Dossier

Epidemien. Kulturwissenschaftliche Ansichten

Epidemien von der Antike bis zur Gegenwart: Welche Darstellung sie in Medien und Künsten aller Art fanden, beleuchten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Exzellenzclusters im neuen Dossier „Epidemien. Kulturwissenschaftliche Ansichten“. Die kurzen Text- und Bildbeiträge bieten in Corona-Zeiten unterschiedliche Zugänge aus Sicht verschiedener Fächer.

Die Kapitel tragen die Titel „‘Zeit‘, oder: Nach der Krise ist vor der Krise“ sowie „‘Raum‘, oder: Abstand und Ausbreitung" und „(Un-Sichtbarkeit.“

Zu den  Autorinnen und Autoren des Exzellenzclusters gehören Literaturwissenschaftlerin Pia Doering (Romanistik), Kunsthistorikerin Eva Krems, Kunsthistoriker Jens Niebaum, Historiker Matthias Sandberg, Ethnologin Dorothea Schulz, Literaturwissenschaftlerin Martina Wagner-Egelhaaf (Germanistik) und Historikerin Katharina Wolff.

© CC-BY-SA-4.0; Basel, Kunstmuseum (gemeinfrei); Rijksmuseum, Amsterdam; cdc; Belvedere Wien, Inv. 4048

Epidemien: Bilder, Metaphern, Allegorien

Seit schwere Infektionskrankheiten beobachtet und beschrieben werden, stellt sich das Problem ihrer Darstellung in den unterschiedlichen Medien. Da sie bzw. ihre Erreger als solche sich der sinnlichen Wahrnehmung entziehen bzw. entzogen, solange keine entsprechenden Hilfsmittel zur Verfügung standen (s. Dossier „Sichtbarkeit“), war man auf andere Strategien der Darstellung angewiesen. Eine davon ging davon aus, die Symptomatik von Infektionen zum Gegenstand zu machen, indem man etwa Menschen mit Pestbeulen darstellte oder in der Rede vom ‚Schwarzen Tod‘ eine metonymische Bezeichnung aufgrund einer klinischen Erscheinung konstruierte. Allgemeiner konnte auch das Phänomen einer dramatischen Mortalität als begriffliche Grundlage dienen („gran morìa“/„großes Sterben“).

© Eva Krems

MASKEN: Schutz oder Zumutung?

Nach anfänglicher Irritation haben wir uns mehr oder weniger an das Tragen von Mund/Nasen-Schutz in öffentlichen Räumen gewöhnt. Trotzdem scheint der ,Maskenzwang‘ ein Stein des Anstoßes geblieben zu sein, der zum Gegenstand heftiger affektiver Reaktionen, etwa bei Demonstrationen gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen, wurde. Masken sind in der Kultur in vielfacher Weise verankert. So wurden zum Beispiel im Theater des antiken Griechenland von den Schauspielern Masken getragen. Dadurch konnte die dargestellte Figur auch von weit entfernten Zuschauerrängen aus deutlich wahrgenommen werden. In vielen Kulturen spielen Masken eine zentrale Rolle in Kult und Ritual, wo sie den Menschen die Möglichkeit der zeitweisen Verwandlung geben. Masken werden im Karneval getragen, wo sie Identitäten verbergen und die spielerische Annahme einer anderen Identität ermöglichen. Und nicht zuletzt verbindet man das Maskentragen mit dem kriminellen Milieu; so trägt der klassische Bankräuber im Film eine natürlich schwarze Gesichtsmaske! Auch das Bild von Schutzmasken tragendem medizinischen Personal im OP mag eher negative Konnotationen hervorrufen, wenn man an schwere Krankheiten denkt. Und doch stehen die Schutzmasken für Hygiene, medizinische Standards und den Schutz des Patienten bzw. der Patientin.

