„Auftraggeber, Kopisten, Besitzer und Leser prägten die Übersetzungen und machten die Abschriften zu einem „lebenden“ Werk“
Interview mit Islamwissenschaftler Philip Bockholt
Mit einer der wichtigsten religiösen Textgattungen in der islamischen Kultur, den arabisch-osmanischen Übersetzungen von Werken der Koranexegese (arab. tafsīr), befasst sich Islamwissenschaftler Philip Bockholt in seinem Forschungsprojekt „Arabisch-osmanische Übersetzungen von Werken der Koranexegese (Tafsīr) als Ausdruck des innerislamischen Wissenstransfers im östlichen Mittelmeerraum zwischen 1400–1750“ am Exzellenzcluster „Religion und Politik“. Warum die Übersetzungen vom Arabischen ins Türkische so wichtig waren, welche Anpassungen während der Übersetzungen am Text festzustellen sind und welche Rolle die Übersetzungen bei der Vermittlung religiösen Wissens spielten, darüber spricht er im Interview.
Was genau ist der Gegenstand Ihrer Forschung und wie lautet Ihre zentrale Fragestellung?
Philip Bockholt: Mein Projekt untersucht den innerislamischen Wissenstransfer im östlichen Mittelmeerraum zwischen den Jahren 1400 und 1750 anhand arabisch-türkischer Übersetzungen von Werken des Genres Koranexegese, also der Auslegung des Korans durch Gelehrte in Buchform (Ar. tafsīr, Türk. tefsīr). Im Fokus steht Mūsā İzniḳīs Enfesü’l-Cevāhir aus dem frühen 15. Jahrhundert, was die früheste und populärste frühneuzeitliche Koranexegese-Übersetzung ins Türkische darstellt. Der arabische Originaltext ist Abū Laiṯ as-Samarqandīs Korankommentar aus dem späten 10. Jahrhundert. Ziel ist es, zu zeigen, welche Rolle Übersetzungen wie diese bei der sprachlichen und kulturellen Vermittlung von religiösem Wissen einnahmen. Meine Leitfrage ist: Inwiefern kam es bei Übersetzungen von koranexegetischen Werken ins Türkische zu Textanpassungen im Rahmen der osmanisch-sunnitischen Selbstverortung?

Welche Quellen nutzen Sie für ihre Forschung und wie sind diese für Sie zugänglich?
Philip Bockholt: Hauptquelle des Projekts sind Handschriften aus der Zeit vor dem Buchdruck, der flächendeckend in der islamischen Welt erst im Laufe des 19. Jahrhunderts Verbreitung fand. Im Falle der ausgewählten Übersetzung von Mūsā İzniḳīs Enfesü’l-Cevāhir konnten mein Projektmitarbeiter und Doktorand Ahmet Aytep und ich mehr als 600 Handschriften des arabischen Originals und der türkischen Übersetzung in Sammlungen weltweit lokalisieren, von denen die allermeisten in digitaler Form vorliegen und von uns gesichtet worden sind. Methodisch nutzen wir hierbei den Ansatz der New Philology, nach der jede Abschrift einen eigenständigen Textzeugen darstellt und hinsichtlich des Inhalts und ihrer paratextuellen Elemente wie Kolophon, Besitz- und Lesevermerke sowie Layout ausgewertet wird. Für die Auswertung setzen wir Digital Humanities-Tools wie etwa die web-basierte Applikation zur Text-Analyse Voyant Tools sowie Gephi und Palladio zur Visualisierung von Netzwerkbeziehungen der mit den Handschriften verbundenen Akteure ein.
Für wen waren die türkischen Übersetzungen der Korankommentare relevant und warum?
Philip Bockholt: Zum jetzigen Stand des Projektes lässt sich festhalten, dass die Übersetzungen koranexegetischer Werke sich insbesondere an eine breite Leserschaft richteten, die nicht über die traditionelle Ausbildung eines Rechtsgelehrten verfügte und der Wissen durch Sprachbarrieren verwehrt blieb. Hierdurch wurde religiöses Wissen für größere gesellschaftliche Gruppen erstmals zugänglich – oft mit Anpassungen, Ergänzungen oder Vereinfachungen statt wortgetreuer Übertragung. Daneben lieferten einige Übersetzungen den osmanischen Herrschaftseliten die Möglichkeit, ihre religiöse Legitimität auszubauen, wodurch sie einen gesteigerten Bildungszugang mit politischer Autorität verbanden.
Wie kann man sich das vorstellen?
Philip Bockholt: Genauso wie die Stiftung religiöser Architektur in Form von Moscheen, Medressen, also islamischen Hochschulen, oder öffentlichen Wasserspendern als gute Tat vor den Augen der Öffentlichkeit mit dem Namen des jeweiligen Auftraggebers verbunden war, war dies auch bei Übersetzungen von Büchern der Fall: Derjenige, für den ein Werk übersetzt wurde, wurde für gewöhnlich auch im Vorwort prominent erwähnt. Dies verband das sehr häufig bekannte und geschätzte Originalwerk in Übersetzung mit dem Namen eines Angehörigen der osmanischen Herrschaftselite und ließ im Fall eines Korankommentars diesen noch als besonders fromm erscheinen.

