Martina Kigle
Münster Lectures 2016

Lesung mit Dr. Kristin Dombek: "The Selfishness of Others – Die Selbstsucht der Anderen"

3.11.2016 I 19:00 Uhr I SpecOps Münster
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© GS PoL

Anlässlich der Veröffentlichung ihres Buches "Die Selbstsucht der anderen - Ein Essay über Narzissmus" (Edition Suhrkamp) findet im Rahmen der Münster Lectures am Donnerstag, den 3. November 2016 ab 19.00 Uhr im SpecOps Münster eine Lesung mit anschließendem Gespräch mit der Essayistin und Kulturjournalistin Dr. Kristin Dombek statt. Die englischsprachige Lesung ist öffentlich und kostenlos.

Moderiert wird die Lesung sowie das anschließende Autorinnengespräch von Marie Schmidt: Sie schreibt seit 2010 für DIE ZEIT und ist seit 2014 Redakteurin im Feuilleton. Gemeinsam mit Jana-Maria Hartmann hat sie Kristin Dombek's Essay How To Quit ins Deutsche übersetzt (dt. Titel: Aufhören).

Die Lesung sowie ein anschließender Workshop am 4. November werden realisiert durch die Graduate School Practices of Literature (GSPoL) des Fachbereichs 09 der WWU Münster in Kooperation mit dem Promotionskolleg Literarische Formen und dem smartNETWORK.
Der Workshop zum Thema "Writing Narcissism - Rhetoric of Self and Selfishness in Literary and Academic Writing" ist eine Veranstaltung der GSPoL, für externe Gäste sind aber einige wenige Plätze verfügbar. Bewerbungen richten Sie bitte bis zum 25.10.2016 an die Koordinatorin der GSPoL, Dr. Maren Conrad (m.conrad@uni-muenster.de).

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© GS PoL

Narzissten? Diese unempathischen, kalten, selbstbezüglichen und selbstsüchtigen Menschen? Wir nicken und wissen, was gemeint ist: Ein, zwei Kandidaten fallen uns sofort ein, drei, vier weitere nach kurzem Überlegen. Narzissten? Wir sind uns einig und nicken nun noch viel heftiger: Übel der Menschheit!

Man muss nicht Distinktion um ihrer selbst willen betreiben oder der Welt mit einem postmodern-überästhetisierten Blick nochmal eine ganz andere Facette abringen wollen, um ein allzu einstimmiges Nicken als trügerisch zu empfinden: Konsensrealitäten sind meistens verdächtig.

Und so vertritt die New Yorker Autorin Kristin Dombek in ihrem aktuellen Buch The Selfishness of Others die zunächst einmal ziemlich contra-intuitive These: Der Narzisst – il n'existe pas. Was sich als Beschreibung eines Persönlichkeitsmusters ausgibt, ist eigentlich unsere Projektion auf den Anderen - die Projektion unseres eigenen Begehrens: „This story about how some people are, under the surface is also a story about the way that we all want“, schreibt Dombek. Beim Phänomen Narzissmus nämlich handle es sich nicht um „a kind of personality at all, not something some people are or have, but the ordinary dynamic of all desire“. Die Zuschreibung des Attributs 'narzisstisch' sage demnach mehr über denjenigen aus, der zuschreibt, als über denjenigen, dem zugeschrieben wird.

Wenn sich dieser Andere entzieht, bleibt das Begehren unerwidert. Leere tut sich auf. Und den Kummer, der damit einhergeht, versuchen wir zu bewältigen durch die Pathologisierung des Anderen. Wir werten ihn als unempathisch, kalt, selbstbezüglich und selbstsüchtig ab und uns als moralisch Überlegene auf. „You can fill in the blank with stories about coldness and stories of evil. You can try to chase it down, rope it, you can make war on it, but it will still be blank“, schreibt Dombek.

Auch das Verstehenwollen ist eine Möglichkeit, die Leere zu füllen und die Spirale des Begehrens weiter in die falsche Richtung zu drehen. Die hartnäckige Warum-Frage lenkt dabei den Blick weg vom Kummer, den das unerfüllte Begehren hinterlassen hat, und hin zur Projektion auf den Anderen: „When someone changes that much, that suddenly, it feels like either the old version was the real one and this new one must be some kind of monstrous double, or if the new one is real, then that old version must always have been a lie“, schreibt Dombek in ihrem bekanntesten Essay How To Quit aus dem Jahr 2013. Stattdessen besteht der kleinste gemeinsame Nenner des Entweder-Oders, der augenscheinlich unauflösbaren Dichotomie, in unserer Konstruktionsleistung: „But it is we who've made a mask for them, and when they turn away, the mask inevitably falls, and we call them fake, as if they've tricked us. It's easier to diagnose them as narcissists than to admit to this“.

