2013-01 Maria Pia Archiv

Zwischen Laptop und Folianten

Wer im Vatikanischen Geheimarchiv oder im Archiv der Glaubenskongregation einmal die mit dem Staub der Jahrhunderte bedeckten Folianten und Schachteln in Händen gehalten hat, wird immer wiederkommen. Es ist wie eine Sucht, die zu einer immer leidenschaftlicheren Suche nach Antworten auf offene Fragen der Geschichte führt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Seminars für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte forschen im Rahmen mehrerer großer Forschungsprojekte und zahlreicher Abschlussarbeiten vor Ort in den vatikanischen und anderen Archiven. Für das Institut für Bistumsgeschichte und das Institut für Religiöse Volkskunde steht dabei die regionale Geschichte im Vordergrund. Mehrere Vorhaben führt das Seminar gemeinsam mit Kooperationspartnern durch.

Langfristvorhaben der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)

"Buchzensur durch Römische Inquisition und Indexkongregation in der Neuzeit"

Titelkupfer Hell Zu Kontrolle Des WissensZu den bestgehüteten Geheimnissen der neuzeitlichen Geschichte gehörte bis 1998 das Archiv der Römischen Inquisition und Indexkongregation, das sich heute in der Obhut der Kongregation für die Glaubenslehre befindet. In einem groß angelegten Langfristvorhaben, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, wird die Aufarbeitung der Jahrhunderte dauernden Geschichte der Zensur-Institutionen angegangen. In drei Säulen wird ein international und interdisziplinär nutzbares Hilfsmittel für die Geschichte der römischen Buchzensur von ihren Anfängen im 16. Jahrhundert bis zum Ende des Index im Jahr 1966 erarbeitet.

"Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte von Eugenio Pacelli"

Pacelli Als Nuntius 75Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII. (1939-1958), bestimmte schon als Nuntius in Deutschland von 1917 bis 1929 die vatikanische Politik maßgeblich mit. Seit 2003 beziehungsweise 2006 sind seine mehr als 6.000 Berichte im Vatikanischen Geheimarchiv zugänglich. Sie eröffnen eine neue Perspektive auf die katholische Kirche in der Weimarer Republik, aber auch auf die Politik und die Alltagskultur in Deutschland und Europa. Die Mitarbeiter des von der DFG finanzierte Langfristvorhabens werden in Zusammenarbeit mit dem Vatikanischen Geheimarchiv und dem Deutschen Historischen Institut Rom die Berichte komplett mit Anlagen erfassen, kritisch edieren, kommentieren, auswerten und im Internet zugänglich machen.

"Kritische Online-Edition der Tagebücher von Michael Kardinal von Faulhaber (1911-1952)"

Faulhaber 75Michael Kardinal von Faulhaber (1869-1952) war Erzbischof von München, ein herausragender Theologe, Vordenker des politischen Katholizismus und Streiter für kirchliche Interessen. Seine umfangreichen Tagebücher werden in diesem Projekt wissenschaftlich kommentiert und online veröffentlicht. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft bewilligte dazu im Juli 2013 ein auf zwölf Jahre angelegtes Langfristvorhaben, das der Historiker Prof. Dr. Andreas Wirsching vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und Prof. Dr. Hubert Wolf gemeinsam verantworten. Kooperationspartner ist das Erzbischöfliche Archiv München, das die Tagebücher Faulhabers verwahrt. Faulhaber schrieb überwiegend in der Kurzschrift „Gabelsberger“. Da diese nur noch sehr wenige Sachverständige entziffern können, drohen umfangreiche Archivbestände unzugänglich zu werden. Indem das Projekt Gabelsberger-Schulungen umfasst, leistet es einen wichtigen Beitrag zur Bewahrung dieser Kulturtechnik.

