„Wir betreten zum Teil völliges Neuland“

Interview mit den Sinologinnen Kerstin Storm und Lisa Kerl

Das Forschungsprojekt „Neues aus China? – Wissensquellen, Wissensaneignung und Wissenstransfer von Missionaren in China im 19./20. Jahrhundert“ am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ widmet sich der zentralen Fragestellung, zu welchem Zweck und in welchem Kontext christliche Missionare im genannten Zeitraum vor Ort ein sogenanntes „Chinawissen“ gewannen.  Sinologin und Projektleiterin Kerstin Storm sowie die Promovierende Lisa Kerl berichten von ihrer Arbeit mit den Quellen und den Erkenntnissen, wie Wissen an Einzelne, Gruppen oder Institutionen transnational transferiert wurde.

Sinologin Kerstin Storm
© Nadia Stichweh

Ihr Projekt am Exzellenzcluster trägt den Titel „Neues aus China? – Wissensquellen, Wissensaneignung und Wissenstransfer von Missionaren in China im 19./20. Jahrhundert“. Wo ordnet sich Ihre wissenschaftliche Forschung ein?

Kerstin Storm: In der Sinologie wie auch in der Missionsforschung wurde bisher der sogenannten „alten Mission“, also den großen römisch-katholischen Orden der Jesuiten, Franziskaner, Dominikaner und Augustiner, viel Aufmerksamkeit zuteil. Europa war damals noch von einer regelrechten Sinophilie geprägt: Man bewunderte die sich am anderen Ende der Welt befindliche, exotisch erscheinende Zivilisation und wollte dem chinesischen Volk das christliche Himmelreich nahebringen. Seit den ersten christlichen Missionsbemühungen im 16. und frühen 17. Jahrhundert in China, also mindestens seit Matteo Ricci (1552–1610), der als Vater der christlichen Mission in China gilt, haben Missionare gerne und häufig zur Feder gegriffen: Zum einen wurden Texte für den Gebrauch in der Missionspraxis vor Ort verfasst. Es entstanden Wörterbücher und Grammatiken der chinesischen Sprache, die sich primär an das Missionspersonal richteten. Bibelübersetzungen und generell biblisch angelehnte Werke wie Katechismen und apologetische Schriften auf Chinesisch wurden im Missionsalltag verwendet, zudem entstanden etwa Lehrbücher für die Missionsschulen. Die Missionare schrieben aber auch Werke für ein vorrangig europäisches Zielpublikum, so etwa die vielen Übersetzungen chinesischer Literatur – vor allem, aber nicht ausschließlich, der konfuzianischen Klassiker – Monographien und Artikel über chinesische Geschichte, Geographie, Botanik etc., die das Bild Chinas prägten. Ein Beispiel ist etwa das enzyklopädische China illustrata von Athanasius Kircher aus dem Jahr 1667. Diese Übersetzungen und das wissenschaftliche Interesse an der vormodernen und modernen chinesischen Sprache begründen im Prinzip auch die Sinologie als akademische Disziplin. Grundsätzlich waren die Missionare breit interessiert, haben sich also keineswegs allein auf Religion fokussiert, sondern versucht, die chinesische Kultur zu verstehen.

Die Missionsgesellschaften des sogenannten „langen 19. Jahrhunderts“ und damit der „neuen Mission“ dagegen, denen wir uns in unserer Forschung widmen, sind wissenschaftlich weitaus weniger systematisch aufgearbeitet worden. Unser Projekt bezieht sich deshalb auf die Chinamission im 19./20. Jahrhundert und widmet sich dabei dem Phänomen des Wissenstransfers unter der zentralen Fragestellung, zu welchem Zweck und in welchem Kontext christliche Chinamissionare sogenanntes „Chinawissen“ gewannen, welche Quellen ihnen dafür zur Verfügung standen und wie dieses Wissen an Einzelne, Gruppen oder Institutionen transnational transferiert wurde.

Wer genau waren die Akteure des Wissenstransfers im 19./20. Jahrhundert?