Es ist vielleicht das Dilemma, das uns die Postmoderne hinterlassen hat: Indem sie auf radikale Art und Weise die Konstruiertheit von Welt und Wirklichkeit herausstellt, liefert sie uns die Ideologie dafür, eine Diskursivierung zu rechtfertigen, die die Existenz von Realität schlicht leugnet. Sie provoziert eine Perversion der Selbstreflexion und legitimiert so deren große Folgenlosigkeit, Das obsessive Stellen der Warum-Frage sowie das Pathologisieren des Anderen können damit verkauft werden als selbstlose Empathie und besonders große Sensibilität, die in einer unempathischen, kalten, selbstbezüglichen und selbstsüchtigen Welt schamlos ausgebeutet werden. Vor diesem Hintergrund stellt Kristin Dombek am Ende ihres Buches einen Katalog zusammen, der aus neun Kriterien besteht, und mit Hilfe dessen 'Narciphobia' diagnostiziert werden kann: Betroffen sind all diejenigen, die sich umzingelt sehen von Narzissten - dem Übel der Menschheit.

Wenn man Narzissmus vor allem als diskursives Phänomen betrachtet, dann stellt sich die zentrale Frage: Wie sprechen, wie schreiben wir darüber? Und welches Sprechen und Schreiben ist wie narzisstisch? Gerade eine Wissenschaft, die sich einer stark konventionalisierten und standardisierten Sprache bedient, entzieht sich gern der Frage nach der Sprecherposition - und argumentiert dafür mit vermeintlicher Objektivität. Inwieweit könnte man hier lernen vom eigenen Gegenstand, indem man durch eine Literarisierung und Poetisierung von wissenschaftlicher Sprache und akademischem Schreiben eine Sprecherposition wagt, die weder Konventionen und damit vermeintliche Objektivität reproduziert, noch auf der anderen Seite eine Subjektivität feiert, die vor allem einer neoliberal-aufmerksamkeitsökonomischen Verwertungslogik folgt?

Es macht Kristin Dombek zu einer interessanten Autorin, dass sie diesem postmodernen Dilemma nicht begegnet mit einem wutschnaubenden Jetzt-Aber, das entgegen jeder Diskursivierung DIE Realität einfordert. Damit würde man einen Backlash forcieren, der hinter die so wichtigen wie richtigen postmodernen Erkenntnisse einer Konstruiertheit von Welt und Wirklichkeit zurückfällt. Stattdessen betreibt sie in jedem ihrer Texte immer wieder und immer wieder neu eine Dekonstruktion, die uns zwar in unseren Wahrnehmungsmustern und unseren Projektionen auf uns selbst zurückwirft, gleichzeitig aber neue Handlungs- und Gestaltungsspielräume öffnet, die nicht zuletzt eine befreiende Kraft innehaben.

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© Kristin Dombek

Zur Person

Kristin Dombek ist Essayistin und Kulturjournalistin, veröffentlichte u.a. in n+1, The Daily, TDR: The Drama Review und The Painted Bride Quarterly. Sie ist Co-Autorin mehrerer Bücher und im August erschien ihr Essay The Selfishness of Others: An Essay on the Fear of Narcicissm, der in Bälde im Suhrkamp-Verlag auch auf Deutsch veröffentlicht wird.
In einer Mischung aus Pop-Psychologie, Ratgeberliteratur und high philosophy schreibt sie über die klassisch philosophische Frage nach dem guten oder richtigen Leben. Zwischen Selbstfindungstrip einerseits und folgenlos verkopfter Akademisierung andererseits, überwindet und hybridisiert sie dabei unproduktiv gewordene Leitdifferenzen wie Theorie vs. Praxis, Wissenschaft vs. Kunst, Fakt vs. Fiktion.
Kristin Dombek erwarb ihren Ph.D. an der NYU in Englisch und unterrichtete darüber hinaus Writing and Literature am Barnard College, dem New School's Eugene Lang College und an der NYU. Aktuell hat sie einen Lehrauftrag im Writing Program an der University of Princeton.

Marie Schmidt schreibt seit 2010 für DIE ZEIT und ist seit 2014 Redakteurin im Feuilleton. Sie übersetzte gemeinsam mit Jana-Maria Hartmann Kristin Dombek's Essay How To Quit ins Deutsche (dt. Titel: Aufhören).