Back to the future

Von Historiker Matthias Sandberg

DeLorean DMC-12, Zeitmaschine aus ‚Back to the Future‘.
© Oto Godfrey und Justin Morton (CC BY-SA 4.0)

Zeit und Zeitwahrnehmung sind in Krisenzeiten disruptiven Veränderungen unterworfen. Die gegenwärtige Corona-Epidemie macht das sehr deutlich: Zum ersten Mal – mit Ausnahme der Weltkriegsjahre – werden die Olympischen Spiele der Neuzeit mit dem üblichen Turnus der Olympiade brechen. Doch haben sich die VeranstalterInnen nicht nur dazu entschieden, die Spiele bis mindestens auf das Folgejahr zu verschieben, sondern darüber hinaus auch weiterhin unter dem Namen Tokyo 2020 stattfinden zu lassen. Das ist ohne Frage ungewöhnlich, geht aber über das wirtschaftliche Kalkül bereits vollzogener Markensicherung und angelaufenen Marketings hinaus: Die forcierte Anachronie scheint sich der Epidemie und ihren mannigfaltigen Konsequenzen trotzig entgegenzustellen. Gleichzeitig kokettiert sie mit den immer einmal wieder aufkommenden, halb scherzhaften Vorschlägen, das aktuelle Jahr in Anbetracht seiner epidemischen Krise neu zu starten, gewissermaßen als Zeitsprung bis zur wiederhergestellten Ordnung – zurück in die Zukunft.

Symbolwirkung und Berechtigung dieser Entscheidung erwachsen auch aus der besonderen Temporalität in Zeiten der krisis: Kollektive Bedrohungsszenarien wie die aktuelle Corona-Krise stellen eine nahezu alle Lebensbereiche betreffende Devianz von den Alltagsgewohnheiten der Betroffenen dar – von diesen disruptiven Veränderungen ist auch die Zeitwahrnehmung betroffen.

In Anbetracht des Unwägbaren dient der Rekurs auf die liminale Schwellenzeit zwischen Ausbruch und Einhegung bzw. Verschwinden der Epidemie nicht nur der Selbstverortung und Begründung für ein der Ausnahmesituation angemessenes, besonderes Handeln; Zeitlichkeit wird selbst zum Deutungsinstrument der Krise: Der Diskurs über die gegenwärtige Epidemie operiert nicht selten mit dem status quo ante und einer vermeintlichen Rückkehr zur Ordnung. Die kollektive Hoffnung auf die rasche Überwindung der Epidemie manifestiert sich im Bild der wiederhergestellten Vergangenheit vor der Corona-Krise, die damit zum Ideal gelebter Ordnung fernab des epidemischen Ausnahmezustandes wird. Es soll – so der allgegenwärtige Wunsch – wieder so sein, wie vor der Epidemie, die Zeit solle sich ‚normalisieren‘.

Die der erhofften Zukunft vorausgreifende Analepse erhebt damit gleichsam normativen Anspruch. Normativität und Temporalität haben also einen inneren Zusammenhang – solange die Bedrohungslage anhält, solange herrscht auch die Schwellenzeit. Das Ganze lässt sich aber auch umgekehrt lesen: Der naturgemäß ephemere Charakter epidemischer Normstörung hat eine Halbwertszeit.

Die Frage danach, was ist, wenn die epidemische Krise nicht mehr ist – d.h. wenn die Zeit sich also ‚normalisiert‘ hat –, berührt jedoch nicht nur die Hoffnung auf Immunisierung oder Verschwinden der Epidemie, sondern zeugt zugleich von dem ihr zuerkannten Potenzial vielleicht als grundsätzlicher Zäsur einer Zeit vor und einer Zeit nach bzw. mit Corona, zumindest aber doch der dauerhaften Veränderung gewohnter Alltäglichkeit.

In Anbetracht der Unwägbarkeiten der Corona-Epidemie mag daher der Blick zurück helfen, der Ungewissheit der liminalen Gegenwart die Vergangenheit als Normvorstellung des bestmöglichen Resultates der epidemischen Entwicklungen entgegenzusetzen. Ob am Ende die Wiederherstellung des status quo oder doch eine veränderte Welt aus der Krise hervorgeht, wird sich zeigen, wenn die pandemische Bedrohungslage eingehegt oder zumindest prognostizierbar ist; vielleicht wird das bei den Olympischen Spielen im kommenden Jahr der Fall sein, und wird der Name Tokyo 2020 eine ausgestandene Krisenzeit erinnern. Seine Anachronie sowie die Zeitwahrnehmung in der gegenwärtigen Epidemie weisen jedoch beide in die gleiche Richtung – zurück in die Zukunft.