Abelpreis für Gerd Faltings

Wir gratulieren Prof. Dr. Gerd Faltings herzlich zum Abelpreis 2026!
Die Norwegische Akademie der Wissenschaften zeichnet ihn mit dem Preis, der als eine der höchsten Auszeichnung in der Mathematik gilt, für seine Leistungen in der arithmetischen Geometrie aus. Seine Ideen und Resultate haben das Fachgebiet geprägt und zur Lösung von seit langem offenen Vermutungen geführt.
Gerd Faltings studierte in Münster und erlangte hier seine Promotion (1978) und seine Habilitation (1981). 2012 wurde er zum Ehrendoktor des Fachbereichs Mathematik und Informatik ernannt. Bis 2022 leitete er das Max-Planck-Institut für Mathematik in Bonn. Unter seinen zahlreichen Auszeichnungen ist auch eine Fields-Medaille, die er 1986 für seine Beweise der Mordellschen Vermutung und einiger damit verbundenen Vermutungen erhielt.
Mitteilung der Norwegischen Akademie der Wissenschaften zum Abelpreis 2026
Webseite zum Abelpreis 2026 mit Einführungen in Faltings' Werk [en]
Im Folgenden geben einige Mitglieder von Mathematics Münster Einblicke, welche Rolle die Forschung von Gerd Faltings für ihre eigene Arbeit spielt und teilen persönliche Erinnerungen an diesen herausragenden Mathematiker.
Dr. Ferdinand Wagner
"Eine von Faltings' faszinierendsten Ideen ist seine Erkenntnis, dass $\mathbb{A}_{inf}$ des Ganzheitsrings einer vollständigen algebraisch abgeschlossenen Erweiterung von $\mathbb{Q}_p $ ein "Modell" für das Tensorprodukt dieses Ringes mit $\mathbb{Z}_p $ über dem "Körper mit einem Element" (der natürlich nicht existiert) darstellen soll. Ich versuche zur Zeit, globale Analoga dieser Idee im Kontext von $q$-de Rham/Habiro-Kohomologie zu verstehen."
Dr. Lucas Mann
"In meiner Forschung habe ich mich viel mit Gerd Faltings' Arbeiten zur p-adischen Hodge-Theorie und zur p-adischen Simpson-Korrespondenz beschäftigt, zwei wichtigen Teilgebieten der p-adischen Geometrie. Viele meiner Papers basieren auf Ideen und Vermutungen, die - wenn auch heute in einer moderneren Sprache formuliert - auf Faltings zurückgehen.
Ich hatte leider bisher nicht viel persönlichen Kontakt zu ihm, habe ihn aber auf Konferenzen und anderen Veranstaltungen stets als netten und humorvollen Mathematiker wahrgenommen."
Prof. Dr. Eva Viehmann
"Gerd Faltings ist einer der absolut führenden Wissenschaftler im Bereich der arithmetischen Geometrie. Er engagierte sich aber auch darin, aktuelle Forschung an Studierende zu vermitteln. Mehrere Sommerschulen und Vorlesungen mit ihm waren prägende Erlebnisse meiner Studien- und Promotionszeit."
Prof. Dr. Urs Hartl
"Ich kenne Gerd Faltings von einer Sommerschule und von vielen Konferenzen als einen sehr liebenswerten und humorvollen Mathematiker. Er war immer sehr hilfsbereit, wenn ich ihn mit meinen mathematischen Fragen angesprochen habe.
Die Verleihung des Abel-Preises an ihn ist eine ausgezeichnete Wahl, da er entscheidend zur Entwicklung der algebraischen Geometrie und der Arithmetik beigetragen hat mit vielen brillianten Resultaten und Theorien, die er initiiert hat. In einem seiner großen Theoreme in p-adischer Hodge-Theorie bewies er eine Vermutung, die ich aufgestellt hatte. Ich bin noch immer sehr begeistert und stolz, dass meine Frage für ihn relevant genug war, um sich damit zu beschäftigen."
