„Der löwenköpfige Apedemak ist vielleicht gar kein Gott im ägyptischen Sinne“
Interview mit Ägyptologin Angelika Lohwasser
Die Ägyptologin Angelika Lohwasser erforscht am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ die Beziehung von Kult und Königtum in der meroitischen Periode (ca. 300 v. Chr. – 320 n. Chr.) des antiken Königreichs von Kusch, Ägyptens südlichem Nachbarn. Da Kusch im 2. Jt. v. Chr. als Kolonie an das pharaonische Ägypten angegliedert war, finden sich dort auch in späteren Zeiten viele ägyptische Einflüsse. In der Forschung hat sich daher ein stark ägyptischer bzw. ägyptologisch geprägter Blickwinkel auf die kuschitische Kultur und Religion etabliert. Im Interview berichtet Angelika Lohwasser darüber, wie sie das Königreich von Kusch und insbesondere die Beziehung zwischen dem aus Ägypten stammenden Königsgott Amun und dem kuschitischen Gott Apedemak aus einer neuen, nicht nur ägyptischen Perspektive betrachtet und wie sich dadurch ein völlig neues Verständnis des kuschitischen Königtums eröffnet.

In Ihrem Projekt am Exzellenzcluster beschäftigen Sie sich mit der Beziehung zwischen Königtum und Kult im Reich von Kusch in der Zeit vom 3. Jh. vor bis etwa ins 3. Jh. nach Christus. Was wissen wir heute über dieses Königreich?
Lohwasser: Das Königreich Kusch südlich von Ägypten, das auf dem Gebiet des heutigen Sudan lag, war zu der damaligen Zeit immer in engem Kontakt mit dem pharaonischen Reich. Die Ägypter nannten diese Region Kusch, und da wir bisher keine Eigenbezeichnung kennen, verwenden wir diesen Namen auch in der modernen Forschung. Die Ägypter interessierten sich besonders für die Bodenschätze Kuschs, vor allem für das dort abgebaute Gold, aber auch den Handelsweg nach Innerafrika, über den exotische Güter nach Ägypten gebracht wurden. Im 2. Jt. v. Chr. war Kusch dann auch als Kolonie an Ägypten angeschlossen und es entstanden dort ägyptische Städte und Tempel. In dieser Zeit wurde die indigene kuschitische Kultur stark ägyptisch überformt, zumindest sehen wir das heute so im archäologischen Kontext. Um 800 v. Chr. etabliert sich aus Kusch heraus die sogenannte kuschitische Dynastie. Einige der Könige dieser Dynastie beherrschten kurzzeitig sogar Ägypten. Erst der assyrische Einfall in Ägypten in der Mitte des 7. Jh. zwang sie zum Rückzug in ihre Heimat. Dort hat das Königreich Kusch bis in das 3. Jh. n. Chr. Bestand.
Die geographische Ausdehnung des Reichs von Kusch reichte etwa vom 1. Katarakt – so nennt man die sechs Stromschnellen des Nil – bei Assuan bis zum Zusammenfluss des Blauen und des Weißen Nils, bei der heutigen Hauptstadt Khartum. Allerdings wissen wir nicht genau, wieweit die Regionen außerhalb des Kerngebiets im Mittleren Niltal wirklich unter der Kontrolle der kuschitischen Herrscher standen. Ebenso gehen wir davon aus, dass der Ausdehnungsbereich in den Süden sich phasenweise änderte.
In der Forschung wurden für die etwa tausend Jahre des Bestehens des Reiches von Kusch zwei Perioden definiert. Die napatanische Periode (ca. 750–300 v. Chr.) mit dem Zentrum in Napata in der Region des Jebel Barkal, nahe dem 4. Nilkatarakt, ist stärker durch die ägyptische Kultur geprägt. Die spätere, sogenannte meroitische Periode (ca. 300 v. Chr.–320 n. Chr.) hat ihr Zentrum in Meroe, etwas nördlich des 6. Kataraktes. Mit dem Beginn der meroitischen Zeit verändern sich die bildlichen Darstellungen und der ägyptische Einfluss wird geringer. Während in meinem früheren Projekt am Exzellenzcluster die napatanische Periode im Mittelpunkt stand, fokussiere ich mich jetzt vor allem auf die meroitische Periode.
Wie sehen diese Veränderungen in der meroitischen Zeit konkret aus?
Lohwasser: Im 3. Jh. v. Chr. verändert sich in Kusch einiges: Der königliche Friedhof wird vom nördlichen Napata in das südliche Meroe verlegt, daran macht die Forschung den Bruch zwischen den beiden Phasen des Reiches fest. Es wird nun die eigene Sprache, das Meroitische, verschriftlicht. Die Schrift wurde vor über hundert Jahren entziffert, doch leider kennen wir die Bedeutung der Worte nicht, da es weder genügend Bilinguae, also gleiche Texte in zwei Sprachen noch einen sprachlichen Nachfahr gibt. Das Meroitische ist ausgestorben und das bringt mit sich, dass wir trotz einiger langer Inschriften deren Inhalte bisher nicht in unsere Forschung einbeziehen können.