Kerstin Storm: Wir nehmen in unserem Projekt zwei von insgesamt vermutlich etwa mehrere Hundert Missionsgesellschaften in den Blick, die in dieser Zeit in China aktiv waren: die Schweizer pietistische Evangelische Missionsgesellschaft zu Basel und die römisch-katholische Gesellschaft des Göttlichen Wortes, bzw. Steyler Mission aus den Niederlanden. An diesen Beispielen soll exemplarisch nachvollzogen werden, welchen Beitrag Missionsgesellschaften unterschiedlicher Konfession zum zeitgenössischen Chinawissen in Europa leisteten, auf welchen Grundlagen es überhaupt beruhte und in welcher Form es weitergegeben oder gegebenenfalls auch zensiert wurde.

Wir verstehen Missionsgesellschaften und -orden dabei als Wissensnetzwerke, in denen das bereits genannte Chinawissen zirkulierte und verarbeitet wurde. An diesen sogenannten knowledge-networks sind einzelne Individuen beteiligt, z.B. Missionare, deren Ehefrauen oder chinesische Konvertiten, aber auch Gruppen wie die Heimatgemeinde der Missionare in Europa, chinesische Dorfgemeinschaften und sogar ganze Institutionen wie die Kirchen, Universitäten, Akademien oder auch Regierungen.

Sinologin Lisa Kerl
© privat

Sie haben gerade die Rolle von Individuen in den knowledge-networks betont. Wie verbreiteten dieses ihr Chinawissen?

Lisa Kerl: Konkret konnte die Verbreitung von Wissen so aussehen, dass z.B. ein katholischer Missionsorden wie die Societas Verbi Divini, das sind die Steyler Missionare, beschließt, sie müsse die Arbeit ihrer noch recht jungen Mission in China mit sinologisch wissenschaftlich ausgebildetem Personal unterstützen. Also wurde beispielsweise der gerade frisch ordinierte Priester Franz Xaver Biallas (1878–1936) aufgrund seiner hervorragenden schulischen Leistungen dazu bestimmt, an eine staatliche Universität zu gehen, um dort Sinologie zu studieren. Nach abgeschlossenem Studium in Berlin, Paris und Leipzig sowie einer halb fertigen Dissertation ging er für seine Missionsarbeit nach China und stellte dort neben seinen Alltagspflichten als Missionar und mit Hilfe von ihm nun in China zugänglicher Literatur seine Dissertation fertig. Darin übersetzte und annotierte er – zum ersten Mal in einer westlichen Sprache überhaupt – ein Gedicht aus dem Chuci (Gesänge aus Chu), einer der wichtigsten antiken chinesischen Gedichtsammlungen. 1927 und 1932 veröffentlichte er diese Übersetzung in zwei Teilen in der Zeitschrift Asia Major, die eine der ersten sinologischen Fachzeitschriften war und bis heute zu den wichtigsten sinologischen Publikationsorganen gehört. Biallas erhielt daraufhin positive Reaktionen in der sinologischen Fachliteratur sowohl in Europa als auch in China selbst, hingegen gemischte Rückmeldung seines eigenen Ordens, weil der sinologische Weg ein Abweg zu sein schien, der dem eigentlichen Ziel, der Verbreitung des christlichen Glaubens, keinen unmittelbaren erkennbaren Dienst erwies. 

Mit welchen besonderen Herausforderungen mussten die Missionare in China zurechtkommen?