Prof. Dr. Angela Stevens
Ein mir sehr gut bekannter Studienkollege von Ihnen hat mir gesagt, dass Sie in Ihrem zweiten Studiensemester an der Vorlesung Funktionalanalysis von Friedrich Tomi in Münster teilgenommen haben und der mit Abstand beste Student im Kurs waren. Leider haben Sie sich dann trotzdem entschieden, nicht in die Analysis zu gehen.
Herzlichst,
Ihre Angela Stevens
Prof. Dr. Peter Schneider
"Gemeinsam mit allen Zahlentheoretikern meiner Generation war ich zutiefst beeindruckt, als Faltings seinen Beweis der Mordellschen Vermutung bekannt gab. Es war eine fantastische Leistung.
Für meine eigene Arbeit waren Faltings' grundlegende Fortschritte in der p-adischen Hodge-Theorie sowie seine Arbeit über die Überlagerungen der p-adischen oberen Halbebene von Drinfeld äußerst inspirierend."
Prof. Dr. Christopher Deninger
"Um 2003 hatte ich mit Annette Werner über eine p-adische Version des Satzes von Narasimhan-Seshadri nachgedacht, der stabile Vektor Bündel auf kompakten Riemannschen Flächen und unitäre Darstellungen der Fundamentalgruppe in Beziehung setzt. Wie sich bei einer SFB-Begutachtung in Münster, bei der Faltings Gutachter war, dann herausstellte, arbeitete Faltings seit einiger Zeit an dem allgemeineren Problem eines p-adischen Analogons der Simpson Korrespondenz, bei der die Darstellungen nicht unitär zu sein brauchen und dafür Vektor Bündel zusammen mit einem Higgsfeld betrachtet werden.
Verglichen mit uns hatte Faltings den kleinen Vorteil, ein Weltmeister in der p-adischen Hodge Theorie zu sein. Nach dem Gespräch bei der Begutachtung, bei dem er sich über unsere Beschränkung auf den Fall guter Reduktion aufregte, haben wir so hart gearbeitet wie vielleicht noch nie in unserem Leben. Ziel war natürlich, im Fall eines verschwindenden Higgsfeldes stärkere Resultate als Faltings zu zeigen auch bei schlechter Reduktion.
Ich bin immer noch stolz auf einige der Ideen in dieser Arbeit, die durch den Austausch mit Faltings um Klassen besser wurde als die erste Version. Annette hat übrigens später bemerkt, dass Faltings in seiner ersten Arbeiten zur p-adischen Hodge Theorie sehr wohl gute Reduktion angenommen hatte. Das fanden wir sehr lustig. Faltings eigene kurze Arbeit zur p-adischen Simpson Korrespondenz ist unglaublich einfallsreich und tiefsinnig. Sie hat ein neues Gebiet begründet, das durch die perfektoiden Methoden von Peter Scholze und hervorragende Arbeiten insbesondere von Ben Heuer seit einigen Jahren einen erneuten Aufschwung genommen hat.
Meine erste persönliche Begegnung hatte ich mit Gerd Faltings in Princeton in den Neunzigern. Er war dort an der Uni Professor und ich Besucher am Institut for Advanced Study. Gerd interessierte sich für American Football und lud mich ein, bei ihm zuhause den Superbowl im Fernsehen zu schauen. Wenn ein Spieler der gegnerischen Mannschaft den Wurf des Quarterbacks abfängt, nennt man es interception und es ist eine große Sache. Gerds kleine Töchter rannten vor dem Fernseher an ihm vorbei und er fing sie und schrie dabei "Interception! Interception!". Das fanden die Mädels sehr lustig, und Gerd verlor das Interesse am Superbowl und spielte nur noch interception.
Später habe ich 15 Jahre lang zusammen mit Gerd die Oberwohlfach Arbeitsgemeinschaft organisiert. Er war dabei immer äußerst effektiv, und als ich eine etwas schwierigere Zeit hatte, ist er ohne zu klagen dreimal hintereinander zu der Tagung gefahren, um unter anderem die Programmdiskussion zu leiten. Eigentlich haben wir uns mit diesen Pflichten halbjährlich abgewechselt. Das fand ich sehr nett von ihm."