,RAUM’ oder: Abstand und Ausbreitung

Dossier "Epidemien. Kulturwissenschaftliche Ansichten"

© Wikimedia Commons, Public Domain CC0 1.0, imago-images, jwwaterhouse.com, MA 8 – Wiener Stadt- und Landesarchiv; Lizenz CC BY-NC-ND 4.0, Souleymane Diallo, Bayerische Staatsbibliothek München

Am 11. März 2020 erklärte die Weltgesundheitsorganisation die Ausbreitung von Covid-19 zur Pandemie. Als Reaktion auf ein Virus, das sich über Länder- und Kontinentgrenzen ausbreitete und dabei die globale Vernetzung unserer Welt vor Augen führte, wurden Grenzen geschlossen und Einreiseverbote verhängt. Viele Städter – insbesondere in Metropolen wie Paris, London oder Mailand – ergriffen die Flucht aufs Land, weil hier wegen geringerer Bevölkerungsdichte und größerer Naturnähe das Ansteckungsrisiko geringer erschien. Auch waren die Folgen des Lockdowns – geschlossene Geschäfte, Cafés, Museen, Theater und Kinos, leergefegte Fußgängerzonen, verlassene öffentliche Plätze – in der Stadt spürbarer als auf dem Land. Seit der schrittweisen Öffnung sind 1,5 Meter die Maßeinheit, in der wir öffentliche Räume durchmessen, Markierungen am Boden und rot-weißes Absperrband erinnern uns allerorts an die Einhaltung des Abstandsgebots. Weitere Gedanken zum Verhältnis von Epidemie und Raum finden sich in den folgenden kulturwissenschaftlichen Beiträgen.

© Souleymane Diallo

Sozialer Raum als bedrohte Sphäre. Von Ethnologin Prof. Dr. Dorothea Schulz

Ähnlich der Bandbreite von Restriktionsmaßnahmen, die verschiedene europäische Regierungen in den vergangenen Monaten zur Prävention oder Eindämmung der Verbreitung von COVID 19 getroffen haben, gab es auch auf dem afrikanischen Kontinent erhebliche Unterschiede in Bezug auf die Art von Maßnahmen, auf die Zielgerichtetheit, mit der Regierungen damit in bestimmte Bereiche des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens eingriffen, und auch in Hinblick darauf, wie strikt die Einhaltung der Maßnahmen sanktioniert wurde. Weiterlesen

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Pandora und Pandemien. Von Historiker Matthias Sandberg

Die ‚Pandora‘ von John William Waterhouse zeigt einen zentralen Moment der griechischen Mythologie: Der listenreiche Zeus sann – wegen Prometheus‘ frevelhaftem Raub des Feuers immer noch zürnend – auf Rache: Zusammen mit dem tückischen Gebot es verschlossen zu halten, überließ der Göttervater den Menschen ein Gefäß voll von Übeln – der Plan ging auf: Die Neugier der Pandora wog schwerer als die Mahnung des Olympiers: Bereits unmittelbar nach der Hochzeit mit Prometheus‘ Bruder, Epimetheus, öffnet Pandora die Kiste – Unglück, Elend, Leid und Krankheit kamen in die Welt. Weiterlesen

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Unde malum? Die Topographie der Seuche. Von Historikerin Katharina Wolff

Seitdem Mensch und Seuche aufeinandertreffen und dies irgendeinen Niederschlag in Kunst oder Historiographie findet, seitdem wird die Frage gestellt: Woher? Bereits der als Vater der Geschichtsschreibung geltende Athener Stratege Thukydides berichtete von der sogenannten „Attischen Seuche“ oder „Pest des Thukydides“. Diese Epidemie brach im Frühsommer des Jahres 430 v. Chr. in Athen aus und befiel auch Thukydides selbst. Wie viele andere Historiographen nach ihm stellte er Überlegungen zu Herkunft und Natur der Krankheit an, beschrieb ihre Symptome und die Reaktionen der Menschen auf die Katastrophe.
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Raus aufs Land! Stadtflucht als Krisenphänomen. Von Literaturwissenschaftlerin PD Dr. Pia Claudia Doering

Die Corona-Krise erscheint in erster Linie als eine Krise der Stadt: Bilder aus der Elf-Millionen-Metropole Wuhan, später dann aus Mailand und New York brannten sich ins Gedächtnis ein. Viele Städter ergriffen die Flucht und zogen aufs Land. In Paris wurden Polizeisperren errichtet, um die Bewohner am Verlassen der Stadt zu hindern. Und auch in Deutschland, wo Wochenendhäuser auf dem Land weniger verbreitet sind als in Frankreich, haben Bundesländer wie Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern Zweitwohnungsbesitzern die Anreise zeitweilig verboten.Weiterlesen

© MA 8 – Wiener Stadt- und Landesarchiv; Lizenz CC BY-NC-ND 4.0

Pest und urbane Räume: Wien 1679 (und 1713). Von Kunsthistoriker Dr. Jens Niebaum

Die medizinische, administrative, religiöse und kulturelle Bewältigung der großen Pestepidemien in der Frühen Neuzeit war stadträumlichen Strukturen vielfach eingeschrieben, die sie ihrerseits prägte und neu konstituierte. Ein besonders gutes Beispiel ist die kaiserliche Residenzstadt Wien, die 1679 von einer besonders schweren Pest heimgesucht wurde. „Deß Todes Grimmen“ in der habsburgischen Metropole hat der berühmte Prediger Abraham a Sancta Clara in seinem Werk Mercks Wienn von 1680 eindringlich beschrieben. Weiterlesen

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Die Leere als neuer Raum der Vergemeinschaftung und Vergegenwärtigung: Urbi et Orbi am 27. März 2020. Von Kunsthistorikerin Prof. Dr. Eva-Bettina Krems

Die Bilder der in Corona-Zeiten menschenleeren städtischen Räume werden unsere Erinnerungen an diese Krise prägen. Die durch den Shutdown bedingte Verlassenheit von sonst stark belebten Orten nahezu weltweit ließ plötzlich Dinge entdecken, die zu Zeiten vor der Pandemie unsichtbar waren: Majestätische Quallen in den nun kristallklaren Kanälen Venedigs, den monumentalen marmornen Fußboden im Petersdom in Rom, in dessen fünf Schiffen bis zu 60.000 Gläubige Platz finden, oder die kreisrunde Pflasterung um die Kaaba in Mekka, die im Innenhof der Al-Haram-Moschee in diesem Jahr die das Heiligtum umkreisenden Menschenmassen nur erahnen ließ: Es können sich dort bis zu 820.000 Menschen versammeln. Weiterlesen

© Verlag S. Fischer/Martina Wagner-Egelhaaf

„Verstärkte Neigung zur Ausbreitung“. Thomas Manns Der Tod in Venedig (1912). Von Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf

Gleich zu Beginn der berühmten Novelle von Thomas Mann unternimmt der Protagonist, der Schriftsteller Gustav von Aschenbach, „von seiner Wohnung in der Prinz-Regentenstraße zu München aus allein einen weiteren Spaziergang“ (Thomas Mann, Der Tod in Venedig. Novelle, Frankfurt a. M. 152002, 9), der ihn durch den Englischen Garten und dann hinaus in „die offene Flur“ führt und ihn „am Nördlichen Friedhof die Tram“ nehmen lässt, „die ihn in gerader Linie zur Stadt zurückbringen sollte“ (10). Der Schriftsteller befindet sich in einer Alters- und Schaffenskrise, die ihn „das Freie“ (9) suchen lässt.
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