Eine weitere Veränderung in der meroitischen Phase ist, dass vorher nicht bekannte und in Ägypten nicht belegte Gottheiten auftreten. Dazu gehört der löwenköpfige Apedemak, der in der meroitischen Zeit plötzlich auftaucht. Aber es sind auch noch weitere Götter und Göttinnen in den Tempeln dargestellt, die es vorher nicht gab. Wir gehen davon aus, dass es sich um indigene Erscheinungen handelt, die wahrscheinlich in den südlichen Regionen, die nicht von Ägypten beherrscht wurden, verehrt wurden. Da wir vor der meroitischen Zeit aus diesen Gegenden allerdings keine Heiligtümer oder Abbilder kennen, ist eine tatsächliche Herkunft schwer zu verifizieren.
Zuletzt möchte ich noch betonen, dass auch die Ikonographie in den meroitischen Darstellungen eine andere ist, so werden die Königinnen nun sehr voluminös gezeigt, auch die Kleidung und Accessoires sind deutlich anders. Trotzdem bleibt die Grunderscheinung ägyptisch geprägt, etwa in der Tatsache, dass der Kopf von der Seite, Oberkörper von vorne und Beine wieder von der Seite gezeigt werden, und auch, dass Apedemak einen Tierkopf, nämlich den eines männlichen Löwens, trägt. Allerdings ist er der Einzige der meroitischen Gottheiten mit Tierkopf.
Was genau untersuchen Sie in Ihrem Projekt?
Lohwasser: Das Reich von Kusch wird meist durch die ägyptische Brille gesehen. Die erhaltenen Tempel entsprechen den ägyptischen Typen, die Gottheiten dem ägyptischen Erscheinungsbild und in der napatanischen Zeit sind die Aufzeichnungen in ägyptischer Sprache in Hieroglyphen verfasst. Wir wissen aber heute, dass sich insbesondere in der meroitischen Zeit auch vieles von der ägyptischen Kultur unterscheidet, etwa die Art der Herrschaftsausübung, die Ideologie des Königtums, oder auch Bestattungssitten. Meine Forschungsfrage ist, wieweit sich vor allem in der meroitischen Zeit auch die Religion, die Götterwelt und die Rituale unterscheiden und wie das mit dem Königtum zusammenhängt.
Im Mittelpunkt meiner Untersuchung stehen die beiden Gottheiten Amun und Apedemak. Amun ist der alte ägyptische Staatsgott, der in der Zeit der Kolonie auch in das Mittlere Niltal eingeführt wurde und dort der höchste Gott des Pantheon wurde. In seinem Tempel werden die Herrscher gekrönt, durch Texte wissen wir, dass er die Auswahl des neuen Königs trifft. Auf der anderen Seite sehen wir in der meroitischen Periode plötzlich noch einen zweiten Gott, den löwenköpfigen Apedemak, der ebenso prägnant in Erscheinung tritt. Es ist gängige Forschungsmeinung, dass beide Gottheiten nun als Staatsgötter fungieren. Diese Ansicht basiert darauf, dass wir bisher in der Forschung in der Regel mit einem stark ägyptischen oder ägyptologisch geprägten Blickwinkel auf das Material geschaut haben. Ich habe aber schon in meinem vorherigen Projekt am Exzellenzcluster festgestellt, dass es auch viele nicht-ägyptische Spuren im Reich von Kusch gibt. Daher möchte ich nun die Konstellation Amun – Apedemak – König möglichst aus diesem meroitischen Material heraus neu betrachten.

Im Mittelpunkt Ihrer Forschung steht der meroitische Gott Apedemak. Warum eignet sich Apedemak so gut für Ihre Untersuchung?
Lohwasser: Apedemak ist eine der Gottheiten, die erst in der meroitischen Zeit auftreten. Er gilt als einheimischer Gott und ihm ist eine besondere Tempelform mit nur einem Raum gewidmet. Trotzdem wurde er in der Forschung häufig als Gottheit im ägyptischen Stil gesehen – also als ein überirdisches Wesen, dem geopfert wird, dem Tempel als Heimstätten errichtet werden etc. Ich sehe das mittlerweile anders: Beispielsweise wird in den Einraumtempeln neben Apedemak auch Amun, der alte Staatsgott, verehrt. Da er der Gott ist, der den König auswählt und krönt, werden auch noch in der meroitischen Zeit Amun-Tempel gebaut. Nun wird Amun auch in den Apedemak-Tempeln dargestellt, aber nicht umgekehrt: Apedemak ist bisher nicht aus Amun-Tempeln bekannt. Warum ist das so, wenn doch beide als Königsgötter verstanden werden? Möglicherweise hatte Apedemak eine ganz andere Rolle als Amun. Um dem genauer nachzugehen, muss die Beziehung zwischen Apedemak, Amun und dem König genauer untersucht werden.