© The Walters Art Museum (CC0 1.0); CDC/ Dr. Fred Murphy; Sylvia Whitfield; Jens Niebaum; Public Domain (CC BY-SA 4.0); Souleymane Diallo; Kunsthistorisches Museum Wien (CC BY-NC-SA 4.0)

,(UN-)SICHTBARKEIT‘ oder: Visualisierung und Wahrnehmung einer unsichtbaren Bedrohung

Es ist unsichtbar. Selbst für hochmoderne Bilderzeugungstechnik ist das 80-160 Nanometer kleine Corona-Virus eine Herausforderung. Den Drang, das Unsichtbare und seine Wirkungsweise sichtbar zu machen, ihm eine Gestalt zu geben, begleitet die Menschheit, seitdem Epidemien immer wieder den Lebensraum bedrohen. Das Unsichtbare, das man nicht riechen, nicht schmecken und nicht anfassen kann, verunsichert zutiefst. Erst dem Bakteriologen Robert Koch (1843-1910) gelang es, Krankheitserreger sichtbar zu machen. Die Bilder der Wissenschaft erzeugen Nachvollziehbarkeit, Glaubwürdigkeit; sie vermitteln den Eindruck, das Unsichtbare zu beherrschen. Die globale Verbreitung des Corona-Virus macht uns zu Konsumenten räumlicher Datenanalysen und Location-Intelligence-Tools; interaktive Karten und Charts brechen die Komplexität des Virus und seiner Folgen herunter. Und doch herrscht große Verunsicherung. Denn die Nicht-Wahrnehmbarkeit verstärkt eine Atmosphäre der sozialen Bedrohung und des Misstrauens. Kriegsmetaphern werden bemüht, um dem unsichtbaren Feind den Kampf anzusagen.

© Wikimedia Commons, Public Domain CC0 1.0, imago-images, jwwaterhouse.com, MA 8 – Wiener Stadt- und Landesarchiv; Lizenz CC BY-NC-ND 4.0, Souleymane Diallo, Bayerische Staatsbibliothek München

,RAUM‘ oder: Abstand und Ausbreitung

Am 11. März 2020 erklärte die Weltgesundheitsorganisation die Ausbreitung von Covid-19 zur Pandemie. Als Reaktion auf ein Virus, das sich über Länder- und Kontinentgrenzen ausbreitete und dabei die globale Vernetzung unserer Welt vor Augen führte, wurden Grenzen geschlossen und Einreiseverbote verhängt. Viele Städter – insbesondere in Metropolen wie Paris, London oder Mailand – ergriffen die Flucht aufs Land, weil hier wegen geringerer Bevölkerungsdichte und größerer Naturnähe das Ansteckungsrisiko geringer erschien. Auch waren die Folgen des Lockdowns – geschlossene Geschäfte, Cafés, Museen, Theater und Kinos, leergefegte Fußgängerzonen, verlassene öffentliche Plätze – in der Stadt spürbarer als auf dem Land. Seit der schrittweisen Öffnung sind 1,5 Meter die Maßeinheit, in der wir öffentliche Räume durchmessen, Markierungen am Boden und rot-weißes Absperrband erinnern uns allerorts an die Einhaltung des Abstandsgebots. Weitere Gedanken zum Verhältnis von Epidemie und Raum finden sich in den folgenden kulturwissenschaftlichen Beiträgen.

© Amsterdam, Rijksmuseum (Public Domain CC0 1.0), Martina Wagner-Egelhaaf, Oto Godfrey und Justin Morton (CC BY-SA 4.0), Ulrich Thon, Bibliothèque nationale de France, Paris, Roger Howard (CC BY-SA 2.5)

,ZEIT‘ oder: Nach der Krise ist vor der Krise

Covid-19 hat unser Verhältnis zur Zeit durcheinander gebracht. Vorher lief alles wie am Schnürchen, nur vielleicht ein bisschen zu schnell, so dass wir das Gefühl hatten, ständig hinterher rennen zu müssen. Der Lockdown hat zwar den Terminkalender entlastet, uns aber nicht unbedingt mehr Zeit geschenkt. Digitale Lehre, das Unterrichten der Kinder, das Einhalten von Schutzmaßnahmen – das alles ‚kostet’ Zeit. Die Pandemie habe die Zeit „grell verlangsamt und beschleunigt zugleich“, hat Marie Schmidt am 16. April 2020 in der Süddeutschen Zeitung geschrieben. Nichts werde so sein wie es war, sagen manche, alles wird genau gleich bleiben, nur schlimmer werden, hat uns der immer pessimistische Schriftsteller Michel Houellebecq am 10. Mai 2020 in der Allgemeinen Frankfurter Sonntagszeitung wissen lassen. Weitere Gedanken zum Verhältnis von Epidemie und Zeit finden sich in den folgenden kulturwissenschaftlichen Beiträgen.