Katharina Wolff M.A.
© Katharina Wolff
Katharina Wolff M.A.
Projekt D2-13: „Höhere Gewalt“ und öffentliches Handeln. Politik im Zeichen der Pest
Westfälische Wilhelms-Universität
Historisches Seminar/Exzellenzcluster Religion und Politik
katharina.wolff@hotmail.de
  • Zur Person

    Katharina Wolff absolvierte zunächst das Staatsexamen der Medizinisch-technischen Laboratoriumsassistentin (MTLA) am Max von Pettenkofer-Institut für Hygiene und medizinische Mikrobiologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Nach kurzer Berufstätigkeit nahm sie ein Studium der Geschichtswissenschaften an der LMU München auf und schloss es mit dem Magister Artium ab.

    Von 2014 bis 2018 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Exzellenzcluster Religion & Politik der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster im Projekt „‚Höhere Gewalt‘ und öffentliche Ordnung. Politik im Zeichen der Pest.“ Hier forschte sie über historische Krankheitskonzepte und deren Umsetzung im individuellen und kollektiven Lebensbereich. Neben der Untersuchung des Umgangs mit und der Auswirkungen von Seuchenkatastrophen in der Vormoderne richtet sich ihr Blick stets auch auf die Gegenwart, z. B. die EHEC-Epidemie oder die Ebola-Katastrophe von 2014 bis 2016. Des Weiteren zählt die Beschäftigung mit Seuchen und Epidemien in der modernen Populärkultur zu ihren Forschungsinteressen.

    Ihre bei Prof. Dr. Jan Keupp entstandene Dissertation mit dem Titel „Die Theorie der Seuche. Krankheitskonzepte und Pestbewältigung im Mittelalter“ wird voraussichtlich 2020 erscheinen.

  • Forschung

    Seuche ist etwas, das man tut

    Infektionskrankheiten sind Ereignisse des Aufeinandertreffens zweier schlecht aneinander angepasster Spezies. Je nach Grad der Inkompatibilität entsteht im Menschen eine schwere Erkrankung. Damit sich aus einem einzelnen oder wenigen Infektionsfällen eine Epidemie entwickelt, bedarf es menschlichen Zutuns, das in den meisten Fällen auf Sozialverhalten basiert: Ein Jäger im Busch kehrt in sein Dorf zurück und trifft Familie und Freunde, ein Reisender kehrt heim und sucht seinen Arbeitsplatz auf, ein Kind spielt im Wald und geht anschließend nach Hause. Was sie nach diesem Tun in sich tragen, kann nur bedingt durch ihr Verhalten im sozialen Verband zur Epidemie geraten. Die gesellschaftlichen Rollen dieser beispielhaften Protagonisten stellen die soziokulturelle Grundlage des menschlichen Anteils in der Begegnung von Mensch und Mikrobe dar.
    Epidemien sind in diesem Sinne Infektionskrankheiten mit einer Gelegenheit zur Verbreitung, wobei die „Intention“ eines Mikroorganismus nicht der Schaden am Wirtsorganismus, sondern schlichtweg das eigene Überleben ist. Für die Mikroorganismen sind Mutationen Teil der Mechanismen des Überlebens und der Fortentwicklung. In der feindlichen Umgebung der Wirtsorganismen entwickeln sie diese Pathogenitätsmechanismen, um sich zur Wehr zu setzen. Das menschliche Immunsystem ist auf eine Vielzahl von Angriffsstrategien vorbereitet; gelegentlich jedoch begegnet der Mensch einer Spezies, mit der sein Immunsystem nicht so leicht fertig wird. An dieser Stelle erhält das vom Menschen bewusst gewählte Verhalten eine besondere Bedeutung, denn es kann als zusätzliche und hochwirksame Strategie der Prophylaxe dienen. Epidemien werden damit zu etwas, das man frühzeitig erkennen und mit entsprechend modifiziertem Verhalten auch stoppen oder zumindest deutlich verlangsamen kann.
    „Seuche ist etwas, das man tut“ klingt wie ein Vorwurf an betroffene Gesellschaften. Es ist jedoch im Gegenteil eine Ermächtigung: Seuche ist etwas, das man auch lassen oder beschränken kann. In der aktuellen Coronapandemie könnte man den Appell an die Bevölkerung „Bleiben Sie zuhause!“ in die Parole umformulieren: „Stell Dir vor, es ist Seuche, und keiner geht hin“. Was vielleicht etwas leichtfertig anmutet, beinhaltet die hochbrisante Erkenntnis, die jede*r Einzelne sich vergegenwärtigen sollte: Ohne menschliches Zutun hat eine Infektionskrankheit keine Chance, zur Epidemie zu werden, so wie es ohne Erreger keine Erkrankung geben kann. Nur wenn man das Aufeinandertreffen der beiden Parteien aussetzt, ist die Pandemie zu bremsen. Damit kann jede*r durch Unterlassen einen Beitrag zur Beschränkung der Ausbreitung des Virus und zum Schutz seiner Mitmenschen leisten.

