(Un-)Sichtbarkeit. Oder: Visualisierung und Wahrnehmung einer unsichtbaren Bedrohung

Dossier "Epidemien. Kulturwissenschaftliche Ansichten"

© The Walters Art Museum (CC0 1.0); CDC/ Dr. Fred Murphy; Sylvia Whitfield; Jens Niebaum; Public Domain (CC BY-SA 4.0); Souleymane Diallo; Kunsthistorisches Museum Wien (CC BY-NC-SA 4.0)

Es ist unsichtbar. Selbst für hochmoderne Bilderzeugungstechnik ist das 80-160 Nanometer kleine Corona-Virus eine Herausforderung. Den Drang, das Unsichtbare und seine Wirkungsweise sichtbar zu machen, ihm eine Gestalt zu geben, begleitet die Menschheit, seitdem Epidemien immer wieder den Lebensraum bedrohen. Das Unsichtbare, das man nicht riechen, nicht schmecken und nicht anfassen kann, verunsichert zutiefst. Erst dem Bakteriologen Robert Koch (1843-1910) gelang es, Krankheitserreger sichtbar zu machen. Die Bilder der Wissenschaft erzeugen Nachvollziehbarkeit, Glaubwürdigkeit; sie vermitteln den Eindruck, das Unsichtbare zu beherrschen. Die globale Verbreitung des Corona-Virus macht uns zu Konsumenten räumlicher Datenanalysen und Location-Intelligence-Tools; interaktive Karten und Charts brechen die Komplexität des Virus und seiner Folgen herunter. Und doch herrscht große Verunsicherung. Denn die Nicht-Wahrnehmbarkeit verstärkt eine Atmosphäre der sozialen Bedrohung und des Misstrauens. Kriegsmetaphern werden bemüht, um dem unsichtbaren Feind den Kampf anzusagen.

Die „Kulturwissenschaftlichen Ansichten“ widmen sich in diesem Kapitel der Frage, wie das unsichtbare Virus, die Unsichtbarkeit von Epidemien über die Jahrhunderte sichtbar, greifbar, erfahrbar und lesbar gemacht wird, wie die Wahrnehmung der unsichtbaren Bedrohung Gesellschaften beeinflusst.

© CDC/ Dr. Fred Murphy; Sylvia Whitfield

Winzige Wesen. Von Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf (Germanistik)

Niemand von uns, die wir nicht in einem virologischen Institut beschäftigt sind, hat je ein Corona-Virus gesehen. Dennoch ist es seit Beginn der Pandemie als Bildmodell sichtbar, in Form einer unterschiedlich eingefärbten, irgendwie unsympathisch wirkenden stacheligen Kugel, die in allen Medien begegnete. Indessen hat man den Eindruck, dass die mediale Präsenz des kugelförmigen Wesens etwas zurückgegangen und flächigeren, gleichwohl lebendiger wirkenden Darstellungen gewichen ist, seit wir gelernt haben, mit Corona zu leben. Weiterlesen

© Kunsthistorisches Museum Wien (CC BY-NC-SA 4.0)

Imagination und Affekt angesichts der (un-)sichtbaren Bedrohung. Von Kunsthistorikerin Prof. Dr. Eva-Bettina Krems

Seit der Renaissance formulierten Ärzte, Philosophen, Literaten und Geistliche in ganz Europa vielerlei Theorien über Krankheiten, insbesondere die Pest. Die meisten dieser Theorien gingen davon aus, dass Krankheiten sehr eng mit imaginierten Bildern und starken Gefühlsregungen, den klassischen Affekten, verbunden seien. Ein wichtiger Impuls ging von dem deutschen Arzt Daniel Sennert (1572–1637) aus, der zahlreiche Fälle vor allem in Wittenberg dokumentierte, in denen die Ansteckung mit der Pest nicht durch körperlichen Kontakt mit einer infizierten Person verursacht wurde, sondern durch das Erschrecken vor mit der Krankheit verknüpften Handlungen, die aus sicherer Distanz wahrgenommen werden. Weiterlesen

© Souleymane Diallo

Covid-19 in Mali: Die unmerkliche Bedrohung. Von Ethnologin Prof. Dr. Dorothea Schulz