In Ihrer Projektbeschreibung sprechen sie davon, dass Sie untersuchen, ob die Struktur und der Inhalt der Originaltexte beibehalten werden oder ob Änderungen oder Manipulationen vorkommen. Gab es hier „Manipulationen“?
Philip Bockholt: Im konkreten Fall, also bei Mūsā İzniḳī, gab es keine Manipulationen im Sinne bewusster Veränderungen mit starken theologischen Umdeutungen oder religionspolitischen Anpassen, wobei hier eine Rolle spielte, dass Autor und Übersetzer beide sunnitisch-hanafitisch geprägt waren. Allerdings passte der Übersetzer den Text aber gezielt für ein Laienpublikum an: Er kürzte fachliche Details, fügte eigene theologische Reflexionen und weitere Angaben hinzu, wodurch kein „manipuliertes“, sondern ein lokalisiertes, zugängliches Werk für die osmanische Zielleserschaft entstand.
Welche Rolle spielen die an der Übersetzung beteiligten Akteure?
Philip Bockholt: Neben dem Übersetzer prägten Auftraggeber, Kopisten, Besitzer und Leser die Übersetzungsprozesse wesentlich. Auftraggeber, wie der für die von uns behandelte Übersetzung identifizierte osmanische Statthalter Umur Bey in Bursa, ermöglichten Übersetzungen erst; Schreiber und Leser nahmen teilweise verblüffende Veränderungen, Korrekturen oder Ergänzungen vor: Während dies für Schreiber während des Kopierprozesses gilt, lassen sich für die Leserschaft nachträgliche Streichungen oder Hinzufügungen von Text in eine Handschrift nachweisen. Käufer ließen sich mitunter Prachthandschriften als Prestigeobjekte anfertigen etc. Das Zusammenspiel dieser Akteure machte den Text in seinen vielen Abschriften zu einem „lebenden“ Werk.
Neben der eigentlichen Übersetzung schauen Sie auch auf Lesevermerke, Stempel und weitere Zusätze auf den Quellen. Worüber geben diese Aufschluss?
Philip Bockholt: Diese paratextuellen Zusätze zeigen uns – im besten Fall – wie, wo, wann und von wem ein Werk genutzt wurde. Sie erlauben, die geografische Verbreitung sowie die gesellschaftliche Reichweite und Dynamik der Handschriften nachzuvollziehen. Während Abschriften des arabischen Originals meist bei Gelehrten verblieben, waren İzniḳīs Übersetzungen teils in Sufigemeinschaften, Soldatenunterkünften oder auch im Palast zu finden – ein Beweis, dass Wissen breiter gestreut wurde, wenn es auf Türkisch verfügbar war.

Welchen Stellenwert nimmt Ihre Forschung ein?
Philip Bockholt: Das Projekt trägt dazu bei, die bisher bestehenden Lücken im Bereich von Wissenstransfer und Übersetzungsforschung in den Nahostwissenschaften zwar nicht zu schließen, aber intensiv auszuleuchten und hinsichtlich des Themas Koranexegese für die Sprachen Arabisch und Türkisch entscheidend zu erweitern. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, wie religiöses Wissen durch den Vorgang des Übersetzens transformiert und in lokaler Form erweitert wurde, was für die Epoche der Frühen Neuzeit ein nahezu unerforschtes Feld darstellt. Wie relevant Übersetzungsprozesse, Wissenstransfer und Zugänglichkeit hierbei sind, zeigt auch die heutige Diskussion um KI, die grundlegende Debatten über Wissenszugang, Identitätsfragen und kulturellen Austausch angestoßen hat. Denn anders als heute, wo – bis zum Aufkommen von KI – Editionen als feste Textfassungen dominierten, waren damals Übersetzungen in einer Handschriftenkultur offene Prozesse mit vielen Beteiligten. Handschriftliche Texte waren sozusagen lebendige Objekte, die sich, in gewissen Grenzen, ständig verändern konnten. Konzeptuell stand weniger die wortgetreue Übertragung, sondern Adaption im Vordergrund – Übersetzungen dienten nicht nur der Sprachanpassung, sondern auch der aktiven Sinnstiftung in neuen Kontexten.
Was fasziniert Sie besonders an Ihrem Forschungsthema?
Philip Bockholt: Was mich persönlich reizt, ist die Möglichkeit, zu erfahren, wie Menschen im Laufe der Geschichte überhaupt Zugang zu Informationen bekamen, wer eigentlich wann und wo was genau wissen konnte und aus anderen Gründen eben nicht. Im vorliegenden Fall zeigt das Quellenmaterial, wie erst der Vorgang des Übersetzens gesellschaftlichen Gruppen im östlichen Mittelmeerraum Zugang zu religiösem Wissen ermöglichte, das ihnen sonst verschlossen geblieben wäre, zumindest auf eigenständigem Wege, sprich ohne Vermittler. Aus dem Zusammenspiel von Übersetzern, Auftraggebern, Kopisten und Leserschaft entstand auf Basis des arabischen Ausgangstextes so ein neues, durch Veränderungen geprägtes und lokal verankertes Wissen auf Türkisch. (pie/tec)
