,ZEIT‘ oder: Nach der Krise ist vor der Krise

Dossier "Epidemien. Kulturwissenschaftliche Ansichten"

© Amsterdam, Rijksmuseum (Public Domain CC0 1.0), Martina Wagner-Egelhaaf, Oto Godfrey und Justin Morton (CC BY-SA 4.0), Ulrich Thon, Bibliothèque nationale de France, Paris, Roger Howard (CC BY-SA 2.5)

Covid-19 hat unser Verhältnis zur Zeit durcheinander gebracht. Vorher lief alles wie am Schnürchen, nur vielleicht ein bisschen zu schnell, so dass wir das Gefühl hatten, ständig hinterher rennen zu müssen. Der Lockdown hat zwar den Terminkalender entlastet, uns aber nicht unbedingt mehr Zeit geschenkt. Digitale Lehre, das Unterrichten der Kinder, das Einhalten von Schutzmaßnahmen – das alles ‚kostet’ Zeit. Die Pandemie habe die Zeit „grell verlangsamt und beschleunigt zugleich“, hat Marie Schmidt am 16. April 2020 in der Süddeutschen Zeitung geschrieben. Nichts werde so sein wie es war, sagen manche, alles wird genau gleich bleiben, nur schlimmer werden, hat uns der immer pessimistische Schriftsteller Michel Houellebecq am 10. Mai 2020 in der Allgemeinen Frankfurter Sonntagszeitung wissen lassen. Weitere Gedanken zum Verhältnis von Epidemie und Zeit finden sich in den folgenden kulturwissenschaftlichen Beiträgen.

© Martina Wagner-Egelhaaf

Klassiker redivivus: Albert Camus, Die Pest (1947). Von Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf (Germanistik)

Albert Camus‘ Klassiker Die Pest aus dem Jahr 1947 hat in den letzten Wochen und Monaten neue Aktualität erfahren. Medienberichten zufolge sind die Verkaufszahlen in Frankreich und Italien, aber auch in Deutschland signifikant gestiegen. Die Nachfrage bei einer Münsteraner Buchhandlung ergab, dass das Buch zwischendurch immer wieder für einige Tage nicht lieferbar war, weil es nachgedruckt werden musste. Die Lagerbestände beim Großhändler Libri zeigen Camus‘ Roman derzeit auf einer Stufe mit den aktuellen Bestsellern. Offensichtlich suchen die Menschen eine Spiegelung ihrer eigenen Situation in der Literatur. Weiterlesen

© Amsterdam, Rijksmuseum (Public Domain CC0 1.0)

Die Pest als transitorisches Moment bei Raffael. Von Kunsthistorikerin Prof. Dr. Eva-Bettina Krems

Am 6. April 1520, also vor 500 Jahren, starb der berühmte Renaissance-Künstler Raffael im Alter von nur 37 Jahren. Aus Anlass dieses Jubiläums haben viele Museen weltweit Ausstellungen erarbeitet, die nun aufgrund der Corona-Krise geschlossen oder verschoben werden mussten. Über die Gründe von Raffaels frühen Tod wurde und wird viel spekuliert: Malaria oder Syphilis, aber auch die Pest werden als Ursache immer wieder genannt. Weiterlesen

© Ulrich Thon

Zukunft in Zeiten von Corona. Von Ethnologin Prof. Dr. Dorothea Schulz

“Ich weiß überhaupt nicht, warum Du Dich so sehr um die ungewisse Zukunft sorgst. Für uns ist das nichts Neues. Ich habe schon immer damit gelebt, dass für das Morgen alles drin ist, Gutes und Schlechtes.“ Mit dieser Bemerkung antwortete Anfang März ein langjähriger Informant und Freund, der nahe der Stadt Mbarara im Südwesten Ugandas lebt, auf meine besorgte Frage, wie er und seine Familie denn die schwierige wirtschaftliche Lage in der Corona-Krise bewältigten. Weiterlesen

© Bibliothèque nationale de France, Paris

Boccaccios Decameron oder die Kunst des Erzählens als Remedium gegen die Pest. Von Literaturwissenschaftlerin PD Dr. Pia Claudia Doering (Romanistik)

Boccaccios Novellensammlung, die um 1350, also zur Zeit der Großen Pest, entsteht, beginnt mit einer der berühmtesten Pestdarstellungen der europäischen Literatur. Eindringlich schildert die Autorfigur, wie die Seuche das gesellschaftliche Leben in der Stadt Florenz zum Erliegen bringt. Zwar steigt die Zahl der Ärzte rasant an, doch stimmen sie keineswegs in ihrer Expertise überein, einige von ihnen haben nicht einmal eine medizinische Ausbildung, und allen ist gemeinsam, dass sie kein Heilmittel gegen die Krankheit finden, weil sie deren Mechanismen letztlich nicht verstehen. Weiterlesen

© Roger Howard (CC BY-SA 2.5)

Gottesstrafe als Umschlagmoment: Venedig und die Pestepidemie von 1575-77. Von Kunsthistoriker Dr. Jens Niebaum

Während sich in Zeiten moderner Infektionsbiologie Ausbruch und Verbreitung von Epidemien naturwissenschaftlich erklären lassen, galten solche Ereignisse jahrtausendelang als von Gott gesandte Bestrafung der sündigen Menschheit. Entsprechend hatte ein wesentlicher Teil der Gegenmaßnahmen die Besänftigung der erzürnten Gottheit zum Ziel – durch kollektive Gebete, Prozessionen sowie durch Gelübde: Wenn Gott die Strafe von dem betroffenen Gemeinwesen nahm, so wurde ihm eine besondere Sühneleistung versprochen – Votivmessen, der Bau eines Altars oder Denkmals oder gleich die Errichtung einer ganzen Kirche. Weiterlesen

© Oto Godfrey und Justin Morton (CC BY-SA 4.0)

Back to the future. Von Historiker Matthias Sandberg

Zeit und Zeitwahrnehmung sind in Krisenzeiten disruptiven Veränderungen unterworfen. Die gegenwärtige Corona-Epidemie macht das sehr deutlich: Zum ersten Mal – mit Ausnahme der Weltkriegsjahre – werden die Olympischen Spiele der Neuzeit mit dem üblichen Turnus der Olympiade brechen. Doch haben sich die VeranstalterInnen nicht nur dazu entschieden, die Spiele bis mindestens auf das Folgejahr zu verschieben, sondern darüber hinaus auch weiterhin unter dem Namen Tokyo 2020 stattfinden zu lassen. Das ist ohne Frage ungewöhnlich, geht aber über das wirtschaftliche Kalkül bereits vollzogener Markensicherung und angelaufenen Marketings hinaus: Die forcierte Anachronie scheint sich der Epidemie und ihren mannigfaltigen Konsequenzen trotzig entgegenzustellen. Weiterlesen