Mining und Handschrifterkennung zur Anwendung. Mit Hilfe dieser unterschiedlichen Methoden wird das reichhaltige Material der Religionsgeschichte wie normative Texte, bildliche Symbole, materielle Artefakte und rituelle Praktiken untersucht.