„Verstärkte Neigung zur Ausbreitung“. Thomas Manns Der Tod in Venedig (1912)

Von Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf (Germanistik)

Thomas Manns "Der Tod in Venedig" (1912)
© Verlag S. Fischer/Martina Wagner-Egelhaaf

Gleich zu Beginn der berühmten Novelle von Thomas Mann unternimmt der Protagonist, der Schriftsteller Gustav von Aschenbach, „von seiner Wohnung in der Prinz-Regentenstraße zu München aus allein einen weiteren Spaziergang“ (Thomas Mann, Der Tod in Venedig. Novelle, Frankfurt a. M. 152002, 9), der ihn durch den Englischen Garten und dann hinaus in „die offene Flur“ führt und ihn „am Nördlichen Friedhof die Tram“ nehmen lässt, „die ihn in gerader Linie zur Stadt zurückbringen sollte“ (10). Der Schriftsteller befindet sich in einer Alters- und Schaffenskrise, die ihn „das Freie“ (9) suchen lässt. Er reist nach Venedig, nachdem er zunächst mit seinem ersten Reiseziel Pola, dem heutigen Pula an der slowenischen Adriaküste, „fehlgegangen“ (32) war. In Venedig infiziert er sich – zunächst allerdings nicht mit der Cholera, sondern mit der Liebe zu einem vierzehnjährigen Knaben, Tadzio, der mit seiner Familie im gleichen Venezianer Hotel weilt. Da es sich um eine verbotene Liebe handelt, heißt es Abstand halten. Der Abstand jedoch schärft die Wahrnehmung, das Verlangen und den Leidensdruck. Die Räume, in denen sich das imaginäre Liebesspiel der Blicke abspielt, sind das Hotel und der Strand, konventionalisierter, umgrenzter Raum und sich öffnender Sehnsuchtsraum. In dieser für den Protagonisten prekären Situation, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint, lässt der Erzähler die Cholera ausbrechen:

Seit mehreren Jahren schon hatte die indische Cholera eine verstärkte Neigung zur Ausbreitung und Wanderung an den Tag gelegt. Erzeugt aus den warmen Morästen des Ganges-Deltas, aufgestiegen mit dem mephitischen Odem jener üppig-untauglichen, von Menschen gemiedenen Urwelt- und Inselwildnis, […] hatte die Seuche in ganz Hindustan andauernd und ungewöhnlich heftig gewütet, hatte östlich nach China, westlich nach Afghanistan und Persien übergegriffen und, den Hauptstraßen des Karawanenverkehrs folgend, ihre Schrecken bis Astrachan, ja selbst bis Moskau getragen. Aber während Europa zitterte, das Gespenst möchte von dort aus und zu Lande seinen Einzug halten, war es, von syrischen Kauffahrern übers Meer verschleppt, fast gleichzeitig in mehreren Mittelmeerhäfen aufgetaucht, hatte in Toulon und Malaga sein Haupt erhoben, in Palermo und Neapel mehrfach seine Maske gezeigt und schien aus ganz Kalabrien und Apulien nicht mehr weichen zu wollen. Der Norden der Halbinsel war verschont geblieben. Jedoch Mitte Mai dieses Jahres fand man zu Venedig an ein und demselben Tage die furchtbaren Vibrionen in den ausgemergelten, schwärzlichen Leichnamen eines Schifferknechtes und einer Grünwarenhändlerin. (119f.)

Die Touristen reisen ab, die Stadt beginnt sich zu leeren. Da das Objekt seiner Begierde, Tadzio mit seiner Familie, in Venedig ausharrt, bleibt auch von Aschenbach an die Stadt gefesselt, und das Labyrinth der Venezianer Straßen wird für den Schriftsteller zur räumlichen Szene seiner zum Tode führenden zweifachen Infektion: „Auf den Spuren des Schönen hatte Aschenbach sich […] in das innere Gewirr der kranken Stadt vertieft. Mit versagendem Ortssinn, da die Gäßchen, Gewässer, Brücken und Plätzchen des Labyrinths zu sehr einander gleichen […]“ (131). Erst der Moment des Todes, den Luchino Visconti 1971 in seiner kongenialen Verfilmung eindrucksvoll in Szene gesetzt hat, öffnet den schwülen, bedrängten Raum wieder ins Freie von Meer und Himmel...

Die Literatur gestaltet Raum, um epidemisches Geschehen zu Anschauung zu bringen. Allerdings sind Epidemien und Seuchen in literarischen Texten vielfach Medium für anderes: die nationalsozialistische Okkupation im Falle von Camus‘ Die Pest, das Liebes- und Kunstbegehren eines alternden Schriftstellers bei Thomas Mann.