Pius XII. und die Juden (1939-1958)

© Breit, Der Weg der Kirche, Essen 1939

Seit dem 2. März 2020 sind die zuvor verschlossenen Bestände aus dem Pontifikat Piusʼ XII., also aus den Jahren 1939 bis 1958, für die Forschung zugänglich. Die Stiftung Alfried Krupp von Bohlen und Halbach unterstützt die Arbeit von Prof. Hubert Wolf und seinem Team in den vatikanischen Archiven mit knapp 250.000 Euro. Im Projekt beschäftigt sind Dr. Elisabeth-Marie Richter und Dr. Sascha Hinkel.

Im Fokus des Interesses steht eine Frage, über die seit mehr als einem halben Jahrhundert heftig gestritten wird: Was wusste Pius XII. von der Shoa, warum verurteilte er sie nicht laut und deutlich? Mithilfe der Fördergelder sollen darüber hinaus vier weitere Themen erforscht werden. Dazu zählt der Umgang Pius’ XII. mit der Schuldfrage und seinem Verzicht auf einen deutlicheren Protest gegen die NS-Verbrechen nach Kriegsende. Die „Rattenlinie“, also die Fluchthilfe von Kirchenvertretern für nationalsozialistische Verbrecher, soll ebenso in den Blick genommen werden wie die Stellung des Heiligen Stuhls zur Gründung des Staates Israel. Außerdem geht es um grundsätzliche theologische Reflexionen über das Verhältnis zum Judentum, wie sie dann das Zweite Vatikanische Konzil in der Erklärung „Nostra aetate“ formuliert hat.

Die neu zugänglichen Bestände in den vatikanischen Archiven umfassen mehr als 200.000 Kartons, Akten und Mappen, die jeweils wiederum bis zu 1.000 Blatt Papier enthalten können. Dokumente zum Verhältnis von katholischer Kirche und Judentum sind verstreut in verschiedenen Archiven zu erwarten. Das Projekt läuft vom 1. Januar 2020 bis zum 31. Dezember 2021 und dient dazu, einen Überblick über die Aktenberge zu bekommen und erste Fallstudien zu betreiben. Es kann vor allem auf die Erfahrungen in den von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Langfristvorhaben „Buchzensur durch Römische Inquisition und Indexkongregation“ und „Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte von Eugenio Pacelli“ aufbauen.