Kerstin Storm: Die Dissertation von Pater Biallas, heute größtenteils vergessen, gibt uns Aufschluss darüber, in welchem Spannungsverhältnis wissenschaftliches Arbeiten und Missionsarbeit gelegen haben und ermöglicht einen Einblick in Aspekte wie etwa Übersetzungsmethoden, wissenschaftliche Praxis oder auch die Frage nach möglicher Zensur. Andere Missionare haben ethnografisch gearbeitet und Berichte zum Beispiel über (ggf. auch regional unterschiedliche) Begräbnisbräuche verfasst. Zu den größten Herausforderungen zählten sicher das ungewohnte Klima, die Sprachbarriere, aber auch das grundsätzlich unterschiedliche Verständnis von Religion, das die Chinesinnen und Chinesen hatten: Den Monotheismus und die Exklusivität, nur einer einzigen Religion anzugehören, kannten und kennen die meisten Menschen in China nicht. Es war vollkommen normal, morgens dem Küchengott zu huldigen, mittags von einem daoistischen Priester Medikamente für die kranke Mutter entgegenzunehmen und abends im buddhistischen Tempel Sutren zu singen und zu Buddha oder Bodhisattvas zu beten. Das steht dem christlichen Glauben natürlich diametral entgegen und ist im Sinne der Missionare auch nicht tolerierbar. Zudem standen die chinesischen Kaiser christlichen Missionaren seit dem 18. Jahrhundert sehr skeptisch und bisweilen auch restriktiv gegenüber.

Der Fokus Ihres Projekts liegt u.a. darauf, wie Religionszugehörigkeit den Transfer von „Chinawissen“ in den Westen beeinflusst hat. Wie wirken sich konfessionelle Unterschiede auf den Wissenstransfer aus?

Kerstin Storm: Es ist sehr wichtig, bei der Beantwortung dieser Frage zwischen den einzelnen Konfessionen zu unterscheiden. Oft werden Missionsgesellschaften und -orden über einen Kamm geschoren und dabei wird der große Einfluss unterschlagen, den Ordensregeln oder institutionelle Vorgaben einer Missionsgesellschaft auf den Wissenstransfer haben können. Ein wichtiger Aspekt ist dabei, dass zum Beispiel die Publikationen einer römisch-katholischen Missionsdruckerei wie die der Steyler Mission durch die Hände eines kirchlichen Prüfers der Römisch-Katholischen Kirche, der Texte auf ihre Glaubens- und Sittenlehre untersuchte, dem Censor librorum, gegangen sein mussten und erst dann publiziert werden durften, nachdem dieser Zensor sie für unbedenklich („nihil obstat“) erklärt hatte. Einem derartigen Prozess mussten sich protestantische Missionsgesellschaften nicht unterziehen. Bei diesen spielt aber etwa die Familie eines Missionars eine wesentliche Rolle im Wissenstransfer, die so natürlich bei katholischen Orden nicht gegeben ist: Gerade Ehefrauen, die zwar niemals angestellt wurden, waren für die Mission unverzichtbar, weil nur sie in Kontakt mit chinesischen Frauen kommen und etwa über Bibelkreise oder karikative Tätigkeiten den christlichen Glauben vermitteln konnten. Dieser Aspekt ist gerade in der Forschung in den letzten Jahren stark betont worden. Zudem ist der Bildungshintergrund bei den Basler und Steyler Missionaren ganz unterschiedlich: Während die Steyler hochgebildete Männer nach China schickten, rekrutierte die Basler Mission häufig Handwerker, die nicht unbedingt ein akademisches Interesse an der chinesischen Kultur hatten.

Eine von vielen Quellen: Monatsschrift für deutschsprechende Chinesen aus dem Jahr 1925
© N.Kerl

Ein großer Teil der praktischen Arbeit in Ihrem Projekt findet im Archiv statt. Welche Vorteile bietet die Arbeit mit bis dato unerforschtem Archivmaterial? 

Lisa Kerl: Im Gegensatz zu bereits publizierten Dokumenten können wir anhand der Originale nicht nur den Inhalt erschließen, sondern auch den Schreibprozess. Ein schönes Beispiel ist ein Quartalsbericht über die eigenen Aktivitäten, den ein Missionar der protestantischen Basler Mission zu verfassen hatte: Der junge Mann hat den Bericht auf seiner Missionsstation auf dem Land in Südchina in den späten 1920er Jahren auf der Schreibmaschine verfasst und ihn ordnungsgemäß an seinen Vorgesetzten in Hongkong geschickt. Von diesem Vorgesetzten können wir handschriftliche Anmerkungen im Text lesen, die wiederum von einem der Vorstandsmitglieder in der Schweiz ergänzt worden sind. Am Schluss des Berichtes steht dann sinngemäß das Urteil, dass der Bericht alles in allem gelungen sei, aber noch einmal auf Orthographie geprüft werden müsse und dann in einer Missionszeitschrift veröffentlich werden könne.

