(B3) Inszenierte Freiwilligkeit. Zur Errichtung politischer Konsensfassaden im 9. und 10. Jahrhundert
Es gehört zu den Charakteristika der Kommunikation mittelalterlicher Führungsschichten, dass in der Öffentlichkeit Rang und Ehre der Beteiligten stark betont, Zwang und Fremdbestimmung dagegen so weit wie möglich kaschiert wurden. Freiwillige Unterordnung war allemal besser als erzwungene, freiwillige Hilfe war ehrenvoller als befohlene Dienste, Geschenke waren akzeptabler als Abgaben, weil so auf die Ehre der Betroffenen Rücksicht genommen wurde. Man kann von einer Kultur der inszenierten Freiwilligkeit sprechen, die die öffentliche Kommunikation prägte und schon in mittelalterlicher Hofkritik als Zeichen von Dekadenz und Unehrlichkeit gebrandmarkt wurde. Von besonderer Fremdartigkeit mutet dabei an, wenn Schuldbekenntnisse und Eingeständnisse von Verfehlungen in besonderer Eindringlichkeit öffentlich vorgetragen oder vorgeführt wurden.
Zu klären ist für die Zeiten des Mittelalters, inwieweit das Modell vom Sünder, der bereut und bereit ist Buße zu tun, Pate für diese Art der freiwilligen Selbstbezichtigungen stand. Nicht selten sind einschlägige Fälle in Form eines kirchlichen Bußrituals überliefert, dem sich selbst Kaiser unterzogen. Andererseits ist nicht zu übersehen, dass dieses Modell vom Gesinnungswandel nicht nur im Falle von sündhaftem Verhalten, sondern auch in politischen Auseinandersetzungen genutzt wurde, um die bestehende Ordnung zu stabilisieren oder wiederherzustellen. Und schließlich gab eine ausgeprägte Kultur, das Gesicht und die Ehre des Anderen zu wahren, und dies geschah, indem man die Möglichkeit ließ, etwas freiwillig zu bewilligen oder zu tun, was ansonsten mit Zwang eingefordert worden wäre. Auch Königen ließ man die Pose des großmütig Gewährenden, auch wenn die demütigen Bitten in Wirklichkeit Forderungen waren, die keine Wahl ließen. Gerade hinter den Formeln königlicher Urkunden scheint diese Wirklichkeit häufig auf.
In dem anvisierten Projekt soll dies für das gesamte Mittelalter relevante Problemfeld in einer Fallstudie untersucht werden, in der die Karolinger- mit der Ottonenzeit verglichen wird. In den Konflikten um eine angemessene Beteiligung an der Macht scheinen die Fiktionen von Freiwilligkeit ihren Ursprung in Ritualen zu haben, die eine Verpflichtung begründeten. Es soll die Ambivalenz einschlägiger Inszenierungen herausgearbeitet werden, die sich sowohl als Herrschaftsinstrumente der Könige zur Disziplinierung des Adels eigneten, wie als Mittel, die Willkür des Herrschers einzuschränken und ihn ohne Gesichtsverlust auf die Berücksichtigung adliger oder kirchlicher Interessen festzulegen.
Leitung
Prof. Dr. phil. Gerd AlthoffHistorisches Seminar
althofg@uni-muenster.de
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Dr. Theo Richestheo.riches@uni-muenster.de
