
„Die Lakonienforschung kommt gerade richtig in Bewegung“
Interview mit Historiker Hans Beck
Wie entstanden Formen der Zugehörigkeit im antiken Griechenland und welche Rolle spielte dabei das Amyklaion Heiligtum als zentraler Knotenpunkt in Lakonien? Dieser Frage geht das Projekt von Historiker Hans Beck, „Belonging in/to Lakonia. An archaeohistorical study on the Sanctuary of Apollo at Amyklai and its surroundings“, am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ nach. Untersuchungsgegenstand ist der Hügel Agia Kyriaki, 5 km südlich von Sparta, der seit langem mit dem antiken Kultzentrum des Apollon Amyklaios in Verbindung gebracht wird. Das Projekt ergänzt die bereits seit mehr als 20 Jahren vor Ort stattfindenden Ausgrabungen.
Herr Beck, Sie sind Teil einer archäologisch-historischen Studie über das Heiligtum des Apollon in Amyklai und seine Umgebung. Können Sie das Projekt im Süden des heutigen Griechenland und Ihre Beteiligung daran kurz umreißen?
Hans Beck: Seit rund zwei Jahrzehnten führt das Amykles Research Project (ARP) unter Leitung des Archäologen Stavros Vlizos archäologische Feldforschungen im Heiligtum des Apollon auf dem Hügel der Aghia Kyriaki Kirche bei Amyklai durch. Das liegt in Lakonien, einer Landschaft im Süden der Region Peloponnes, etwa fünf Kilometer südlich des heutigen Sparta. Das Hauptaugenmerk von ARP liegt auf dem Verständnis der baulichen Ausgestaltung des Heiligtums und der Rekonstruktion des berühmten Thrones des Apollon. Dieser bestand aus einem imposanten Sockel, auf den ein gut 14 m hohes, mit Bronze umhülltes Standbild des Apollon aufgesetzt war – ein spektakuläres Monument, das sich wie ein Leuchtturm über der Ebene von Sparta erhob! Der Blick in die Landschaft erinnert daran, dass das Heiligtum nicht isoliert dort stand. Aus den schriftlichen Quellen wissen wir, dass es von einer Siedlung umlagert wurde; ein paar Kilometer entfernt gab es ein weiteres, kleineres Heiligtum. Kurz: ein lebendiges Terrain, über das bis heute nur wenig bekannt ist. In unserem Clusterprojekt begeben Sophia Nomicos und ich uns auf Spurensuche. Ziel ist es, den lokalen Kontext des Heiligtums zu verstehen – aus seinem eigenen Umfeld heraus und nicht immer nur mit Blick auf das weiter nördlich gelegene Sparta.

Sie ergänzen die Feldstudien mit historischer Forschung über die Rolle von Amyklai in den komplexen Beziehungen zwischen Sparta und den lokalen lakonischen Gemeinschaften. Wie sieht die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den anderen Forschenden aus?
Hans Beck: Genau das ist der Kern der Sache: Einerseits erschließt sich die Bedeutung des Heiligtums durch archäologische Forschung, wobei ein breites Methodenspektrum zur Anwendung kommt: neben den ARP-Grabungen auf dem Hügel haben wir Surveykampagnen und geophysikalische Prospektionen durchgeführt; unsere Partner aus Kalamata haben dies mit LiDAR – einer optischen Fernerkundungstechnik mittels Laser – begleitet, um einen Überblick über ein großflächiges Areal zu gewinnen. Die Zusammenarbeit mit der Geophysik in Münster war in diesen Segmenten des Projektes besonders wertvoll. Lokale Sinnwelten erschließen sich andererseits aber eben nicht allein aus materiellen Befunden, sondern aus schriftlichen Quellen, wie sie das Alltagsgeschäft von Historiker*innen sind. Und diese weisen oft über den lokalen Horizont hinaus, in vernetzte Sakrallandschaften und Kulturräume. Unser Projekt war daher von Anfang an inter- bzw. transdisziplinär angelegt, es ist quasi „archäohistorisch“. Die historische Religionsforschung zum antiken Griechenland kommt nicht ohne die Archäologie aus, umgekehrt hängt die Materialforschung in der Luft, wenn sie den Dialog mit den Geschichtswissenschaften versäumt.
Die Ausgrabungen auf dem Kyriaki-Hügel dauern seit gut 20 Jahren an, seit 2022 ist die Universität Münster daran beteiligt. Waren Sie bei den Grabungen vor Ort oder genauer: Wie erforschen Sie konkret Ihr Thema?
