Grenzen aufbrechen – Brücken bauen

Nein, das Panorama der San Francisco Bay Area inklusive Golden Gate Bridge im Hintergrund ist keine Fototapete. Hendrik Weber ist gerade als Gastwissenschaftler an der University of California in Berkeley, als er zum Video-Interview erscheint. Aber es ist nicht nur der phänomenale Ausblick aus dem Bürofenster, der ihn strahlen lässt: Der Mathematiker schaut auf ein erfolgreiches Jahr zurück.
Es begann damit, dass das Simons Laufer Mathematical Sciences Institute ihm den „Clay Senior Scholar Award“ verlieh und ihn zu einem mehrmonatigen Aufenthalt in die USA einlud. Im Mai folgte die frohe Botschaft, dass Bund und Länder den Exzellenzcluster „Mathematik Münster“ für weitere sieben Jahre mit rund 40 Millionen Euro fördern. „Damit können wir die positive Dynamik der ersten Förderperiode in Gang halten und die internationale Sichtbarkeit von Münster als Forschungsstandort weiter erhöhen“, freut sich der 44-Jährige, der als Projektleiter am Cluster beteiligt ist.
Bis die Sektkorken knallen konnten, war viel Arbeit nötig. Drei Jahre lang setzten sich die Forscherinnen und Forscher immer wieder zusammen, um am Verlängerungsantrag zu schreiben. „Unser Ziel war ein neues Forschungsprogramm, das die Grenzen zwischen den mathematischen Disziplinen noch weiter aufbricht“, sagt er. Denn Konzepte und Techniken aus verschiedenen Bereichen zu kombinieren, um neue Lösungswege zu finden, hatte sich in den vergangenen Jahren als ein fruchtbarer Ansatz erwiesen.
„Die ersten Entwürfe des Antrags waren wild“, erinnert er sich. „Aber der Prozess, erst einmal alle Ideen in den Raum zu werfen und dann gemeinsam zu überlegen, was die großen Linien sind, war extrem wertvoll.“ Nach und nach sei, koordiniert von den Clustersprechern Prof. Dr. Thomas Nikolaus und Prof. Dr. Mario Ohlberger, ein kohärentes Ganzes entstanden, das alle Beteiligten mittrugen und den Gutachtern mit dem nötigen Funken Begeisterung präsentierten.
Diese Begeisterung und Aufbruchsstimmung war es auch, die ihn 2022 überzeugte, an die Universität Münster zu wechseln, wo er seitdem eine „Bridging the Gaps“- Professur für stochastische Analysis innehat. Das bedeutet, dass seine Forschung Brücken zwischen verschiedenen Bereichen schlägt, in seinem Fall zwischen Wahrscheinlichkeitstheorie und Analysis. Dieses Teilgebiet der Mathematik beschäftigt sich mit Funktionen und ihrem Verhalten, um Veränderungen und Zusammenhänge, etwa in den Naturwissenschaften, exakt zu beschreiben. Schon zu seiner Schulzeit in Leverkusen war er fasziniert von der Mathematik, die hinter der Chemie und Physik steckt. Er studierte in Heidelberg, Paris und Bonn.
Nach seiner Promotion stieg er im britischen Wissenschaftssystem auf: vom Postdoc an der University of Warwick bis hin zum Professor an der University of Bath. Der Wechsel nach Münster war eine gute Entscheidung, findet er. Mit dem Cluster, dem im Oktober gestarteten Graduiertenkolleg in der Stochastik, dem Geometrie-Sonderforschungsbereich und dem zukünftigen „Centre for Mathematics Münster“ gebe es hier beste Rahmenbedingungen für wegweisende mathematische Forschung. Worauf er sich in der nächsten Cluster-Förderperiode am meisten freut? „Richtig coole Mathematik zu machen. Wir haben so lange geplant, was wir alles machen wollen. Jetzt ist es an der Zeit, einige Theoreme zu beweisen!“
Im neuen Forschungsprogramm ist er als „Brückenbauer“ an mehreren Themenfeldern beteiligt. In einem Projekt arbeitet er eng mit Prof. Dr. Raimar Wulkenhaar zusammen, der Experte für mathematische Physik ist. Die Ausgangssituation: Viele Modelle in der Physik fußen auf der Quantenfeldtheorie, zum Beispiel das Standardmodell der Teilchenphysik, das beschreibt, wie alle Elementarteilchen miteinander interagieren. Mathematisch gesehen, sind dabei seit den 1950er-Jahren viele Fragen offen. „Wir haben einen gemeinsamen Ansatz erarbeitet, um ein Teilproblem dieser Theorie zu untersuchen. So möchten wir im besten Fall zu einer rigorosen mathematischen Grundlage beitragen“, erklärt Hendrik Weber. Dafür kombinieren sie unterschiedliche Techniken ihrer Spezialgebiete. „Das mathematische Schwierigkeitslevel dieses Projekts scheint sehr gut zu sein; wir müssen uns zwar anstrengen, sind aber optimistisch, interessante Resultate erzielen zu können.“
Autorin: Victoria Liesche
Dieser Beitrag stammt aus der Broschüre „Zwölf Monate, zwölf Menschen“, erschienen im März 2026.
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