Wie auch in anderen afrikanischen Ländern hat sich in Mali in den vergangenen Monaten eine brodelnde Gerüchteküche rund um Covid-19 entwickelt. In Alltagsgesprächen erörtern Freundinnen, Nachbarn und Familienangehörige Übertragungswege und Ansteckungsgefahr von „corona“, ergehen sich in Mutmaßungen zu seiner Herkunft aus der Fremde und zu den Ursachen seiner massiven Verbreitung in Industrieländern, oder stellen sogar die Existenz des Virus und seine Verbreitung in Mali grundsätzlich in Frage. So hält sich beispielsweise seit Wochen hartnäckig das Gerücht in der Hauptstadt Bamako und anderen Städten Malis, dass Covid-19 zwar existiere, aber seine Existenz in Mali nicht erwiesen, sondern eine von der Regierung lancierte Falschmeldung sei, die darauf ziele, Hilfsgelder von internationalen Organisationen zum Zwecke privater Bereicherung zu mobilisieren. Weiterlesen

© Public Domain (CC0 1.0)

Die literarische Visualisierung des Unsichtbaren und Verborgenen in Boccaccios Pestdarstellung. Von Literaturwissenschaftlerin PD Dr. Pia Claudia Doering (Romanistik)

Epidemien konfrontieren Menschen mit vielfältigen Phänomenen der Unsichtbarkeit: Das Virus selbst ist für das menschliche Auge nicht sichtbar, ebenso wenig können wir Verbreitungswege und -mechanismen unmittelbar erkennen. Daher muss die Bedrohung, die von einer Epidemie ausgeht, vermittelt werden: durch Zahlen und Statistiken, durch Graphiken und durch Bilder, wie die von überfüllten Krankenstationen oder von Militärfahrzeugen, die Massen von Särgen abtransportieren. Weiterlesen

© Jens Niebaum

Sichtbarkeit des Unsichtbaren: ein Heiliger bittet im Himmel für die Opfer der Pest auf der Erde. Von Kunsthistoriker Dr. Jens Niebaum

1656 wurde Neapel von einer besonders schweren Pestepidemie heimgesucht, der binnen vier Monaten knapp die Hälfte der Einwohner zum Opfer fielen. Viele der Toten wurden außerhalb der Mauern in eilig angelegten Massengräbern bestattet, darunter der Grotta degli Sportiglioni, wo einem Chronisten zufolge nicht weniger als 60.000 Menschen beerdigt wurden. An diesem Ort des Schreckens ließen mehrere Bürger und Zünfte sowie der Vizekönig von Neapel zwischen 1657 und 1662 eine der Madonna del Pianto (Hl. Maria des Weinens) geweihte Kirche errichten, in der Seelenmessen für die oftmals ohne Sterbesakramente Begrabenen gelesen werden sollten. Weiterlesen

© The Walters Art Museum (CC0 1.0)

pandemic visibility – Pandemien und die Sichtbarwerdung des Unsichtbaren. Von Historiker Matthias Sandberg

Der Infektionsforschung des ausgehenden 19. Jahrhunderts gelang es, das Unsichtbare erstmals sichtbar zu machen: Die mikroskopische Untersuchung und mikrofotographische Darstellung von Bakterien und Viren verliehen der unsichtbaren Bedrohung eine konkrete Gestalt. Auch heute ist die mehr oder minder exakte Darstellung des SARS-CoV-2-Erregers in der Berichterstattung allgegenwärtig: Seine namensgebende runde Form mit den typischen Zacken ist weltweit zum Symbol der Corona-Pandemie geworden. Weiterlesen

© Public Domain (CC BY-SA 4.0)

Miasmen, Teilchen, Zunder, Pestwürmern und „levende diertjens“. Über den Weg der Mikroben aus ihrer Unsichtbarkeit für den Menschen. Von Historikerin Katharina Wolff

Eingangs ein beliebter epistemiologischer Witz: Wenn im Wald ein Baum umfällt, und keiner sieht es – fällt der Baum dann überhaupt um? Aus seiner Eigenschaft als Wesen, das in der Wahrnehmung seiner Umwelt auf Sinneseindrücke angewiesen ist, erwächst dem Menschen auch und besonders in Krisenzeiten ein Bedürfnis, das Geschehen sinnlich wahrzunehmen. Infektionskrankheiten entziehen sich in besonderem Maße diesem Bedürfnis: Die Frage, was die unheimliche Entität tut, die da zu wirken scheint, wird anhand der Symptome Erkrankter ersichtlich, die Frage nach dem Wesen dieser Entität dagegen nicht. Weiterlesen