    Die Klorolle als Eckpfeiler der Zivilisation

    Seuchenkatastrophen wirken wie Prismen, in denen sich eine Gesellschaft bricht. Epidemien als Extremsituationen sind Momente der Offenbarung und Offenlegung: Das ganze Spektrum an Werten, Selbstverortungen und Ängsten einer Gesellschaft tritt in ihnen zutage. Die Menschen des Mittelalters erwiesen sich in ihrem Tun und Schreiben als gottesfürchtig und pflichtbewusst in ihrer Aufgabe, trotz Ansteckungsgefahr füreinander da zu sein. Sie zeigten dabei eine große Bereitschaft, vielfältigen Direktiven unterschiedlicher Instanzen zu folgen. In der deutschen Gesellschaft des Jahres 2020 zeigt sich angesichts der von den Landesregierungen ergriffenen Schutzmaßahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Covid-19 Virus, wie hoch der Wert der individuellen Freiheit ist, wie groß die Sorge um die Demokratie, wie bedeutsam qualitätvolle Informationen in einer Zeit des Überangebots und der Überforderung sowie von Fake-News sind und wie sorgenvoll auf Nahrungsmittelversorgung und die Aufrechterhaltung persönlicher Hygienestandards geblickt wird. An den Handlungen einer Gesellschaft in einer für sie neuen, herausfordernden Situation offenbaren sich einige sonst verborgene Verortungen: Welche Mindestmaßnahmen braucht eine Gesellschaft, um noch ein Gefühl von Ordnung, Normalität und Sicherheit beizubehalten? In diesem Sinne gerät die Klorolle zum Eckpfeiler der Zivilisation. Bei allen Unterschieden der Epochen und auch nach dem großen Paradigmenwechsel durch die Entstehung moderner Wissenschaften wie der Mikrobiologie bleiben grundlegende Bedürfnisse im Angesicht einer Epidemie konstant: Zu verstehen, was passiert, um entsprechende Strategien der Prophylaxe und Therapie zur Bekämpfung der Pandemie zu entwickeln.

    Seuchen als Katalysatoren der Differenzierung

    In den ersten 150 bis 200 Jahren wiederkehrender Pestwellen zeichneten sich in den Maßnahmen der Städte, die sich als zuständige Instanzen für diese Herausforderungen verstanden, erste Veränderungen ab. Ohne eine inhaltliche Änderung der Theorien, die zugrunde lagen, vollzog sich der merkliche Strategiewechsel von der Krisenintervention zur Seuchenprävention. Mit der Verschriftlichung der getroffenen Anordnungen entstanden im späten 15. und beginnenden 16. Jahrhundert erste Seuchenschutzgesetze, die sogenannten Pestordnungen. Die Anordnungen der Obrigkeiten lagen in der Folge griffbereit und auf Erfahrungen basierend für den nächsten Ernstfall vor und entlasteten das Individuum in gewissen Entscheidungssituationen des Pestalltags: Es oblag nicht mehr dem Einzelnen, zu entscheiden, was zu tun war, denn das Vorgehen wurde nun von den Obrigkeiten koordiniert und reglementiert. Die Pestordnungen stellen frühe Zeugnisse medizinischer Expertise in der Politikberatung dar. Pestspitäler und Fachkräfte markierten Entwicklungen der Verstetigung und Professionalisierung im Gesundheitsbereich. Somit wirken Seuchen wie Katalysatoren auf die Differenzierung eines Gemeinwesens: Sie stoßen Veränderungen an, tragen sie – und gehen selbst unverändert aus der Situation hervor. Das derzeit gültige Infektionsschutzgesetz steht in der Tradition dieser frühen Verschriftlichungen gesundheitspolitischer Strategien im Ernstfall. Es versammelt die Erfahrungen aus dem Umgang mit Seuchenkatastrophen wie der Pest, der Syphilis, der Cholera oder der Spanischen Grippe. Jede Situation, jede Epoche und Gesellschaft birgt dennoch neue Herausforderungen. Gesundheitswesen und -gesetzgebungen bedürfen darum seit jeher der Anpassung an die aktuellen Gegebenheiten.

  • Publikationen und Medienpräsenz

    Druckwerke:

    Katharina Wolff, Die Theorie der Seuche. Krankheitskonzepte Pestbewältigung im Mittelalter (Dissertationsschrift), 2019 [Publikation in Vorbereitung].

    Katharina Wolff, Krankheit, Konzept und Kollektiv. Städtische Pestbewältigung und die Suche nach ihren Wurzeln, in: Pest! Katalog zur Ausstellung im LWL Museum für Archäologie, Herne, Darmstadt 2019, S. 230-241. 

    Medienpräsenz:

    Katharina Wolff, Zombie Nation. 21st century and its not so hidden fear of epidemics, 2019, online im Blogspot des Center for Global Health der TU München:
    http://globalhealthmunich.org/zombie-nation-21st-century-and-its-not-so-hidden-fears-of-epidemics/

    Deutschlandfunk Kultur „Kulturfragen“ mit Anja Reinhardt und Katharina Wolff vom 15. März 2020:
    https://www.deutschlandfunk.de/corona-und-die-folgen-seuche-ist-etwas-das-man-tut-jeder.911.de.html?dram:article_id=472466

    SWR2 „Forum“ mit Michael Köhler, Ulrike Draesner Christoph Möllers und Katharina Wolff vom 19. März 2020:
    https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/wie-veraendert-das-corona-virus-die-solidargemeinschaft-100.html

    Deutschlandfunk Kultur „Wortwechsel“ mit Hansjörg Dilger, Heribert Prantl und Katharina Wolff vom 20. März 2020:
    https://www.deutschlandfunkkultur.de/corona-krise-wie-veraendert-die-pandemie-unsere-gesellschaft.1083.de.html?dram:article_id=472995

    Philipp Holstein, Wie im Film, Rheinische Post vom 21. März 2020. (mit freundlicher Genehmigung des Verfassers)

    WDR3 Mosaik mit Michael Struck-Schloen: Samstagsgespräch mit der Seuchenforscherin Katharina Wolff:https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-gespraech-am-samstag/audio-samstagsgespraech-mit-der-seuchenforscherin-katharina-wolff-100.html