Hans Beck: Sophia Nomicos arbeitet seit 2022 in Amyklai, ihre Partnerschaft mit ARP reicht schon weiter zurück. In 2023 haben wir uns über meinen Lehrstuhl erstmals an den Grabungen auf dem Hügel beteiligt, 2024 setzte das EXC Surveyprojekt ein, mit eigener Münsteraner Kohorte. Ich selbst bin bei den Kampagnen immer vor Ort in Sparta, meine Hauptaufgabe ist aber das gründliche Aufrollen der literarischen und dokumentarischen Quellen. Diese Arbeit findet in Münster und im Swedish Institute in Athen statt, unserer Partnereinrichtung, die uns zur Seite steht. Was in den Bibliotheken erarbeitet wird, etwa aus den Berichten bei Thukydides, Xenophon und Pausanias, gilt es dann ins Feld zu tragen. Das Verständnis der Quellen hängt entscheidend von der Kenntnis der historischen Topographie ab, wobei uns in Münster unsere eigene Forschungsstelle für Historische Landeskunde des antiken Griechenland (Epichorios) hilft. Während der Kampagnen verbringe ich folglich viel Zeit mit Fragen nach der Siedlungs- und Sakralgeographie – im Eurotastal, aber auch darüber hinaus in den angrenzenden Räumen des Parnon-Gebirges und hinunter zu Kap Maleas und Kap Tainaron. Manches ist dort so verschachtelt, dass man ohne einheimische Kenntnis nicht weiterkommt. Ein einheimischer Arbeiter unserer Grabung hat uns nicht nur einmal geholfen, Geländemarken zu identifizieren, die aus der Literatur heraus allein nicht auffindbar waren. Der Gelehrte und Schriftsteller Pausanias („Beschreibung Griechenlands“, 2. Jhd. n.Chr.), schreibt häufig, dass er sich auf die Expertise von Einheimischen stützt, sogenannte Epichorioi. Ich kann heute besser denn je verstehen, was er damit meinte.

In Ihrer Projektbeschreibung heißt es: Ihr Forschungsansatz weicht bewusst von den thematischen Schwerpunkten der erhaltenen literarischen Quellen ab. Warum und mit welchem Zweck?
Hans Beck: Die literarischen Quellen sind thematisch auf Sparta ausgerichtet. Das beginnt mit Tyrtaios‘ Kampfparänesen und zieht sich in den folgenden Jahrhunderten durch das Genre der Historiographie: der spartanische Sonderfall, Kriegsstaat und Heldentum, eine Gesellschaft holistisch ausgerichtet auf das Militär . Das ganze Programm eben, bis zu den Absurditäten der neuzeitlichen Spartarezeption. Ich habe diese Überprivilegierung von und die durch sie begründete Faszination mit Sparta stets als unbefriedigend empfunden, wenn nicht gar irritierend. Bislang bestimmt sie auch das Bild von Amyklai, wenigstens in der historischen Forschung. Perspektivisch geht es immer um die Bedeutung Amyklais für Sparta und seine Kriegerelite. Wir haben hier eine dezidiert andere Stellung bezogen. Denn zum einen geht es uns um die Einordnung des Heiligtums in den unmittelbaren lokalen Raum, zum anderen bestehen brennende Fragen nach der Konnektivität mit anderen Kultplätzen in der Südpeloponnes. Die Stärke unseres Zugriffs liegt darin, dass wir Amyklai als solches ernstnehmen und nicht nur als Dependance von Sparta sehen. Zugegeben hat das viel mit der lokalen Wende zu tun, die wir seit Jahren forcieren und die ja auch sonst Spuren in der Arbeit des Clusters hinterlassen hat.
Können Sie bereits jetzt aus historischer Sicht etwas über die Beziehungen zwischen lokalen lakonischen Gemeinschaften sagen und welche Rolle Amyklai dabei einnahm?
Hans Beck: Amyklai kommt in der klassischen Zeit (5. und 4. Jahrhundert v. Chr.) die zentrale Rolle zu, dass dort die „Hyakinthien“ stattfanden, eines der großen spartanischen Feste zu Ehren des Apollo und seines Gefährten Hyakinthos. In der Forschung ist manchmal sogar vom spartanischen ‚Nationalfest‘ die Rede. Man sieht, hier wird narrativ richtig aufgerüstet, um der spartanischen Perspektive Sinnkraft zu verleihen. Nun wissen wir über die Hyakinthien schon seit langem, dass sie allen möglichen Leuten offenstanden – Spartanern, Lakedaimoniern und Fremden, Männern wie Frauen, Freien und Unfreien. Dieser stark integrierende Charakter reicht sichtbar über die Polis Sparta hinaus. Der Vergleich mit der Kultpraxis in anderen Heiligtümern des Apollon auf der Südpeloponnes hat eine sichtbare Kohärenz der Befunde hervorgebracht. Die Spartaner stechen nicht als eigene Gruppe hervor, sondern sind Teil eines Netzwerkes, das die verschiedenen lokalen Eliten in der Region miteinander verbindet. Wenn wir diese Perspektive auf Amyklai übertragen, ergibt sich ein anderes Bild: eines, bei dem es nicht um spartanische Machtdemonstration und steile Hierarchie geht, sondern um Elitenkommunikation unter Gleichen. Amyklai ist dabei nicht einfach nur ein Satellit Spartas, sondern ein zentraler lokaler Raum, der Kommunikation auf Augenhöhe ermöglicht.
Worüber sprachen diese Eliten beispielsweise?