Institute

 Institut für die Geschichte des Bistums Münster

Galen 75Das Institut für die Geschichte des Bistums Münster wurde 2004 als Kooperationsprojekt zwischen der Diözese und der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) gegründet. Ziel ist es, die Geschichte der Ortskirche des westfälischen Münsterlandes zu erschließen und in der Lehre zu präsentieren. Das Institut ist in geschichtlichen Fragen auch Ansprechpartner für Verbände und Institutionen des Bistums. Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt in der Rekonstruktion von Aktenbeständen des Bistums, die im Zweiten Weltkrieg verlorenen gegangen sind. Erstlingswerke junger Autoren zur Geschichte des Bistums nimmt die Buchreihe „Junges Forum Geschichte“ in den Blick. In weiteren Projekten werden die Archivalien der Visitatur Ermland erfasst, das „Westfälische Klosterbuch“ fortgeführt und die Geschichte der „Wandernden Kirche“ in der Zeit des Nationalsozialismus untersucht. Außerdem bringt sich das Institut mit einem Drittmittelprojekt in die Ausstellung „Wege zum Frieden“ ein. Der Teilbereich „Friedenskraft des Christentums“ wird in Münster anhand von hochrangigen, zum Teil internationalen Leihgaben die christlichen Friedensvorstellungen sowie den Zusammenhang mit dem Judentum und dem Islam thematisieren. Das Projektteam bilden der Kurator  Dr. Thomas Fusenig, die Kuratorin Viktoria Weinebeck,  Elisabeth Lange und Katrin Toelle.

Institut für Religiöse Volkskunde e.V.

Volkskunde Bib 75Das Institut für Religiöse Volkskunde dient, seiner Satzung aus dem Jahr 1964 gemäß, der Förderung wissenschaftlicher Forschung zu den Gebieten der religiösen Volkskunde und der rheinisch-westfälischen Kirchengeschichte. In Zusammenarbeit mit dem Institut für die Geschichte des Bistums Münster und der Abteilung für Westfälischen Landesgeschichte der WWU stellt es eine umfangreiche Bibliothek zur Verfügung. Zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses schreibt das Institut alljährlich das „Alois Schröer-Stipendium“ aus.

Weitere Aktuelle Projekte

Kooperationsprojekt "Joannes Baptista Sproll, Bischof von Rottenburg 1927-1949"

Sproll75

Joannes Baptista Sproll, geboren 1870, amtierte von 1927 bis zu seinem Tod im Jahr 1949 als Bischof der Diözese Rottenburg. Er erlebte zahlreiche politische Umbrüche: vom Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik, das „Dritte Reich“ und den Zweiten Weltkrieg bis zur Besatzungszeit. Überregionale Bekanntheit erlangte er, als er sich 1938 demonstrativ weigerte, an der Volksabstimmung und Reichstagswahl anlässlich der Annexion Österreichs teilzunehmen. Durch inszenierte Demonstrationen vertrieben die Nationalsozialisten den schon seit Jahren unbequemen Bischof als „Volksverräter“ aus seiner Diözese – ein im deutschen Episkopat singulärer Fall. Erst nach Kriegsende konnte der schwerkranke Bischof aus seinem bayerischen Exil zurückkehren.

ABGESCHLOSSENE PROJEKTE

Päpstliches Zeremoniell in der Frühen Neuzeit (SFB 496, Teilprojekt B6)

Sfb Papstritual 75Mit dem Teilprojekt „Das Päpstliche Zeremoniell in der Frühen Neuzeit (1563-1789). Höfische Repräsentation, theologischer Anspruch und liturgische Symbolik“ (B6) waren Prof. Dr. Hubert Wolf und das Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte im Sonderforschungsbereich (SFB) 496 vertreten, dessen Förderphase am 31. Dezember 2011 abgelaufen ist. Im Zentrum stand die Frage nach der wechselseitigen Prägung von theologischen Wertvorstellungen und symbolischen Praktiken.

Der Vatikan und die Legitimation physischer Gewalt. Das Beispiel des Spanischen Bürgerkriegs (Exzellenzcluster "Religion und Politik", Teilprojekt D9)

Cluster 75Die Bestände des Vatikanischen Geheimarchivs (ASV) bieten ein schier unerschöpfliches Reservoir, um die weltumspannende Politik der katholischen Kirche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Blick auf das Themenfeld „Religion und Gewalt“ aus neuer Perspektive zu betrachten: Wie beobachtete und bewertete der Vatikan physische Gewalt in verschiedenen Ländern? Am Beispiel des blutigen Konflikts, der in den dreißiger Jahren das tief katholische Spanien zerriss, wird die Brisanz dieser Fragen besonders deutlich.