Haben Sie schon erste Ideen zur Rolle des Gotts Apedemak?
Lohwasser: Mittlerweile denke ich, dass Apedemak weniger eine Gottheit im ägyptischen Sinn ist, sondern die Manifestation des Königtums. Ich glaube, dass die Einraumtempel nicht zur Verehrung einer Gottheit dienen, sondern ganz eng mit dem Königtum verbunden sind. Ich vermute, dass es der Ort der Inauguration in das Amt des Königs ist und damit die Transformation in eine neue, nicht mehr rein menschliche Qualität des Herrschers. Hier kann man also Amun als traditionelle Gottheit, die den neuen König krönt, von Apedemak als Inkarnation des Königtums, dem der designierte König gegenübertritt und dann von ihm aufgenommen wird, unterscheiden. Deshalb taucht Amun als Königsgott in den Löwentempeln auf, Apedemak wird aber nicht als Gottheit in den Amun-Tempeln verehrt.
Welche Quellen stehen Ihnen für Ihre Forschung zur Verfügung?
Lohwasser: Die Quellenlage ist insofern eingeschränkt, als es zwar viele schriftliche Quellen gibt, aber die langen Texte für uns noch unverständlich sind. So bleiben materielle Quellen: Tempel mit ihrer Architektur und ihren Darstellungen sowie kleinere Funde. Hier ist das Problem, dass es nur wenige ausgegrabene Tempel mit Reliefdarstellungen gibt, bei vielen sind nur die Grundmauern erhalten. Trotzdem kann man auch das Tempellayout heranziehen: die Tempel für Amun sind nach dem alten ägyptischen Typ gestaltet, die Löwentempel für Apedemak bestehen nur aus einem Raum. Und auch die Reliefs in diesen Tempeln unterschieden sich, wobei wir leider nur von zwei Löwentempeln und zwei Amun-Tempeln einen einigermaßen großen Korpus an Darstellungen haben. Es gibt auch einige Statuen sowie kleinere Funde wie Siegelringe und Amulette, die als Quellen herangezogen werden können. Insgesamt muss man natürlich jede Quellengattung mit den für sie geeigneten Methoden untersuchen.
Was war eine besonders spannende Entdeckung, die Sie im Rahmen Ihrer Forschung gemacht haben?
Lohwasser: Wie es manchmal in der Wissenschaft ist, kommen die Entdeckungen ganz unverhofft. In einem anderen Forschungskontext habe ich mich mit dem ägyptischen Gott Osiris beschäftigt, und zwar nicht in seiner Funktion als ägyptischer Totengott, sondern in seiner Rolle als toter König, mythologischer Vorfahr des lebenden Herrschers und Urahn aller Könige. Und dabei habe ich auch die meroitischen Grabkapellen als Quelle herangezogen und gesehen, dass hier tatsächlich der verstorbene König als Osiris-König gezeigt ist. Das erkennt man daran, dass Osiris in dieser meroitischen Darstellung nicht in seiner mumifizierten Form gezeigt ist, sondern stattdessen den traditionellen Königsmantel trägt. Daran wird deutlich: Wir haben hier den toten König als Osiris vor uns. Mittlerweile habe ich diese besondere meroitische Form des nicht mumifizierten Osiris auch außerhalb der Grabkapellen gefunden, nämlich als Statuetten und Darstellungen in Tempeln. Osiris ist in der meroitischen Vorstellung von Königtum also der Urahn aller Könige sowie der verstorbene Vorgänger jedes einzelnen.
Für meine Forschung bedeutet das, dass eigentlich nicht nur Amun als Gott, der den König auswählt und krönt, und Apedemak als Personifikation des Königtums in meine Fragestellung einzubeziehen sind, sondern auch Osiris in seiner meroitischen Rolle als Vorgänger-König und Ahn, denn als solcher ist er für das Funktionieren des Königtums ebenso essenziell. Für mich besonders spannend ist, dass sich ein völlig neues Verständnis des meroitischen Königtums ergibt, wenn man versucht, sich vom ägyptischen Blickwinkel zu lösen. Auch wenn zuletzt manches ägyptisch erscheint, wie der Gott Amun und seine Tempel, so sind doch der Inhalt und die Ideen, die hinter dieser Gottheit stecken, indigen meroitisch. (fbu/pie)