Kerstin Storm: Solche Details verraten uns viel über die Entstehungsbedingungen von Texten, die im Kontext der Chinamission verfasst werden, u.a. dass es eine institutionalisierte Prüfung von Berichten gab, dass die Aktivitäten der Missionare einer Aufsicht unterlag und dass das nach Europa vermittelte Chinabild über den Missionar hinaus weiteren Filtern unterlag. In dieser Sache zu generalisieren, wagen wir aber noch nicht, weil es sich bei unseren Studien um Einzelfallstudien handelt. An dem Archivmaterial ist darüber hinaus natürlich spannend, dass vieles davon zuvor noch nie Gegenstand der Forschung war und wir teils völliges Neuland betreten.

Apropos Schreibmaschine und Handschrift, die beide ja bekanntlich immer seltener werden: Welche Technik wurde denn genutzt, um das Wissen nach Europa zu bringen?

Lisa Kerl: Die meisten Schriftstücke, die wir bislang untersucht haben, sind tatsächlich mit der Schreibmaschine geschrieben worden, manchmal um handschriftliche Anmerkungen erweitert. Sie haben per Post den Weg von China nach Europa und umgekehrt gemacht, waren teils also wochen- oder monatelang unterwegs, in der Regel mit dem Schiff auf dem Seeweg vorbei an Indien nach Kanton in Südchina bzw. umgekehrt.

Wie wirkt sich das übermittelte „neue Chinawissen“ auf das heutige Chinabild im Westen aus?

Kerstin Storm: Religion, nicht nur die christliche, ist in der heutigen Volksrepublik ein heikles Thema, obwohl in China qua Verfassung Religionsfreiheit herrscht. Gerade im interkulturellen Austausch ist es deshalb wichtig zu verstehen, weshalb Strukturen so gewachsen sind, wie wir sie heute erkennen können. Unser Projekt wirft ein Licht auf die Zusammenhänge von Imperialismus, Christentum und Wissensgeschichte im ausgehenden chinesischen Kaiserreich und trägt dadurch dazu bei, auch den gegenwärtigen Standpunkt der Kommunistischen Partei Chinas zum Thema Religion in einem weiter gefassten Kontext zu sehen und besser zu verstehen.
Weil China sich aber nach dem Fall des Kaiserreichs, der Gründung der Volksrepublik 1949, der Reform- und Öffnungspolitik in den 1980er Jahren, die ja einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung ermöglicht hat, massiv verändert hat, ist das seither in Deutschland vermittelte Chinabild ein völlig anderes als dasjenige, das die Missionare damals vermittelt haben. Das kulturelle Interesse an China ist nachweislich gesunken, die Berichterstattung beschränkt sich leider allzu häufig auf China als außenpolitische Bedrohung – darüber hinaus ist das Chinawissen eher gering.

Auch für die eigene Fachgeschichte ist es unabdingbar, sich mit dem Feld Missionsgeschichte zu befassen: Ein Großteil der Sinologen der ersten Generation waren Missionare. Viele Übersetzungen chinesischer Literatur, die teils noch heute als Standardübersetzungen gelten – etwa die Übersetzungen der konfuzianischen Klassiker ins Deutsche durch Richard Wilhelm (1873–1930) oder ins Englische durch James Legge (1815–1897), die bis heute zurecht als Standardübersetzungen gelten, sind in einem ganz bestimmten Kontext entstanden, der sich, etwa durch christliche Terminologie, auch auf das darin vermittelte Chinabild auswirkt. Sich darüber bewusst zu werden, in welchem wissenschaftlichen Selbstverständnis man lernt und arbeitet, ist essenziell. (pie/fbu)