Pest und urbane Räume: Wien 1679 (und 1713)

Von Kunsthistoriker Dr. Jens Niebaum

Werner Arnold von Steinhausen: Stadtplan von Wien (1710), Reproduktion von Gustav Adolph Schimmer (1847)
© MA 8 – Wiener Stadt- und Landesarchiv; Lizenz CC BY-NC-ND 4.0

Die medizinische, administrative, religiöse und kulturelle Bewältigung der großen Pestepidemien in der Frühen Neuzeit war stadträumlichen Strukturen vielfach eingeschrieben, die sie ihrerseits prägte und neu konstituierte. Ein besonders gutes Beispiel ist die kaiserliche Residenzstadt Wien, die 1679 von einer besonders schweren Pest heimgesucht wurde. „Deß Todes Grimmen“ in der habsburgischen Metropole hat der berühmte Prediger Abraham a Sancta Clara in seinem Werk Mercks Wienn von 1680 eindringlich beschrieben: „In der Herren-Gassen hat der Todt geherrscht. […] In der Singer-Strassen hat der Todt vielen das Requiem gesungen. […] Auff dem Graben that der Todt nichts als eingraben. Auff der Freyung waren wenig befreyt vor dem Todt. […] Summa, es ist keine Gassen noch Strassen […] sowohl in Wienn, als in dero grossen weiten Vorstätten, welche der rasende Todt nicht hätte durchstrichen.“ Als wären die Wiener Straßen danach benannt, wie der Tod in ihnen wirkte, wird die Stadt, Raum gesicherten, pulsierenden Lebens, in einen Raum des Sterbens umgedeutet, dem auch die Herren in der Herren-Gasse nicht entrinnen können.

Wien war durch eine gewaltige Bastion und das um diese herum gelegene freies Schußfeld des Glacis scharf in zwei konzentrische Raumzonen geteilt: die Innere Stadt sowie einen Ring unbefestigter Vorstädte. Die Maßnahmen, die 1679 zunächst recht zögerlich ergriffen wurden, zielten, nachdem sich die Epidemie zunächst in den überbelegten Elendsbehausungen und Studentenbursen der Vorstädte ausgebreitet hatte, vor allem auf den Schutz der Inneren Stadt mit Stephansdom, Hofburg, Palästen und Klöstern. Was immer als potentiell gefährlich galt, versuchte man, aus dem Stadtraum zu entfernen bzw. fernzuhalten: Waren aus infizierten Gegenden, Nutz- und Straßentiere, die als mögliche Überträger galten, ebenso wie Bettler, die man seit je im Verdacht hatte, die Ausbreitung der Pest zu begünstigen. Nicht anders als heute wurde auf räumliche Abschottung durch Forcierung bestehender Grenzen gesetzt, und nicht anders als heute hatte diese Maßnahme letztlich nur aufschiebenden Charakter. Das Lazarett, in das jeder Erkrankte überstellt werden mußte (und das die wenigsten lebend verließen), lag selbstredend weit außerhalb im heutigen neunten Wiener Gemeindebezirk, und selbst vornehme Pesttote durften nicht in den Erbbegräbnissen der Kirchen oder auf den innerstädtischen Friedhöfen bestattet, sondern mußten auf schnellstem Weg aus der Stadt geschafft und auf dem nächsten Gottesacker begraben werden. Vor den Mauern lagen auch die riesigen Pestgruben, in denen die Toten, auf großen Leichenkarren herbeigeschafft, anonym begraben wurden.

Wiener Pestsäule
© Jens Niebaum

Zu Gedächtnisorten wurden solche Hotspots, wenn überhaupt, erst sehr viel später. Die Zeitgenossen verankerten die Erinnerung an das Geschehen vielmehr durch ein Triumphmonument des Kaisers im innerstädtischen Raum. Nachdem er sich mit großem Gefolge nach Prag geflüchtet hatte, gelobte Leopold I. auf Drängen der Niederösterreichischen Regierung die Errichtung eines Denkmals zu Ehren der Allerheiligsten Dreifaltigkeit auf dem Graben sowie die Abhaltung jährlicher Gedächtnismessen. Bis 1692 entstand in einer komplizierten, von zahlreichen Brüchen geprägten Planungs- und Baugeschichte eine Ehrensäule den knienden Kaiser als frommen Fürbitter seiner Länder, die ihn im Medium ihrer Wappen umgeben, unterhalb der Trinität inszeniert und als Lohn seiner Frömmigkeit den Sieg des Glaubens über die Pest am Sockel in einer allegorischen Figurengruppe zur Darstellung bringt. Es ist ein Monument nicht der vielen Toten, sondern des segensreichen Wirkens des frommen Kaisers für seine Untertanen, errichtet mitten im Zentrum Wiens, auf der wichtigsten Prozessionsroute zwischen kaiserlicher Hofburg und Stephansdom.

Als Wien nur wenige Jahrzehnte später, im Jahre 1713, erneut von der Pest heimgesucht wurde, zog Kaiser Karl VI., jüngerer Sohn und zweiter Nachfolger Leopolds, auf dieser Route zur Kathedrale und gelobte den Bau einer Votivkirche zu Ehren des hl. Karl Borromäus, der nicht nur sein Namenspatron, sondern auch einer der wichtigsten Pestheiligen war. Die berühmte Karlskirche Fischer von Erlachs entstand außerhalb der Mauern, von diesen durch das Glacis, einen zu Verteidigungszwecken unbebaut gelassenen Terrainstreifen getrennt. Vis-à-vis eines der wichtigsten, u.a. für festliche Einzüge genutzten Tore, blickte sie wie ein Wächter auf die gegenüberliegende, gleichsam ihrem Schutz anbefohlene Stadt. Diese erscheint im Giebelrelief hinter Darstellungen des Sterbens und Begrabens, während die Fürbitte des hl. Karl auf der Spitze die Pest erlöschen läßt. Der Kaiser selbst erscheint nicht im Bild, aber umso monumentaler in der symbolischen Figur der beiden rahmenden Riesensäulen, die in seiner Devise „Festigkeit“ und „Stärke“ versinnbildlichten und den Weg der Menschen zum Gebet in die Kirche säumen. Vor der Kirche lag ursprünglich die Brache des Glacis, später entstand hier mit dem Karlsplatz eines der jüngeren urbanen Zentren Wiens. Auch wenn es heute den wenigsten bewußt sein dürfte, haben sich auch hier die Pest und ihre Folgen nachdrücklich in die Struktur der Stadt eingeschrieben.

Fassade der Karlskirche in Wien
© Jens Niebaum