Hans Beck: Im Kern geht es um die Aushandlung von gemeinsamen Handlungsstrategien, also um politische Macht. Dass Sparta seit dem 8. Jahrhundert die tonangebende Stadt in der Region war, ist klar. Die direkte Herrschaftsausübung über die Siedlungen im unteren Eurotastal und weiter in Richtung Kap Tainaron und Kap Maleas war aber praktisch kaum umsetzbar. Der Führungsanspruch der Spartaner musste insofern von den Eliten der anderen Städte – sie werden seit der Antike für gewöhnlich unter dem Label der Periöken zusammengefasst – mitgetragen werden.

Wie hat die lokale Situation in Amyklai zum Entstehen eines Zugehörigkeitsgefühls in der Region beigetragen? Wie genau definieren Sie dieses „Belonging“?
Hans Beck: Ich habe dies gerade angedeutet: Über die genannten Lakedaimonier wissen wir, dass ihre kulturellen Traditionen älter sind als diejenigen der Spartaner. Anders als die Letzteren begegnen uns die Lakedaimonier bereits im Befund der sogenannten Linear B Tafeln aus der späten Bronzezeit. Kürzlich ist die Lokalisierung ihres Palastzentrums gelungen, bei Aghios Vasileios, gute 10 km südlich von Amyklai. Seither diskutieren wir lebhaft und manchmal auch kontrovers über das Verhältnis zwischen beiden Orten. Die Frage nach dem Dazugehören ist in diesen Diskussionen zur zentralen Denkfigur avanciert. Wir müssen abwarten, wie sich die Befundlage in den kommenden Jahren entwickelt. Ein erstes Zwischenfazit deutet aber an, dass die Menschen in der Region seit der Palastzeit ein vielschichtiges und über die Zeit natürlich bewegliches Zugehörigkeitsgefühl entwickelt haben; in der Projektsprache, „a sentiment of belonging to place, people, and to a proto-political organization“.
Ihr Projekt gehört am Cluster zum Forschungsfeld „Religiöse Vielfalt und rechtlich-politische Einheit“. Wie sind Zugehörigkeit und Religion in Lakonia miteinander verknüpft?
Hans Beck: Der gerade genannte Verweis auf die späte Bronzezeit macht deutlich, dass wir es mit langen Zeitläuften in der Antike zu tun haben, im Rahmen unseres Projektes mit gut 1.000 Jahren – von der späten Bronzezeit bis in den Hellenismus. Bei strukturellen Fragen müssen wir demnach immer die lebendige diachrone Dynamik im Hinterkopf behalten. Religion, Götterglaube und kultisches Handeln unterliegen über einen so langen Zeitraum selbst tiefgehenden Veränderungen. Ein verbindendes Element ist meines Erachtens – und dies macht unsere Arbeit vor Ort auch so sinnfällig – die Kontinuität von Naturraum und Kulttopographie, die diese Prozesse umrahmen: der Hügel der Aghia Kyriaki, heute mit einer heiligen Figur des Christentums identifiziert, zuerst aber eine Kultstätte bronzezeitlicher Religion; sodann Ort eines Heroenkultes; dann zentrales Heiligtum im Prozess der Genese griechischer Religion, mit eigenem Pantheon und rituellem Skript; in der Folge Umdeutungen von Raum und Religion unter dem Einfluss des Imperium Romanum, bis hin zur genannten Christianisierung des Hügels. Amyklai hat diese lange Dauer der Dinge nicht nur begleitet, sondern ihnen auch ihr eigenes Gepräge im lokalen Raum gegeben.
Was fasziniert Sie persönlich besonders an Ihrem Forschungsthema und warum sind Ihre Forschungen wichtig?
Hans Beck: Die Lakonienforschung kommt gerade richtig in Bewegung. Von der Lokalisierung des bronzezeitlichen Palastes gehen Impulse für das Verständnis der Kulturlandschaft des Eurotastales aus – und umgekehrt stellen sich dadurch auch neue Fragen. In Sparta selbst tut sich übrigens einiges. Neue Strukturmaßnahmen der EU, darunter auch ein neues Antikenmuseum, krempeln die Stadt mächtig um. Unser Projekt fügt sich insofern in eine lebendige internationale Forschungsdebatte wie auch in spannende lokale Dynamiken ein. In Partnerschaft mit ARP haben wir als Münsteraner Altertumswissenschaften die einzigartige Möglichkeit, diese Prozesse mitzugestalten, konkret das Verhältnis des wichtigsten Heiligtums der Südpeloponnes zu seinem unmittelbaren Umfeld wie auch zu anderen Kultplätzen der Region zu klären. Damit verbindet sich dann auch die Neuaushandlung der grundsätzlichen Frage nach Spartanern und Lakedaimoniern. Ich finde es elektrisierend, dazu einen Beitrag leisten zu können. Unser Clusterprojekt hat es Sophia Nomicos und mir ermöglicht, ein tolles Team von Wissenschaftler*innen und Studierenden zu bauen. Sparta ist faszinierend, klar, aber jenseits von Sparta liegt eine Kulturlandschaft, in der es immense Forschungs- und Erkenntnispotenziale gibt – und die unserem Team viel Arbeit aufgibt. (pie/tec)
